28.06.2017
 3 Minuten

Die Genfer Punze und weitere Qualitätsstandards in der Uhrenbranche

Von Christopher Beccan
Vacheron Constantin Patrimony Perpetual Calendar, Bild: © Bert Buijsrogge

Die Genfer Punze

Im Jahre 1886 begründete die Regierung ein Prüfinstrument für in Genf produzierte Uhren. Das Ziel dieser Prüfung bestand darin, Imitate zu vermeiden, die den guten Namen der Genfer Qualität missbrauchten. Daraus entwickelte sich eine Plattform für Uhrenmanufakturen, die ihre Uhrwerke nun prüfen lassen konnten. Falls diese Uhrwerke die festgelegten Voraussetzungen erfüllten, wurden sie mit dem Genfer Siegel ausgezeichnet: Der Genfer Punze. Diese repräsentiert den Genfer Kanton und obwohl häufig als „Genfer Echheitsstempel“ betitelt, ist die Genfer Punze eher ein Siegel als ein Stempel. Dies suggeriert auch das französische Wort „poinçon“, welches als „Stanze“ übersetzt werden kann.

Chopard L.U.C Perpetual T Movement
Chopard L.U.C Perpetual T Movement, Bild: © Bert Buijsrogge

Wie gesagt, ist das Genfer Siegel eine Qualitätszertifizierung für Uhren, die in Genf produziert wurden. Bei der Einführung des Siegels waren anfänglich nur wenige Aspekte der Uhrwerkproduktion als Kriterium ausschlaggebend, wie beispielsweise die Art der Fertigung oder des Schliffs der einzelnen Komponenten. Vor allem aber ist es ein Zeugnis für die Qualität des Uhrwerks, welches einen hohen Grad an Ganggenauigkeit und Leistung garantiert. Auch kennzeichnet das Siegel das Ausmaß und die Perfektion der Handarbeit im Produktionsvorgang.

Die Anforderungen des Genfer Siegels wuchsen in den vergangenen Jahren stetig und weitere Vorraussetzungen für den Erhalt kamen hinzu. Beispielsweise spielen Aspekte die das Uhrwerks mit dem Gehäuse verbinden eine Rolle, aber auch die Leistungsfähigkeit der Uhr unter bestimmten Umständen, welche den Besitzern der Uhr während des Tragens vermutlich begegnen.

Das Patek-Philippe-Siegel

Patek Philippe 5270
Patek Philippe 5270 – Zu den Angeboten auf Chrono24, Bild: © Bert Buijsrogge

Während diese Veränderungen vorgestellt wurden war es vermutlich zu spät, einen der angesehensten Uhrenhersteller daran zu hindern, sich des Siegels zu entledigen. Patek Philippe waren Verfechter des Genfer Siegels und vertraten es für über 120 Jahre. Dennoch endete diese Periode im Jahre 2009. Nach 123 Jahren ersetzte Patek Philippe das Genfer Siegel durch ihr eigenes, anspruchsvolleres Patek-Philippe-Siegel. Diese Entscheidung wurde von Patek nicht leichtfertig beschlossen. Das Unternehmen war jedoch von der Notwendigkeit dieses Schrittes überzeugt, um die eigenen Qualitätsstandards steigern zu können. Das Problem des Genfer Siegels lag für Patek darin, dass es nur das Uhrwerk bewertete und nicht die gesamte Uhr. Demzufolge prüft das Patek-Philippe-Siegel nicht nur das Uhrwerk und die Werkveredelung, sondern die gesamte Uhr einschließlich der Leistungsfähigkeit und dem Versprechen auf lebenslange Garantie.

Was nutzen Marken außerhalb von Genf?

Wie erwähnt, greift das Genfer Siegel nur bei Uhrenherstellern, die in Genf ansässig sind. Einige Marken auf die dieser Umstand nicht zutrifft haben aber ebenfalls ihre eigenen Maßstäbe etabliert, wie beispielsweise das in Le Sentier sitzende Jaeger-LeCoultre. Alle von Jaeger produzierten Zeitmesser müssen über die Zeit von 1.000 Stunden die strengen firmeninternen Tests bestehen. In diesen werden die Ganggenauigkeit, der Einfluss von Temperatur, Luftdruck und magnetischen Feldern, sowie die Stoßresistenz und die Wasserdichtigkeit der Uhren überprüft. Die Zeitspanne von 1.000 Stunden wurde gewählt, um die Standards von offiziellen Tests zu überschreiten, welche sich typischerweise nur mit Teilen des Uhrwerks beschäftigen. Jaeger-LeCoultre testet also nicht nur das Uhrwerk bevor es verkleidet wird, sondern die Uhr als Ganzes — ähnlich den Testkriterien von Patek.

Omega Speedmaster Moonphase Movement
Omega Speedmaster Moonphase Movement, Bild: © Bert Buijsrogge

Omega ist ein weiteres Unternehmen, welches sich neben den industriellen Richtlinien eigene Maßstäbe, genannt METAS, erarbeitet hat. Im Dezember 2014 kündigte Omega zusammen mit dem Eidgenössischen Institut für Metrologie (METAS) einen neuen Uhren-Zertifizierungsprozess für 2015 an. Hierbei wird neben den Tests für die alltägliche Beständigkeit auch geprüft, ob die Funktionstüchtigkeit der Uhren starken magnetischen Feldern von 15.000 Gauß standhält. Zusätzlich muss das Uhrwerk auch die Tests der COSC (Contrôle Officiel Suisse des Chronomètres) bestehen. Wenn eine Uhr diesen Prozess einmal erfolgreich durchlaufen hat, erhält sie den Master-Chronometer-Status. Diese Auszeichnung gibt nicht nur Auskunft über die Qualität des Uhrwerks, sondern auch über die Uhr im Ganzen.

Fazit

Schlussendlich haben das Genfer Siegel, das Patek-Philippe-Siegel sowie die Maßstäbe der anderen Unternehmen außerhalb Genfs nur ein Ziel: Sie sollen sicherstellen, dass Sie als Kunde nicht nur eine prestigevolle, sondern auch eine unter strengsten Maßstäben getestete Uhr erhalten. Dies stärkt das Vertrauen in das Unternehmen und noch viel wichtiger — die Langlebigkeit der Uhr.

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Chronometer: Wie wichtig ist Genauigkeit für eine mechanische Uhr?


Über den Autor

Christopher Beccan

Christopher Beccan ist Gründer des Online-Magazins „Bexsonn“ und schreibt dort regelmäßig über seine zwei Leidenschaften: Außergewöhnliche Uhren und Whisky. Weitere …

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