22.10.2020
 7 Minuten

3 vergessene Innovationen der Uhrenwelt, die es nicht geschafft haben

Von Tim Breining
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3 vergessene Innovationen der Uhrenwelt, die es nicht geschafft haben

Gelegentlich erinnere ich mich an ein außergewöhnliches Konzept, das ein Uhrenhersteller vor einigen Jahren vorgestellt hat und frage mich, was daraus eigentlich geworden ist. Egal, ob eine Technologie schlicht nicht für die Serienproduktion geeignet war, oder nur der Zurschaustellung von Expertise dienen sollte: Viele hochinteressante Innovationen bleiben auch in der Uhrenbranche auf der Strecke, was vielfältige Gründe haben kann.

In diesem Artikel möchte ich ein paar eindrucksvolle Beispiele solcher vergessenen Konzepte vorstellen und wieder in Erinnerung rufen. Sie alle konnten sich nicht in der Serie etablieren oder man hörte von ihnen nach der Premiere in Konzeptuhren oder wenigen streng limitierten Zeitmessern kaum noch etwas.

Oscillomax von Patek Philippe

Zeitmesser von Patek Philippe setzen selten auf experimentelles und avantgardistisches Design. Was die Technik der Uhrwerke anbelangt, ist man bei der Traditionsmarke schon wesentlich experimentierfreudiger. Das ist auch der Tatsache zu verdanken, dass man sich frühzeitig im Konsortium mit Rolex, der Swatch Group und dem Schweizer Institut CSEM entsprechend strategisch aufstellte und den Werkstoff Silizium für Spiralfedern nutzbar machte. Schon die derzeitigen „Standarduhrwerke“ von Patek Philippe sind deshalb auf einem zeitgemäßen technischen Niveau.

Wem das nicht ausreicht, der sollte sich bei Patek Philippe Advanced Research, der Abteilung für besonders ambitionierte Entwicklungen, umsehen. Bei Advanced Research finden sich nicht nur interne Spezialisten der Manufaktur. Auch die Arbeiten externer Forscher an Hochschulen, beispielsweise an einem von Patek Philippe finanzierten Lehrstuhl für Mikromechanik an der EPFL in Lausanne, tragen zu den exklusiven Entwicklungen bei. Die Endergebnisse fließen in streng limitierte Zeitmesser und landen – nicht selten unter entsprechenden Respektsbekundungen – in sämtlichen Uhrenmedien. So beeindruckend und exklusiv diese Entwicklungen sind, so unwahrscheinlich ist es zumeist, sie später in den „gewöhnlichen“ Kollektionen oder überhaupt noch einmal in einer Uhr vorzufinden.

Ähnlich schien es mit der umfangreichen Entwicklung namens Oscillomax verlaufen zu sein. Sie umfasst die gesamte Hemmungsbaugruppe, also die Teilkomponenten Anker, Ankerrad und Unruhe mit Spiralfeder. Um jede der Teilkomponenten nicht nur aus Silizium zu fertigen, sondern vor dem Hintergrund der neuen Fertigungsmöglichkeiten völlig neu zu denken, gingen einige Jahre ins Land. Der Startschuss fiel bereits 2005, sechs Jahre vor der Vorstellung von Oscillomax, mit der Präsentation eines Ankerrads aus Silizium. Mit reduzierter Masse und Trägheit, Verschleißbeständigkeit und exzellenten Reibungseigenschaften verbaute man das Ankerrad in der limitierten Referenz 5250G.

Patek Philippe Ref. 5350R
Patek Philippe Ref. 5350R

Als nächstes kam die Spiralfeder in den Genuss der Siliziumtechnologie. Mit der Vorstellung der Spiromax-Feder ging man dazu über, die Hemmungskomponenten dieses Forschungsprojekts mit der Endung „-max“ zu versehen. Inspiration für die Namensgebung war sicherlich die von Patek Philippe bereits in den 1950ern etablierte Unruhe mit variabler Trägheit, die mit Gyromax bezeichnet wird. Nachdem im Jahr 2006 die Spiromax-Spirale in der Referenz 5350R debütierte, wurde zwei Jahre später das Ankerrad überarbeitet sowie ein Anker aus Silizium mit neuartiger Geometrie vorgestellt. Dieser Anker kam, dank der Werkstoffeigenschaften des Siliziums, völlig ohne Paletten, also synthetische Rubine, an seinen Funktionsflächen aus. Seine asymmetrische, organisch wirkende Form hebt sich stark von der klassischer Anker ab. Der nun fast vollständig überarbeiteten Hemmung gab man die Bezeichnung Pulsomax. Dieses Mal durfte die Referenz 5450P als Showcase herhalten.

Zufrieden gab man sich im Hause Patek Philippe damit noch nicht: Die Überarbeitung der Gyromax Unruhe, die zuvor noch aus konventionellem Unruhwerkstoff (Glucydur) bestand und in der üblichen Form als Reif in Pulsomax verbaut war, ließ man sich nicht nehmen. 2011 konnte man mit der Vorstellung der GyromaxSi-Unruhe als Bestandteil der nun vollständig neu konzipierten Hemmungsbaugruppe Oscillomax das Endergebnis der langjährigen Anstrengungen vorweisen. Abermals wurden Ankerrad und Anker neugestaltet. Sie wiesen nun eine noch komplexere Geometrie mit zahlreichen Aussparungen auf. Die innovative GyromaxSi-Unruhe mit Silizium-Grundkörper hat die Form einer Schleife, an deren beiden Enden Gold galvanisch aufgebracht ist. Somit konnte der Großteil der Masse weit außen positioniert werden, was eine ausreichend große Rotationsträgheit bei minimalem Gesamtgewicht garantiert. Zudem ist sie im Hinblick auf möglichst geringen Luftwiderstand gestaltet, was den Energieverbrauch der Hemmung senkt. Eine Feinjustierung erfolgt über die von der konventionellen Gyromax-Unruhe bekannten Justierschrauben.

Patek Philippe Ref. 5550P
Patek Philippe Ref. 5550P

Aus dem „gewöhnlichen“ Kaliber 240 Q, wenn man bei einem ewigen Kalender von gewöhnlich sprechen kann, wird durch den Einsatz der Oscillomax-Hemmung das Kaliber 240 Q Si. Dieses steigert die Gangreserve der Referenz 5550P von 48 auf 70 Stunden und verbessert die Gangstabilität enorm.

Wieso gehört diese scheinbare Erfolgsgeschichte in diesen Artikel? Mittlerweile gehört Silizium zum Standardrepertoire bei Patek Philippe, und etwa 90 % der mechanischen Uhrwerke von Patek nutzen bereits die Spiromax-Spiralen. Doch die innovativen Ankerräder, Anker und die GyromaxSi-Unruhe sucht man kollektionsübergreifend vergeblich. So faszinierend die Forschungsprojekte waren, so selten sind die Uhren – zumeist einmalige limitierte Releases – in denen diese bewundert werden können. Mit der letzten Vorstellung der Advanced Research Abteilung, der Aquanaut 5650G von 2017, widmete man sich gänzlich anderen Aspekten, nicht aber der Hemmung. Was Oscillomax und seine Komponenten angeht, ist unklar, ob diese jemals wieder in einem Zeitmesser der Manufaktur zu sehen sein werden, geschweige denn den Sprung in die Serienproduktion schaffen.

Patek Philippe Aquanaut 5650G
Patek Philippe Aquanaut 5650G

Die Audemars Piguet Hemmung

Und wieder dreht es sich um die Hemmung. Es vergeht mittlerweile kein Jahr in der Uhrenindustrie, in dem nicht einige fantastische Hemmungskonzepte in schicken 3D-Renderings präsentiert werden, die den Weg zu mehreren Monaten Gangreserve und ungekannter Präzision ebnen sollen. Einige dieser Projekte verschwinden im Nirvana, wieder andere befinden sich (vermutlich) noch in der frühen Entwicklungsphase. Das Beispiel der Audemars Piguet-Hemmung hat es immerhin in einige Uhren geschafft – aber nichts deutet darauf hin, dass sie jemals zum neuen Standard werden wird.

Von all den revolutionären Hemmungskonzepten, die in den vergangenen Jahrzehnten ersonnen wurden, kann nur George Daniels Co-Axial-Hemmung von sich behaupten, den Durchbruch in der Serienproduktion bei Omega erreicht zu haben. Die Audemars Piguet Hemmung, die bereits 2006 in einem Modell der damaligen Tradition d’Excellence-Kollektion erstmalig in Erscheinung trat, ähnelt der Co-Axial-Hemmung in gewissen Punkten. Sie zielt ebenfalls darauf ab, Reibung zu minimieren, indem die Funktionen der Impulsübertragung und des Anhaltens des Räderwerks getrennt werden. Die unter Inkaufnahme von Reibung zurückzulegende Strecke an den Rubinpaletten wird so um fast 90% reduziert. Anders als die Co-Axial-Hemmung, die während jeder Halbschwingung der Unruhe einen Impuls überträgt, tut die Audemars Piguet Hemmung dies nur einmal pro voller Schwingung, wie man es von der empfindlichen Chronometerhemmung kennt. Um dennoch eine zufriedenstellende Schockresistenz der Hemmung zu gewährleisten, wurde von Audemars Piguet ein Sicherheitsmechanismus ersonnen, der unerwünschte Fehlbewegungen des Ankers verhindert. Dieser clevere Mechanismus war der Schlüssel dafür, diese Hemmung für mobile Uhren nutzbar zu machen. Bereits im späten 18. Jahrhundert erfand der Uhrmacher Robert Robin das, was Audemars Piguet als ihre Hemmung adaptierte. Die fehlende Schockbeständigkeit sowie zu hohe Anforderungen an die Präzision in der Fertigung machten Robins Traum zu dessen Lebzeiten jedoch zunichte.

Eine weitere Besonderheit der AP-Hemmung ist die Verwendung von zwei gegenüber platzierten Spiralfedern, die die nichtkonzentrische Schwingung ihres jeweiligen Gegenparts aufheben. Dies stellt eine alternative zu Spiralen mit komplexen Endkurven nach Phillips, Breguet oder Gerstenberger dar.

Dank des Verzichts auf Schmierung an den Paletten, was wiederum durch die geringe Reibung erst möglich wurde, konnte die Frequenz auf gewaltige 6 Hertz gesetzt werden. Öle würden bei den damit verbunden hohen Geschwindigkeiten von den Paletten geschleudert werden, was schon bei 5 Hertz-Schnellschwingern problematisch sein kann. Trotz dieser hohen Frequenz bringt es das Uhrwerk dank zweier Federhäuser und der energieeffizienten Hemmung auf sieben Tage Gangreserve.

Audemars Piguet Ref. 26153OR.OO.D088CR.01
Audemars Piguet Ref. 26153OR.OO.D088CR.01

War 2006 seitens Audemars Piguet noch die Rede davon, mit der Zeit sämtliche Zeitmesser mit dieser Hemmung auszustatten, findet sich heute nurmehr ein als „unverkäuflich“ gelistetes Modell, die Referenz 26153OR.OO.D088CR.01 der Jules Audemars Kollektion, auf der AP-Homepage.

Das Uhrwerk Piaget 700p – Spring Drive nach Schweizer Art?

Piaget ist untrennbar mit ultraflachen Uhren verbunden und hat erst vor wenigen Jahren mit der Altiplano Ultimate Concept klargestellt, dass man dieser Kernkompetenz des Hauses treu bleiben wird. 2020 wurde aus dieser einstmaligen Konzeptuhr ein waschechtes Produktionsmodell – was man über das Kaliber 700p nicht sagen kann. Dieses Kaliber unterscheidet sich in der Namensgebung augenscheinlich wenig vom Kaliber 900p-UC der Altiplano, könnte aber unterschiedlicher nicht sein. Beim 700p handelt es sich um ein quarzreguliertes Hybridwerk, das größtenteils aus einem konventionellen mechanischen Getriebezug samt Zugfeder als Energiequelle besteht. Statt einer gängigen Ankerhemmung findet sich am Ende des Räderwerks ein stetig rotierendes, mit Quarzpräzision eingebremstes Rad.

Das klingt nicht nur in etwa so, wie die Funktionsweise der Spring Drive-Werke von Grand Seiko, sondern entspricht dieser weitestgehend. Die Vorstellung von Piagets Emperador-Modell mit dem Werk 700p erfolgte im für heutige Maßstäbe gigantischen 46,5mm-Kissengehäuse und in einer limitierten Stückzahl von 118 Modellen. Seitdem wurden keine neuen Modelle mit diesem Hybridwerk vorgestellt – auch von Weiterentwicklungen war seitens Piaget nicht mehr die Rede.

Piaget Emperador Coussin XL700P, Image: Bert Buijsrogge
Piaget Emperador Coussin XL700P, Image: Bert Buijsrogge

Der Verbleib dieser Entwicklung und die Ähnlichkeit zur Spring Drive-Technologie werfen einige Fragen auf. Zumindest die Antwort auf die zweite Frage ist bekannt und für den ein oder anderen sicherlich überraschend. Das Konzept von Spring Drive ist bereits einige Jahrzehnte alt und Grand Seiko benötigte auch Jahrzehnte, um die Technologie serienreif zu machen. Hierbei muss man bedenken, dass die Schaltkreistechnik in den 80ern noch bei weitem nicht den Grad an Miniaturisierung und Sparsamkeit im Stromverbrauch bot, den sie heute bietet. Im Klartext: Die Entwicklungsdauer wurde entscheidend durch den technischen Fortschritt in der Chiptechnologie geprägt. Für die Entwicklungsdauer des Kaliber 700p gibt Piaget etwa 2 Jahre an. Bediente man sich hierfür einfach an der Vorarbeit von Grand Seiko und profitierte von der Verfügbarkeit effizienter Schaltkreistechnologie?

Tatsächlich beruft sich Piaget auf eine 1972 eingereichtes Patent des Schweizers Jean-Claude Berney, in dem ein von einer Feder angetriebenes und durch einen Quarzoszillator reguliertes Uhrwerk beschrieben wird. Die Idee von dem Hybridkonzept, das heute faktisch nur als Spring Drive bekannt ist, geisterte in den 70er-Jahren also nicht nur durch den Kopf des Seiko Epson Ingenieurs Yoshikazu Akahane, sondern beschäftigte auch Ingenieure im Westen. Auch Asulab, der Forschungszweig des Swatch Group-Vorläufers Asuag, arbeitete an einem ähnlichen Hybridwerk mit der Bezeichnung HPM – High Precision Mechanics.

Piaget Emperador Coussin XL700P, Image: Bert Buijsrogge
Piaget Emperador Coussin XL700P, Image: Bert Buijsrogge

Dauerhaft etablieren konnten sich die Mechanik-Quarz-Hybride letztendlich nur bei Seiko, und in den Köpfen der meisten Enthusiasten gilt Spring Drive als das einzige, echte Hybridwerk. Während man die Kreation von Asulab nie erwerben konnte, haben ambitionierte Sammler dank Piagets Werk 700p immerhin die Möglichkeit, eine weitere Uhr mit diesem selten realisierten Antriebskonzept ihr Eigen zu nennen. Speziell unter Spring Drive-Liebhabern dürfte ein solcher Zeitmesser für angeregte Diskussionen sorgen.

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Tim Breining

Etwa 2014, während meines Ingenieurstudiums, begann ich mich für Uhren zu interessieren. Mit der Zeit wurde aus der anfänglichen Neugier eine Leidenschaft. Da …

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