27.06.2019
 6 Minuten

50 Jahre Automatikchronograph – Vintage-Schätze und moderne Interpretationen

Von Tim Breining
50 Jahre Automatikchronograph – Vintage-Schätze und moderne Interpretationen

50 Jahre Automatikchronograph – Vintage-Schätze und moderne Interpretationen

2019 zählt zu den Jahren, die in den Kalendern von Uhrendindustrie, -Enthusiasten und -Presse rot markiert sind. Mehrere Ereignisse von historischer Tragweite jähren sich zum fünfzigsten Mal. Das Jubiläum der Mondlandung vor einem halben Jahrhundert ist darunter sicherlich das geläufigste –  auch wenn man kein Uhren-Nerd sein muss, um diesen Anlass zu würdigen. Jubiläum Nr. 2 und Nr. 3 sind deutlich tiefer in der Uhrenindustrie verwurzelt – und eines davon war der Auftakt zu einem beispiellosen Wandel in der Uhrenwelt.

Ein Jubiläum, das fast in Vergessenheit geriet

Wie so oft geht es zunächst um die Quarzkrise, die zeitweise die letzten Stunden der mechanischen Uhren eingeläutet zu haben schien. Stellvertretend für deren Beginn wird oft die Vorstellung der ersten kommerziell erhältlichen Quarz-Armbanduhr, ebenfalls im Jahr 1969, genannt.

Wäre es nicht bei einer temporären Quarzkrise geblieben, dann hätte man Jubiläum Nr. 3 vermutlich längst vergessen. Nur Nostalgiker würden sich dann noch die tragische Geschichte von einem letzten Aufbäumen einer sterbenden Industrie erzählen. Doch wie wir alle wissen, kam es gänzlich anders: Das Geschäft mit mechanischen Zeitmessern blühte erneut auf und boomt – abgesehen von einigen Dürreperioden – bis heute. Dies ist auch der Grund, wieso sich das dritte Jubiläum – das der ersten automatischen Chronographen im Jahr 1969 – fest im Gedächtnis von Uhrenfans verankern konnte.

Aber: Ich will an dieser Stelle nicht die altbekannte Story erzählen – das haben andere schon in unzähligen Varianten und umfangreicheren Formaten getan. Ebenso widmen wir uns nicht der Frage, welche Firma nun der Sieger des Rennens um den ersten Automatikchronographen war. Dies hängt ohnehin stark davon ab, was man nun als Sieg definiert.

Ich möchte zeigen, wie Uhrenfans heute, 50 Jahre nach der Einführung des automatischen Chronographen, ein persönliches Stück vom Kuchen abbekommen können. Welche Modelle kann man heute noch zu fairen Preisen erwerben und welche modernen Uhren sind ebenbürtige Nachfolger? Hierfür betrachten wir Vintage-Modelle und – sofern vorhanden – moderne Nachfolger der ikonischen Chronographen der jeweiligen Hersteller.

Mühle Glashütte S.A.R. Flieger Chronograph
Heute sind Automatikchronographen weit verbreitet. Hier zu sehen: Der Mühle Glashütte SAR Flieger Chronograph

Der erste Kontrahent: Zenith

Die Firma, die sich als erstes das Ziel gesteckt hatte, einen automatischen Chronographen zu bauen und dies schließlich auch tat, war Zenith. Das Ergebnis dieser Entwicklung wurde wenig bescheiden auf den Namen „El Primero“ getauft. Dieses Erstlingswerk wird oft als das technisch sowie ästhetisch ansprechendste unter den drei vorgestellten Chronographenwerken gehandelt. Es fand nicht nur in Zenith-Uhren Verwendung, sondern auch bei Ebel, Daniel Roth (heute integriert in Bulgari) und Rolex. Während ein modifiziertes El Primero in älteren Versionen der Rolex Daytona mit 28.800 Halbschwingungen lief, weist es klassischerweise 36.000 Halbschwingungen auf. Das macht das El Primero zu einem Schnellschwinger. Ein für Chronographen essenzielles Merkmal, da so auch Zehntelsekunden noch korrekt erfasst und dargestellt werden können.

Als einziges in dieser Liste wird dieses Werk bis heute gebaut, was dem Mitarbeiter Charles Vermot zu verdanken ist. Er versteckte die Produktionsmittel Ende der 70er-Jahre vor einer angeordneten Verschrottung. Der damalige Besitzer Zenith Radio Corporation wollte sich auf billige Quarzwerke konzentrieren, und sah schlicht keinen Sinn im Erhalt der Produktionslinie.

Aufgrund von Vermots Weitsichtigkeit konnte die Produktion des Kalibers nach der Krise in Windeseile wieder hochgefahren werden. So kam es, dass das El Primero auch heute noch das Rückgrat der Kollektion sowie der Identität der Marke Zenith darstellt.

Die aktuelle Kollektion Chronomaster El Primero bietet über 70 verschiedene Modelle. Von schlichten Exemplaren im Vintage-Look bis zu komplexen skelettierten Zeitmessern steht da so einiges zur Auswahl. Sucht man nach einer jüngeren oder brandneuen Zenith mit El Primero, liegt man mit der zurückhaltend gestalteten Referenz 03.2150.400/69.M2150 sicher nicht falsch.

Wer auf ein Schnäppchen aus ist, der kann im Vintage-Bereich über den Tellerrand hinausschauen, da das El Primero wie bereits erwähnt nicht nur in Zenith-Uhren zu finden ist. Zwischen 1.000 und 2.000 € ist hier zwar einiges auf dem Markt, die Designs sind jedoch äußerst typisch für die 70er-Jahre und somit Geschmackssache. Besonders erwähnenswert ist die Zenith El Primero „TV Screen“, deren markantes Design zu diesem Spitznamen geführt hat. Zwar kein Schnäppchen, dafür aber einzigartig.

Der zweite Kontrahent: Das Konsortium Breitling-Heuer

Den zweiten Wettbewerber korrekt zu benennen, würde so manche Überschrift sprengen. Es handelte sich nicht um eine einzige Firma, sondern um ein Konsortium diverser Firmen, die jeweils unterschiedliche Aufgaben übernahmen.

  • Heuer: Anstoß des Projekts und Entwicklung von Gehäusen/Zifferblättern.
  • Breitling: Finanzierung und ebenfalls Entwicklung von Gehäusen/Zifferblättern.
  • Dubois-Dépraz: Entwicklung des Chronographenmoduls.
  • Hamilton-Buren: Die von Hamilton übernommene Buren Watch Company war für das Mikrorotor-Basiswerk verantwortlich.
TAG Heuer Autavia
TAG Heuer Autavia – Zu den Angeboten auf Chrono24Die aktuelle Autavia ist eine gelungene Neuinterpretation eines Klassikers (Bild: Bert Buijsrogge)

Das als Chronomatic oder Calibre 11 bekannte Ergebnis dieser Zusammenarbeit fand sich wenig überraschend in Uhren aller Kooperationspartner wieder, die nicht als reine Zulieferer agierten. Das Calibre 11 war insofern besonders, als dass es modular aufgebaut war. Das heißt, dass das Chronographenmodul als separate Einheit auf ein Basiswerk aufgesetzt wurde. Durch die ultradünnen Mikrorotorwerke von Buren konnte trotz dieser Bauweise eine geringe Gesamthöhe gewährleistet werden. Dass ein Calibre 11 verbaut war, sah man einer damaligen Uhr direkt aufgrund der markenten Platzierung von Krone und Drückern an. Erstere war jeweils auf der linken Gehäuseseite platziert, während die Chronographendrücker rechts zu finden waren.

Breitling war mit der Navitimer Chrono-Matic und dem Chronomat am Markt, Heuer mit sowohl Carrera, als auch Monaco und Autavia. Hamilton stellte mit der Chrono-Matic den wohl unbekanntesten Zeitmesser in dieser Riege, der aber nicht minder sammlerwürdig ist.

Hamilton Chrono-Matic Fontainebleau
Hamilton Chrono-Matic Fontainebleau – Zu den Angeboten auf Chrono24Ein Sammlerstück mit eigenwilliger Gestaltung: Hamilton Chrono-Matic Fontainebleau

Leider ist das ursprüngliche Calibre 11 bzw. Chronomatic-Werk nur in Vintage-Uhren zu haben. TAG Heuer bietet in der aktuellen Kollektion zwar ein Werk an, das auf die Bezeichnung Calibre 11 hört, aber mit dem ursprünglichen Calibre 11 wenig bis nichts zu tun hat. Stattdessen verbirgt sich dahinter ein Modulchronograph auf ETA- oder Sellita-Basis. Das Modul steuert aber nach wie vor die Firma Dubois-Dépraz bei.

Möchte man einen Chronographen mit dem ursprünglichen Calibre 11 (oder dessen Varianten) von 1969 sein Eigen nennen, kann man auf gebrauchte Modelle von Breitling oder Hamilton zurückgreifen, die für um die 2000 € zu haben sind. Wer ein Vintage-Original der Kultuhr Monaco erstehen will, wie sie Steve McQueen im Film Le Mans trug, der muss mit fünfstelligen Summen rechnen.

Die Monaco ist auch in der aktuellen Modellpalette von TAG Heuer nicht wegzudenken. Hier sticht aktuell die Monaco GULF Special Edition 50th Anniversary hervor, die die Kooperation mit GULF auf dem Zifferblatt gekonnt im Retro-Look präsentiert.

Heuer Monaco mit Calibre 11
Heuer Monaco mit Calibre 11

Der dritte Kontrahent: Seiko

Während in der Schweiz die zwei bereits genannten Konkurrenten fieberhaft an der Fertigstellung ihres Automatikchronographen arbeiteten, war Seiko in Japan ebenfalls damit beschäftigt. Anders als Zenith und vor allem Heuer, die die Markteinführung gebührend inszenierten, war das Seiko-Werk 6139 plötzlich einfach „da“.

Jack Heuer berichtete später, dass der damalige Seiko-Chef ihm an der Baselworld 1969 während eines Standbesuchs zum ersten Automatikchronographen gratulierte – zur selben Baselworld debütierte aber auch das Seiko 6139, das in Japan schon auf dem Markt war.

Das 6139 zeigt sich optisch eher zweckmäßig – die Uhren, in denen es eingeschalt wurde, waren keine High-end- oder Prestigemodelle. Dies kommt dem heutigen Käufer zugute: Eine Seiko 6139-6002 „Pogue“, wie sie von dem Astronauten William R. Pogue im All getragen wurde, ist schon für mittlere dreistellige Summen zu haben. Die Referenz 6139-7020 kommt ebenso günstig, weniger bunt, dafür aber mit ausgefallenem Gehäuse daher.

Auch das Kaliber 6139 wird schon lange nicht mehr produziert. Aufgrund des großen und (noch) erschwinglichen Angebots an Vintage-Modellen von Seiko kann man jedoch eine klare Kaufempfehlung für diese Modelle aussprechen.

Wer partout keine gebrauchte Uhr kaufen möchte oder wem die damaligen Designs von Seiko zu ausgefallen sind, dem kann man getrost aktuelle Chronographenmodelle von Seiko empfehlen. Der Seiko Presage Chronograph SRQ025J1 lässt sich schon für um die 1.500 € erstehen und wartet mit einem topmodernen Manufakturwerk auf.

Zwischen Vintage-Nostalgie und Innovation

Gerade bei Zenith und Heuer ist man sich des Kultstatus von El Primero bzw. Calibre 11 vollkommen bewusst. Das schlägt sich in den zahlreichen Hommagen, Neuauflagen und dem Marketing der Firmen nieder. Doch man ruht sich nicht nur auf den vergangenen Lorbeeren aus.

Zenith hat mit der Defy el Primero 21 einen in Sachen Innovationskraft würdigen Nachfolger für das El Primero vorgestellt. Dieser wird keinesfalls das Original aus dem Programm des Herstellers verdrängen, zeigt aber, dass man durchaus gewillt ist, aus dem Schatten vergangener Leistungen zu treten. Breitling hat heute mit dem B01 ein modernes Manufakturwerk im Angebot, das sogar an Tudor geliefert wird. Seiko hat – wie im letzten Abschnitt besprochen – zeitgemäße Eigenentwicklungen selbst in den unteren Preisregionen zu bieten.

Kurz: Die Hersteller lassen nichts anbrennen und widmen sich sowohl dem historischen Erbe als auch der zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit. Enthusiasten, die sich ein Stück dieser 50-jährigen Erfolgsgeschichte sichern wollen, können daher aus einem breiten Angebot schöpfen.

Lesen Sie mehr

Die Entwicklungsgeschichte des Automatikaufzugs – Teil 1

Das Rennen um die dünnste Uhr der Welt

Was ist ein Chronograph und wie funktioniert er?


Über den Autor

Tim Breining

Etwa 2014, während meines Ingenieurstudiums, begann ich mich für Uhren zu interessieren. Mit der Zeit wurde aus der anfänglichen Neugier eine Leidenschaft. Da …

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