27.07.2020
 7 Minuten

Das sind die exklusivsten Uhrwerkshersteller

Von Tim Breining
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Das sind die exklusivsten Uhrwerkshersteller

Vor einer Weile haben wir im Magazin die wichtigsten Zulieferer von Uhrwerken vorgestellt, um Neulingen eine solide Wissensbasis für anstehende Uhrenkäufe zu bieten. Bewusst beschränkten wir uns auf die Big Player, die vornehmlich in preiswerten Uhren vertreten sind und einen Löwenanteil des Markts unter sich aufteilen. Diesmal soll es um jene Firmen gehen, die in Sachen Marktanteil und Stückzahlen zwar nicht vorne mitspielen, dafür aber mit einzigartiger Expertise und Exklusivität punkten. Statt Werke von der Stange bieten diese Hersteller speziell auf den Kunden zugeschnittene, oder sogar extra für diesen entwickelte Uhrwerke an. Aus diesem exklusiven Kreis stellen wir drei seiner Vertreter, deren Hintergründe und natürlich ihre wichtigsten Kreationen vor.

Agenhor

In den vergangenen Jahrzehnten waren High-End Werkehersteller oft nur Branchenkennern bekannt, da Marken sich lieber selbst mit den eingekauften mechanischen Meisterwerken schmückten. Mittlerweile pflegen immer mehr Marken einen offenen Umgang mit der Herkunft ihrer High-End Werke, was dazu geführt hat, dass auch der Bekanntheitsgrad der sonst im Hintergrund agierenden Ateliers zugenommen hat. Einige High End-Werkeentwickler haben es zu solch einem guten Ruf gebracht, dass eine Kooperation fast schon Garant für Anerkennung unter Sammlern ist. Die Genfer Firma Agenhor zählt sicherlich zu diesem Kreis. Es genügt, einen Blick auf die Referenzen dieses Spezialisten für Komplikationen zu werfen, um festzustellen, dass es sich hier nicht um ein Leichtgewicht handelt: Parmigiani Fleurier, Van Cleef & Arpels, Harry Winston, Arnold & Son, MB & F und nicht zuletzt H. Moser & Cie, deren faszinierende Streamliner Flyback-Chronographen auf dem wirklich revolutionären Chronographenkaliber „Agengraphe“ basiert.

Bevor wir auf dieses absolut außergewöhnliche Uhrwerk zu sprechen kommen: Wer oder was verbirgt sich hinter Agenhor? Gegründet wurde die Firma 1996 vom Uhrmacher Jean-Marc Wiederrecht und seiner Frau Catherine. Zuvor arbeitete Wiederrecht bereits an komplizierten Uhren, und zwar vornehmlich an retrograden Mechanismen, zusammen mit einem Partner. Dieser Partner war übrigens kein Geringerer als der 2017 verstorbene Roger Dubuis, der später die gleichnamige Marke gründen sollte.

Agenhor steht vor allem für die Entwicklung komplexer Mechanismen, nicht für eine umfangreiche, vertikal integrierte Produktion. Jean-Marc Wiederrecht war immer von dem traditionellen Schweizer System der spezialisierten Zulieferer überzeugt. Geringe Stückzahlen sowie bestimmte High-Tech Komponenten lassen sich in einem kleinen Atelier ohnehin nicht wirtschaftlich produzieren. Eine solche hochspezialisierte Komponente ist beispielsweise ein federndes Zahnrad, dessen geteilte Zähne Spiel im Mechanismus sowie durch ihre Elastizität Beschädigungen durch Überlast verhindern können. Es wurde im LIGA-Verfahren vom Spezialisten Mimotec gefertigt, und ein zugehöriges Patent wurde Jean-Marc Wiederrecht bereits im Jahr 2002 erteilt. Lösungen mit ähnlichen elastischen Zahnrädern findet man in der limitierten Breitling Chronoworks von 2016 sowie in der markanten Patek Philippe 5212A, die auf der Baselworld 2019 gezeigt wurde.

Patek Philippe 5212A
Patek Philippe 5212A

Abgesehen von den außerirdischen Kreationen für MB&F bauten die meisten Kreationen von Agenhor auf bestehenden Werken auf, die dann mit eigens konzipierten Komplikationsmodulen bestückt wurden. Mit dem eingangs schon erwähnten Uhrwerk Agengraphe brachte man schließlich ein von Grund auf neu entwickeltes Werk heraus, das man durchaus als eine der radikalsten und revolutionärsten uhrmacherischen Neuentwicklungen der letzten Jahre bezeichnen kann. Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich um einen Chronographen, der mit fast 500 Komponenten, zahlreichen Patenten und nie zuvor gesehen Lösungen antritt, um Unzulänglichkeiten der klassischen Chronographen auszumerzen.

Der Agengraphe: Die Fakten

Zunächst einmal kommt der Agengraphe ohne Totalisatoren aus, da sich alle Zeiger um eine zentrale Achse drehen. Springende Stunden- und Minutenzähler garantieren die exakte Ablesbarkeit. Ein völlig neuartiger Kupplungsmechanismus vereint die Vorteile der klassischen horizontalen und der moderneren vertikalen Kupplung, ohne die jeweiligen Nachteile zu erben. Bekanntermaßen neigen Chronographen mit horizontaler Kupplung dazu, beim Einkuppeln zu Stottern, da nie garantiert werden kann, dass Zahn genau auf Zahnlücke trifft. Hier behilft man sich üblicherweise durch ein sehr feines und spitz verzahntes Rad, was wiederum schneller verschleißt. Die „Agenclutch“ (ja, man fand diesen Mechanismus offenbar so bahnbrechend, dass ihm eine eigene Bezeichnung gebührt) ist eine horizontale Kupplung mit zwei Räderebenen, wobei ein Räderpaar ohne Zähne durch Reibkontakt Kraft überträgt, während eine zusätzliche Räderebene mit einer speziellen Zahngeometrie auch bei Erschütterungen ein merkliches Verrutschen und somit eine Verfälschung der Messung verhindert. Der Automatikrotor des Werks läuft um die zentrale Achse auf der Zifferblattseite, so dass der Begutachtung der Rückseite nichts im Wege steht. Sogar eine eigene Regulierungsvorrichtung für die Spiralfeder hat Agenhor sich für dieses Werk einfallen lassen, doch damit sind immer noch nicht alle Qualitäten dieses Meisterstücks aufgezählt.

Singer Track 1
Singer Track 1

Zum ersten Mal sah man den Agengraphe im eingeschalten Zustand bei Fabergé im Visionnaire Chronograph. Größere Mainstream-Bekanntheit erlangte die Singer Track 1 von Singer Reimagined, die prompt den Chronographenpreis des Grand Prix d’Horlogerie de Genève 2018 gewann. Nur einer von vielen GPHG-Siegen für Agenhor, die mit der Auszeichnung des Gründers als bester Uhrmacher 2007 ihren Anfang nahmen, und man kann davon ausgehen, dass es nicht der letzte sein wird.

Vaucher Fleurier

Woran denken Sie, wenn Sie nach den klassischen Zielen einer (gemeinnützigen) Stiftung gefragt werden? Vielleicht Stärkung des Bildungswesens, Verbesserungen im Gesundheitswesen oder Unterstützung der Kunst? Auch das gehört zu den Feldern, auf denen die Sandoz-Familienstiftung, gegründet vom Erben eines großen Schweizer Pharmakonzerns, aktiv ist. Aber uns interessieren die uhrmacherischen Aktivitäten dieser Stiftung, die einen in dieser Form wohl einzigartigen Mikrokosmos von Herstellern verschiedenster Uhrenkomponenten rund um die Marke Parmigiani Fleurier geschaffen hat.

Die Entscheidung zu einem solchen Schritt erwuchs aus dem Kontakt zum renommierten Uhrenrestaurator Michel Parmigiani, dem eine Sammlung der Stiftung zur Restaurierung anvertraut wurde. Beeindruckt vom außergewöhnlichen Talent von Michel Parmigiani entschloss sich die Stiftung, in ihn und seine Marke zu investieren, sie schließlich unter ihrem Dach aufzunehmen und den Haute-Horlogerie-Anspruch durch den sukzessiven Zukauf von Gehäuse-, Drehteil und Zifferblattherstellern zu unterstreichen. Selbst die Hemmungsherstellung wird mittlerweile in der Gruppe durch die Firma atokalpa beherrscht – und natürlich die Konzeption und Herstellung eigener Uhrwerke durch Vaucher Fleurier.

Da derartige Kapazitäten für die Marke Parmigiani Fleurier recht exzessiv erscheinen, ist es wenig überraschend und sicherlich wirtschaftlich sinnvoll, dass Vaucher Fleurier und auch die anderen unter der Sandoz-Stiftung vereinten Firmen ebenfalls für externe Kunden tätig sind. So soll die Marke Vaucher Private Label qualitätsorientierten jungen Firmen und Microbrands den wirtschaftlichen Zugang zu hochwertigen Uhrwerken ermöglichen, deren in-house Fertigung schlicht nicht darstellbar wäre. Hierzu bietet Vaucher Kleinserien ab 25 Einheiten an, wobei pro Werk dann ein Preis deutlich unter 2000 CHF im Einkauf zu zahlen ist.

Czapek Faubourg de Cracovie
Czapek Faubourg de Cracovie

Zu den High-End Produkten von Vaucher zählen auch Tourbillonwerke sowie das zeitgemäße, integrierte High-Beat Chronographenwerk VMF 6710, verbaut im Modell Faubourg de Cracovie von Czapek, der durch Crowdfunding finanzierten Haute Horlogerie-Marke. Wenige Jahre zuvor präsentierte man unter der Bezeichnung PF361 ein noch exklusiveres Chronographenwerk mit Schleppzeiger in der Parmigiani Tonda Chronor. Entsprechend stellt das VMF 6710 eine „rationalisierte“ Version für externe Kunden dar, dem man die technische Nähe zum PF361 ansieht.

Der Bestseller von Vaucher dürfte aber die Werksfamilie 5400 sein, ein Dreizeigerwerk mit kleiner Sekunde und Mikrorotor. Dieses Werk steckt unter anderem in der Slim d’Hermès. Besonders in der Ausführung mit Emaille-Zifferblatt von Donzé Cadrans zeigt diese Uhr, wie man trotz des Rufs als „Modemarke“ glaubhaft im Markt für mechanische Luxusuhren auftreten kann. Hermès hält mittlerweile 25% der Anteile an Vaucher Fleurier, was die fruchtbare Zusammenarbeit bezeugt. Selbstverständlich wird dieselbe Werksbasis auch intern genutzt, beispielsweise in der höherpreisigen Parmigiani Tonda 1950, die für den Mehrpreis auch einen höheren Veredelungsgrad der Werksoberflächen bietet.

Parmigiani Tonda 195
Parmigiani Tonda 195

Chronode

Auch die dritte Firma, die wir hier vorstellen möchten, ist nur eingefleischten Enthusiasten bekannt. Von den Uhren, an deren Entwicklung Chronode beteiligt war, kann man das nicht unbedingt sagen.

Gegründet wurde Chronode 2005 von Jean-Francois Mojon, der zuvor eine leitende Rolle bei IWC bekleidete. Der Erfolg lies auch in Gestalt des Preises für den besten Uhrmacher beim Grand Prix d’Horlogerie de Genève 2010 nicht lange auf sich warten. Eine Errungenschaft, die er sich interessanterweise mit Jean-Marc Wiederrecht von Agenhor teilt. Auch zu Vaucher Fleurier lässt sich ein Bogen schlagen: Eine der aktuellsten Entwicklungen von Chronode tickt in der Hermès Arceau L’Heure De La Lune mit ihrer imposanten Mondphasenkomplikation. Möglich gemacht wurde dies durch ein Modul von Chronode, aufbauend auf einem Basiswerk von Vaucher. Und bevor die junge Marke Czapek das zuvor besprochene Chronographenwerk von Vaucher verbaute, gestaltete Chronode das Uhrwerk des ersten Czapek-Modells Quai de Bergues… Die Welt der hochwertigen Uhrwerksentwickler scheint eine kleine zu sein.

Hermès Arceau L’Heure De La Lune
Hermès Arceau L’Heure De La Lune

Dass ihr Einfluss ganz und gar nicht klein ist, zeigen die uhrmacherischen Schwergewichte, denen Chronode seine Expertise zur Verfügung gestellt hat. Bei der zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung einmaligen HYT H1 zeichnete sich Chronode für den uhrmacherischen Part verantwortlich (die Zeitanzeige durch farbige Flüssigkeiten in dünnen Glaskapillaren war der HYT-Tochter Preciflex anvertraut).

Auch für Harry Winston, eine Marke, die bereits zahlreiche Ausnahmetalente der Uhrmacherei für ihre Opus-Modellreihe verpflichtet hat, war Chronode aktiv. Es handelte sich um das Modell Opus X, dessen Zifferblätter wie Planeten in einem Sonnensystem ihre Bahnen ziehen.

Ähnlich wie Harry Winston handhabt es Max Büsser von MB&F: Das F steht für „Friends“, womit die Kollaborateure gemeint sind, die an den Entwicklungen der ikonischen Modelle beteiligt sind. Jean-Francois Mojon von Chronode ist zusammen mit Kari Voutilainen für die gefeierte Legacy Machine LM1 sowie das Folgemodell LM2 verantwortlich. Dasselbe gilt für die von Supersportwägen inspirierte Horological Machine HM5, bei der neben Mojon noch ein weiterer Mitarbeiter von Chronode, Vincent Boucard, als Schöpfer des Werks ausgewiesen ist.

MB&F Legacy Machine, Bild: Bert Buijsrogge
MB&F Legacy Machine, Bild: Bert Buijsrogge

Wem die bisher genannten Entwicklungen von Chronode zu ausgefallen sind, dem sollte das Werk UJS08 von Urban Jürgensen zusagen. Dahinter steckt die erste Chronometerhemmung in einer Armbanduhr, wobei nicht nur die Miniaturisierung dieser Präzisionshemmung, sondern auch die Stoßempfindlichkeit und fehlende Selbststartfähigkeit zu meistern war. Mojon konnte hier auf die Vorarbeit des genialen Derek Pratt bauen, der verstarb, bevor das von ihm ersonnene Konzept realisiert werden konnte.

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Etwa 2014, während meines Ingenieurstudiums, begann ich mich für Uhren zu interessieren. Mit der Zeit wurde aus der anfänglichen Neugier eine Leidenschaft. Da …

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