09.05.2019
 6 Minuten

Die Entwicklungsgeschichte des Automatikaufzugs – Teil 2

Von Tim Breining
Die Entwicklungsgeschichte des Automatikaufzugs – Teil 2

Die Entwicklungsgeschichte des Automatikaufzugs – Teil 2

In Teil 1 haben wir die Grundlagen des modernen Automatikaufzugs sowie dessen historische Varianten bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts betrachtet.

Im Verlauf der 1950er Jahre hatte sich der Rotor als die dominante Lösung etabliert. Die Konstrukteure der verschiedenen Hersteller perfektionierten den Automatikaufzug jedoch weiter und verbesserten vor allem dessen Integration im Uhrwerk.

Automatikwerk von Girard Perregaux
Automatikwerk von Girard PerregauxGirard Perregaux Laureato – Zu den Angeboten auf Chrono24Bild: Bert Buijsrogge

Die Entwicklung der Automatikuhr schreitet weiter voran

Ein erster solcher Schritt gelang 1948 Eterna, indem sie Miniaturkugellager als Rotorlager einführten. Das reduzierte Verschleiß, Toleranzen und Schmierungsprobleme im Vergleich zu bisher verwendeten Gleitlagern. Jede der fünf winzigen, über den Umfang des Lagers verteilten Kugeln hat ein Gewicht in der Größenordnung von 1/1000 Gramm. Um der Relevanz dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, änderte Eterna sogar das Firmenlogo, welches bis heute die fünf Kugeln des Lagers in stilisierter Form zeigt. Nahezu jedes aktuell hergestellte Automatikwerk verwendet ein Kugellager für den Rotor. Ist dies der Fall, so lassen sich die filigranen Kugeln zwischen Innen- und Außenring des Lagers meist auch mit bloßem Auge erkennen. Prominente Ausnahmen stellen das Omega Co-Axial Kaliber 8500 sowie das Rolex 3135 der Submariner dar. Hier übernehmen keramische Gleitlager bzw. solche aus synthetischen Edelsteinen die Aufgabe der Rotorlagerung.

Das DUW 6101 ist ein modernes und schlankes Automatikkaliber von NOMOS Glashütte.
Das DUW 6101 ist ein modernes und schlankes Automatikkaliber von NOMOS Glashütte.Zu den Angeboten auf Chrono24Bild: Bert Buijsrogge

Glasböden waren zur damaligen Zeit aber noch nicht verbreitet, weshalb man Automatikuhren nicht durch einen schnellen Blick auf die Werkseite identifizieren konnte. Dafür war die überdurchschnittliche Höhe einer automatischen Dreizeigeruhr im Vergleich mit einem äquivalenten Handaufzugsmodell ein eindeutiges Indiz. In den meisten Fällen baute der Rotor als Modul auf einem bestehenden Werk auf. Die Folge war eine deutlich größere Gesamthöhe gegenüber Handaufzugsmodellen. Es waren jedoch vor allem flache und elegante Uhren gefragt – eine Herausforderung, der sich die Buren Watch Company und Universal Genève stellten. Die Lösung: Ein dezentraler Mikrorotor zwischen Werksober- und Unterseite, um den das Räderwerk platzsparend herumgeführt wird.

Die Exoten unter den Automatikwerken

Das Preiswunder:

Dank moderner Fertigungsverfahren und strengster Toleranzen lassen sich heute ausreichend flache Automatikwerke auch mit Zentralrotor herstellen. Uhrwerke mit Mikrorotoren sind zur seltenen Spezies geworden und man findet sie vornehmlich in high-end Zeitmessern, wo sie den Blick auf die reichlich verzierten Werkbrücken und Komponenten freigeben. Dies war nicht immer der Fall, was das Ronda Harley beweist: Ronda – heute primär als Hersteller von Quarzwerken bekannt – wollte in den 80er-Jahren mit diesem kostenoptimierten Mikrorotorwerk mit den aufkommenden Quarzwerken konkurrieren. Der damalige Preis einer Uhr mit Ronda Harley? Nicht einmal eine dreistellige Summe!

Aber wodurch ergeben sich solche Preisunterschiede? Damit ein Mikrorotor die nötige Aufzugsleistung beibehält, muss er aus äußerst dichtem Material bestehen. Der Rotor einer durchschnittlichen Uhr wird heute meist im Sinterverfahren aus einer Wolframlegierung gefertigt. Dadurch wiegt er bei identischen Maßen kaum weniger als Platin- oder Goldrotoren, ist jedoch deutlich preiswerter. Dennoch greift man – gerade in der Haute Horlogerie – auch noch auf Edelmetalle zurück.

Mikrorotor aus massivem Gold in einem Uhrwerk der 240er-Serie von Patek Philippe
Mikrorotor aus massivem Gold in einem Uhrwerk der 240er-Serie von Patek PhilippePatek Philippe 5140P – Zu den Angeboten auf Chrono24Bild: Bert Buijsrogge

Der Außenseiter:

Noch seltener als der Mikrorotor ist lediglich der periphere Rotor, der an der Außenseite des Werks umläuft und auch dort gelagert wird. Seine Vorteile liegen auf der Hand: Das Werk gewinnt lediglich an Durchmesser, nicht an Höhe und der Blick auf veredelte Werkbrücken bleibt erhalten. Obwohl man ihn bereits in den 50er-Jahren konzipierte, realisierte man ihn aufgrund technischer Schwierigkeiten vorerst nicht im großen Stil. Eine dieser Schwierigkeiten ist der bauartbedingte und gegenüber konventionellen Rotoraufzügen sehr kurze Hebelarm.

Erst 2008 gelang es der Marke Carl F. Bucherer eine großserienfähige Version des peripheren Rotors zu präsentieren. Eine von diesem Werk abgeleitete Variante findet sich in dem Modell Manero Peripheral. Neben dieser Ausnahme findet sich der periphere Rotor vornehmlich in streng limitierten und exklusiven Uhren, wie etwa der Royal Oak Offshore Selfwinding Tourbillon Chronograph oder der Bulgari Octo Finissimo Tourbillon Automatic.

Unterschiedliche Lebensstile der Träger wirken sich auf die Gestaltung aus

Trotz all der Innovationen lassen sich bestimmte systematische Probleme nicht ohne weiteres durch Designanpassungen beseitigen. Dazu zählt, dass unterschiedliche Uhrenträger auch unterschiedliche Lebensstile pflegen. Jedes Modell muss so konzipiert sein, dass es selbst am Handgelenk eines inaktiven Besitzers ausreichend aufgezogen wird. Bei besonders aktiven Trägern führt das aber unweigerlich dazu, dass mehr Aufzugsenergie ihren Weg in die Uhr findet, als die Feder aufnehmen kann. Wohin mit dieser überschüssigen Energie?

Ein sogenannter Gleitzaum, der wie eine Rutschkupplung funktioniert, ist mit der Innenwand des Federhauses nur kraftschlüssig verbunden. Bei unzulässig hoher Federspannung kann die Feder ein Stück im Federhaus verrutschen, entspannt sich etwas und zerbricht somit nicht. Sollten Sie sich jemals darüber gewundert haben, wieso man eine Automatikuhr beliebig lange aufziehen kann, ohne dass man an einen Anschlag gelangt: Hier haben Sie die Antwort.

Leider bringt diese Lösung ein neues Problem mit sich: Wenn der Gleitzaum allzu oft durchrutscht, verschleißt das Bauteil auch schneller, gerade bei sehr aktiven Trägern. Der Konstrukteur kann dem zumindest entgegenwirken, indem er das System genau abstimmt. Dadurch erreicht man, dass sich der Rotor mit steigendem Aufzug sukzessive verlangsamt, wie es etwa beim NOMOS DUW 3001 der Fall ist.

Das weit verbreitete, automatische Chronographenwerk Valjoux 7750, hier in der Sinn 103 Sa. Charakteristisch: der Rückermechanismus und das Rotorlager.
Das weit verbreitete, automatische Chronographenwerk Valjoux 7750, hier in der Sinn 103 Sa. Charakteristisch: der Rückermechanismus und das Rotorlager.Zu den Angeboten auf Chrono24Bild: Bert Buijsrogge

Wenn der Preis keine Rolle spielt…

In der sechsstelligen Preisregion buhlen einige extravagante Zeitmesser mit ebenso extravaganten Detaillösungen um ihre potenziellen Käufer. Die UR-202 von URWERK hat auf der Gehäuserückseite einen Schalter mit drei „Aktivitätsleveln“, von „Standard“ über „Sport“ bis „Extreme“. Zwei winzige, vom Rotor angetriebene Schaufelräder pumpen Luft durch einen Querschnitt. Dieser wird durch den Schalter vergrößert oder verkleinert, wodurch der Widerstand ab- oder zunimmt. So kann die Aufzugsleistung jederzeit individuell justiert werden.

Richard Mille präsentierte mit der RM 030 einen nicht minder komplexen Mechanismus. Ihr Rotor koppelt sich automatisch vom Federhaus ab, sobald ein gewisses Niveau an Gangreserve erreicht ist. Zusätzlich lässt sich die Trägheit des Rotors vom Uhrmacher anpassen, so dass die Aufzugsleistung auf den jeweiligen Träger zugeschnitten ist.

Die Zukunft der automatischen Uhr

Der Rotoraufzug wurde in den 1770er-Jahren erdacht, trat seinen Siegeszug dank Rolex im Jahr 1933 an und scheint heute konkurrenzlos zu sein. Doch keine Technologie ist für die Ewigkeit gerüstet. Schon seit vielen Jahren ist die Uhrenindustrie durch hochmoderne Produktionsmethoden der Mikrosystemtechnik im Umbruch. Mit diesen High-Tech Verfahren (zu nennen sind hier vor allem LIGA sowie DRIE) kann man eine Vielzahl von Kleinteilen in einem einzigen Arbeitsgang herstellen. Dabei werden Toleranzen im Tausendstel Millimeter-Bereich eingehalten, ohne dass man Werkstücke nachbearbeiten muss.

Der innovative Automatikaufzug der Ulysse Nardin Freak Vision
Der innovative Automatikaufzug der Ulysse Nardin Freak VisionUlysse Nardin Freak Vision – Zu den Angeboten auf Chrono24Bild: Bert Buijsrogge

Einer der Pioniere dieser Fertigungsverfahren, Ulysse Nardin, präsentierte 2017 mit der Konzeptuhr Innovision 2 neben einer Vielzahl anderer Innovationen auch einen völlig neuartigen Automatikaufzug. Herzstück des „Grinder“ genannten Systems ist ein quadratisches Gestell mit vier winzigen Klinken, auf dem der wohlbekannte Rotor umläuft. Wird dieses Gestell durch den Umlauf des Rotors beschleunigt und somit ausgelenkt, wandeln stets ein bis zwei der Klinken diese Auslenkung in eine Rotation um. Diese zieht schließlich die Uhr über ein zentrales Getriebe auf. Ulysse Nardin spricht von einer gegenüber konventionellen Automatikuhren verdoppelten Aufzugseffizienz. Dies liegt zum einen daran, dass selbst winzige Auslenkungen im Aufzug der Feder resultieren, zum anderen ist der Totwinkel besonders gering. Das bedeutet, auch wenn der Rotor seinen Drehsinn ändert, gibt es nahezu kein Spiel im Mechanismus. Auch in dem im März 2019 präsentierten Unikat „Freak NeXt“ findet sich der Grinder-Mechanismus wieder.

Noch sind derartige Technologien Kleinstserien und Konzeptuhren vorbehalten. Man sollte aber bedenken, dass es vor wenigen Jahren noch als revolutionär galt, das Material Silizium in Uhren einzusetzen. Heute sind erste Spiralfedern aus Silizium schon im dreistelligen Preisbereich vorzufinden. Es ist durchaus denkbar, dass schon in naher Zukunft weitere als unumstößlich geltende Prinzipien der mechanischen Uhr vor dem Umbruch stehen werden. Enthusiasten dürfen weiterhin gespannt bleiben und rätseln, wie die nächste große Innovation aussehen und in welcher Form sie daherkommen wird. Sicher ist lediglich, dass Hersteller auch weiterhin die Technologie der automatischen Uhr vorantreiben und uns mit ihrem Erfindungsreichtum überraschen werden.

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Über den Autor

Tim Breining

Etwa 2014, während meines Ingenieurstudiums, begann ich mich für Uhren zu interessieren. Mit der Zeit wurde aus der anfänglichen Neugier eine Leidenschaft. Da …

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