21.07.2017
 5 Minuten

Besondere Vintage-Uhren: Universal Genève Polerouter

Von Tom Mulraney
Besondere Vintage-Uhren: Universal Genève Polerouter

Besondere Vintage-Uhren: Universal Genève Polerouter

Zweifellos erfreuen sich Vintage-Uhren weiterhin großer Aufmerksamkeit. Und zwar so sehr, dass man sich von einem kleinen Vermögen trennen muss, um ein historisch bedeutsames Exemplar zu erstehen. Doch wie immer im Leben: Wenn man ein wenig tiefer gräbt, kann man das eine oder andere Juwel finden.

Die Universal Genève Polerouter ist hierfür ein Beispiel. Vom legendären Gérald Genta in den frühen 1950er-Jahren entworfen, wurde die Polerouter schnell ein großer Erfolg. Sie befand sich auf Augenhöhe mit vergleichbaren Modellen von Rolex oder Omega. Zum Glück vieler Sammler kann man immer noch Exemplare in guter Qualität für 1.000-2.000 EUR finden.

Universal Genève

Universal Genève Tri-Compax
Universal Genève Tri-Compax – Zu den Angeboten auf Chrono24, Bild: Auctionata

Der Uhrenhersteller Universal Genève wurde 1894 in Le Locle, Schweiz ursprünglich als Universal Watch gegründet. Das Unternehmen betrieb die Uhrmacherei schon früh mit einem fortschrittlichen Ansatz und entwickelte dadurch einen guten Ruf in Europa sowie Nord- und Südamerika. 1919 wurde die Firma nach Genf verlagert. Dort begann wurde intensiv an der Entwicklung des Automatik-Aufzuges für Armbanduhren gearbeitet.

1934 wechselte die Firma ihren Namen in „Universal Watch Co. Ltd. Genève”. In jener Zeit wurden mehrere Chronographen entwickelt und auf den Markt gebracht. Die Zeitmesser stießen auf viel Zustimmung und der Name Universal Genève wurde schnell zum Synonym für Qualität und Innovation. Tatsächlich war das Unternehmen so erfolgreich, dass die Fabrik in Genf die Nachfrage nach den populären Modellen Compur und Compax nicht mehr decken konnte. 1941 eröffnete man eine neue Chronographenfabrik in Pont-de-Martel. Im Jahr 1944 folgte ein Tri-Compax-Modell, das sich zu einem weiteren sehr erfolgreichen Modell für die Firma entwickelte.

Gérald Genta Design

Universal Genève Polerouter
Universal Genève Polerouter – Zu den Angeboten auf Chrono24, Bild: Auctionata

Wenn Sie dies als Uhrenliebhaber lesen, werden Sie mit dem Namen Gérald Genta sicher bereits vertraut sein. Schließlich ist der Schweizer Designer verantwortlich für einige der bekanntesten Uhren-Entwürfe der modernen Geschichte, darunter die Royal Oak von Audemars Piguet, die Nautilus von Patek Philippe und die Ingenieur SL von IWC. Fast zwanzig Jahre bevor Genta die Royal Oak für AP ersann, wurde er von Universal Genève angesprochen.

Die Schweizer Uhrmacher beauftragten Genta damit, im zarten Alter von 23 Jahren eine Uhr zu entwerfen, die an die Polarflüge der Scandinavian Airlines Systems (SAS) aus New York und Los Angeles direkt nach Europa erinnern sollte. Heutzutage scheinen diese Flüge nicht denkwürdig zu sein, aber damals waren sie eine große Sache. Es war das erste Mal, dass eine kommerzielle Fluggesellschaft über den geographischen Nordpol flog. Die Abkürzung ermöglichte der SAS, die Flugzeit von Kopenhagen nach Los Angeles auf rund 24 Stunden zu verringern – ohne einen dreistündigen Zwischenstopp in Kanada.

Allerdings brachte der Flug über den Nordpol seine eigenen Herausforderungen mit sich. Von diesen waren die extremen Magnetfelder am meisten zu berücksichtigen. Sie legten die Navigations- und Zeitinstrumente der SAS-Maschinen völlig lahm, samt der Armbanduhren der Besatzung. Die Fluggesellschaft konnte ein neues Navigationssystem entwickeln und hatte damit ein Problem weniger. Aber für die Lösung der Zeitfrage musste die SAS sich an ihren offiziellen Uhrenlieferanten Universal Genève wenden.

Universal Genève verstand sich bereits gut auf die Technik antimagnetischer Zeitmesser und zog Genta für das Design hinzu. So entstand die neue Dienstuhr für Piloten der Fluglinie. Die erste Version zeigte das SAS-Emblem auf dem Zifferblatt und wurde der Crew am Ende des Jungfernfluges nach Los Angeles überreicht. Aus diesem Grund hieß die Uhr ursprünglich Polarouter. Sie wurde aber später in Polerouter umbenannt. Die Legende war geboren.

Die Polerouter

Vintage Universal Genève Polerouter
Vintage Universal Genève Polerouter, Bild: Auctionata

Nachdem die Entwicklung der Spezialserie für die SAS-Besatzungen abgeschlossen war, wurde die Polarouter 1954 auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das erste Modell war mit dem gleichen Automatikkaliber 138SS wie die SAS-Version ausgestattet. Nach relativ kurzer Zeit wurde die Uhr in Polerouter umbenannt und mit dem Kaliber 215 „Microtor” versehen. Es war ein komplett neues Automatikwerk mit einem sehr innovativen Micro-Rotor-Aufzugssystem.

Kaliber 215 “Microtor”

Universal Genève Polerouter Movement
Universal Genève Polerouter Movement, Bild: Auctionata

Das Kaliber 215 „Microtor” und die späteren Cal 218-1 und 218-2 sind die wohl bekanntesten Uhrwerke von Universal Genève. Sie waren die Vorläufer des inzwischen legendären Cal. 69. Annonciert als flachstes Automatikwerk seiner Zeit, war der Micro-Rotor in der Lage, die Zugfeder in beide Richtungen aufzuziehen, so dass mehr Energie gespeichert werden konnte. Dies führte zu einer Gangreserve von 60 Stunden, die vor allem für jene Zeit beeindruckend war. Der Rotor war mit Roségold in einem „Colimaconnage”-Finish beschichtet, während das Uhrwerk selbst mit einer feinen „Fausses Côtes de Genève”-Dekoration rhodiniert wurde.

Zur gleichen Zeit arbeiteten Buren und Hamilton an einem ähnlichen Konzept. Die Konsequenz daraus: Obwohl Universal Genève im Jahr 1955 das Caliber 215 „Microtor” eingeführt hatte, konnte das Unternehmen die Erfindung bis 1958 nicht patentieren, da es zwischenzeitlich zu einem längeren juristischen Scharmützel kam. Daher sind die Werke aus den ersten Produktionsjahren mit dem Schriftzug „Patented Rights Pending” unter dem Rotor gestempelt.

In den darauffolgenden eineinhalb Jahrzehnten folgten zahlreiche weitere Polerouter-Modelle. Neben dem klassischen Gehäuse mit „Bombe”-Bandanstößen und einem inneren Indexring (Polerouter, Polerouter de Luxe, Polerouter Date) gab es auch neuere Modelle mit anderen Gehäusen und Zifferblättern (Polerouter Jet, Polerouter Super, Polerouter Genève, Polerouter Compact, Polerouter NS, Polerouter III, Polerouter Sub). Es ist schwer, unter all diesen Varianten einen Favoriten zu wählen. Aber bei mir persönlich läuft es auf die Polerouter Date und die Polerouter Sub hinaus.

Polerouter Date

Universal Genève Polerouter Date
Universal Genève Polerouter Date – Zu den Angeboten auf Chrono24, Bild: Auctionata

Die Polerouter Date ist eine klassische Dresswatch. Zum Zeitpunkt ihrer größten Popularität wurde sie in einem Atemzug mit der Rolex Oyster Date und der Omega Seamaster Date genannt. Das Design von Gérald Genta wirkt mit dem 34-mm-Gehäuse heute so zeitlos wie damals. Ich liebe das asymmetrische Datumsfenster und das aufgeräumte Zfferblatt. Versionen aus den 1950er-Jahren werden typischerweise vom 218-2 angetrieben, während spätere Modelle mit dem berühmten Cal. 69 ausgestattet sind.

Polerouter Sub

Vintage Universal Genève Polerouter
Vintage Universal Genève Polerouter

Nach dem Erfolg der Polerouter-Dresswatches in den 1950ern ging im Jahr 1961 die Polerouter Sub an den Start und blieb bis etwa 1968 in Produktion. Ebenfalls von Genta entworfen, war die Sub ein größeres, sportlicheres Gerät und für Freizeittaucher sowie Segler bestimmt. Grob gesagt, existieren zwei Hauptversionen der Sub: ein Ein-Kronen-Modell und die Super Compressor mit zwei Kronen, die als sehr selten gilt. Vom Ein-Kronen-Modell gibt es verschiedene Varianten mit einer Vielzahl von Zifferblatt-/ Zeiger-Kombinationen, Lünettenfarben und Materialien sowie Variationen der Kronenform. Im Laufe der Jahre hat die Polerouter Sub an Beliebtheit gewonnen, so dass sie heute relativ schwer zu finden ist.

Wenn Sie auf dem Uhrenmarkt unterwegs sind, um Ihre erste Vintage-Uhr zu kaufen, können Sie mit der Polerouter von Universal Genève nichts falsch machen.


Über den Autor

Tom Mulraney

Ich wuchs in den 1980er- und 90er-Jahren in Australien auf. In der Stadt, in der ich lebte, gab es keine nennenswerte Uhren-Szene. Lediglich ein Händler hatte …

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