03.12.2019
 5 Minuten

Die Top 3 der außergewöhnlichen Komplikationen

Von Tim Breining
Außergewoehnliche Komplikationen_2_1

Die Top 3 der außergewöhnlichen Komplikationen

Komplikationen – damit sind zusätzliche Funktionen gemeint – zählen zu den wichtigsten Verkaufsargumenten einer Armbanduhr. Manche bevorzugen zwar die Schlichtheit eines Dreizeigermodells, doch für viele Enthusiasten kann eine Uhr gar nicht kompliziert genug sein. Doch Komplikation ist nicht gleich Komplikation. Ein Tourbillon oder ewiger Kalender spielt in einer anderen Liga als ein einfaches Datum. Selbst der Dauerbrenner in der Gunst der Uhrenfans, der Chronograph, ist in zahlreichen Ausprägungen von pragmatisch bis unglaublich kompliziert erhältlich. Diesen und vielen weiteren Klassikern der Komplikationen haben wir schon so manchen Artikel gewidmet. Diesmal soll es nicht um eine bestimmte Komplikation gehen, auch nicht um die komplexeste, preiswerteste oder teuerste: Wir stellen drei der außergewöhnlichsten Komplikationen in Armbanduhren vor.

Ein singender Vogel am Handgelenk

Wenn wir von außergewöhnlichen Komplikationen sprechen, dürfen Automatenuhren nicht fehlen. In dieser Kategorie tummeln sich Zeitmesser, die zu bestimmten Uhrzeiten oder auf Knopfdruck Figuren oder ganze Szenarien in Bewegung setzen. Manche spielen dazu eine Melodie ab oder betätigen ein Schlagwerk. Andere mimen ein Casino fürs Handgelenk und integrieren Black Jack und einen funktionierenden Roulette-Tisch – all das rein mechanisch wohlgemerkt. Besonders berüchtigt sind historische Taschenuhren aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die nicht ganz jugendfreie Darstellungen zeigten, nicht selten auf der vor Blicken verborgenen Rückseite. Heute greifen Ulysse Nardin und Blancpain diese Tradition mit einem Augenzwinkern wieder auf, zumeist in sündhaft teuren, limitierten Uhren.

Bei einer solchen Fülle an faszinierenden und verrückten Automatenuhren fällt es schwer, die außergewöhnlichste Automatenkomplikation zu küren. Mit der Jaquet Droz Charming Bird sollte dieser Platz dennoch würdig besetzt sein. Jaquet Droz, eine Marke der Swatch Grupp, leiht sich den Namen eines der berühmtesten Automatenbauer aller Zeiten, Pierre Jaquet-Droz. Den Umstand, dass keine historische Verbindung zwischen der heutigen Marke und der historischen Persönlichkeit besteht, macht die Manufaktur durch Automatenuhren wett, die dem Anspruch des Namensgebers durchaus gerecht werden.

Jaquet Droz Charming Bird
Jaquet Droz Charming Bird

Die wohl beeindruckendste Kreation des Hauses ist die Uhr Charming Bird. Das eigentliche Zifferblatt nimmt nicht einmal den halben Durchmesser der Front ein und lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Vogel unter einer Saphirglaskuppel. Um und unter diesem ist der Mechanismus sichtbar, der für seinen Antrieb sorgt. Durch Betätigung eines Drückers bei zwei Uhr setzt sich der Mechanismus in Gang: Der Vogel dreht sich scheinbar chaotisch um die eigene Achse, flattert mit den Flügeln und zwitschert verblüffend realistisch. Sogar die Tonhöhe variiert dabei. Erzeugt werden die Töne durch ein System aus Glaszylindern mit Kolben, die Luft durch eine Öffnung pumpen. Ein Hebel modifiziert das Volumen in einem der Zylinder, wodurch die Tonhöhe verändert wird. Die Ablaufgeschwindigkeit wird durch eine Magnetbremse reguliert, die von der Konzernschwester Breguet stammt.

Die Idee für diesen beeindruckenden Automaten kommt nicht von ungefähr. Pierre Jaquet-Droz baute Spieldosen mit Singvögeln, die sich ganz ähnlich verhielten. Die Miniaturisierung und der Einbau in eine Armbanduhr verdienen größten Respekt.

Die „intelligente“ Automatikuhr – Automatisch auskuppelnde Rotoren

Diese außergewöhnliche Komplikation tritt an, um ein Problem zu lösen, das alle Automatikuhren betrifft: Sobald diese voll aufgezogen sind, was bei einem durchschnittlichen Trageverhalten meist lange vor Ablauf der täglichen Tragedauer der Fall ist, wandelt ein Sicherheitsmechanismus die überschüssige Aufzugsenergie in Reibung um. Das führt langsam, aber sicher zu Verschleiß und mindert die Lebensdauer der Zugfeder. Dieses Manko wird als geringeres Übel hingenommen – von fast jedem Uhren- und Uhrwerkehersteller von gestern und heute.

Dieser Problematik war man sich schon in den 60er Jahren bewusst und hatte bereits Konzepte für die Lösung parat. Mit dem Verweis auf „komplizierte Wartung“ wurde diese „Krönung mikromechanischer Konstruktionen“ zur damaligen Zeit noch nicht umgesetzt. Die Zitate stammen von Hans Kocher, dem Erfinder des Mikrorotors und einem der Wegbereiter des automatischen Chronographen – der Mann muss gewusst haben, wovon er sprach. Mit dieser Einschätzung von 1969 lieferte er die Steilvorlage für eine wahrhaft außergewöhnliche Komplikation, auch wenn diese ca. 40 Jahre auf sich warten ließ.

DeWitt Twenty-8-Eight Régulateur A.S.W.
DeWitt Twenty-8-Eight Régulateur A.S.W.

2010 und 2011 präsentierten zwei Manufakturen eine derartige Komplikation erstmals in einer Armbanduhr. Die Marke DeWitt aufte ihre Lösung auf den Namen A.S.C. (Automatic Sequential Winding) und integrierte sie in ein Uhrwerk mit außenliegendem Rotor, Chronograph und Tourbillon. 2011 debütierte eine ähnliche Funktion bei Richard Mille in der RM 030, die ansonsten nur Datum und Gangreserve bietet, aber nicht weiter von Schlichtheit entfernt sein könnte.

In der DeWitt Twenty-8-Eight Régulateur A.S.W. sorgt ein Mechanismus dafür, dass der automatische Aufzug bei Erreichen von 96% der Gangreserve (hier etwa 69 Stunden) vom Werk entkoppelt wird. Zwar dreht sich der Rotor weiter, aber die Klinke, die für den Aufzug sorgt, kann nicht mehr in den Eingriff gelangen. Sobald die Gangreserve auf 92% fällt, wird der Aufzug wieder eingekuppelt und das Spiel wiederholt sich.

Richard Mille RM 030
Richard Mille RM 030

In Richard Milles RM 030 pausiert der Aufzug, sobald eine Gangreserve von 50 Stunden erreicht ist und schaltet sich bei Erreichen von 40 Stunden wieder ein. Ein Indikator bei zwölf Uhr weist den Träger darauf hin, ob der Aufzug gerade läuft (Zeiger auf „ON“) oder ob er ausgekuppelt ist (Zeiger auf „OFF“). Nach eigener Aussage wurde an der Komplikation vier Jahre lang getüftelt. Technisch basiert sie auf der Drehmomentanzeige, die schon in Richard Milles erstem Zeitmesser, der RM 001 von 2001, vorgestellt wurde. Mit dieser wird die Federkraft geprüft und die Verbindung des Rotors zum Aufzug entsprechend getrennt oder wiederhergestellt. Entwickelt wurde sie bei der Komplikationsschmiede Audemars Piguet Renaud et Papi, deren Gründer Giulio Papi bereits in den 90er Jahren mit Herrn Mille zusammenarbeitete.

Eine richtig komplizierte Lösung für ein wirklich zweitrangiges Problem? Genau diese Dinge sind es, die an mechanischen Uhren immer wieder faszinieren!

Das Tourbillon, das niemand sieht

Die spielerische sowie die technische Seite der außergewöhnlichen Komplikationen haben wir abgedeckt. Doch es gibt noch die Komplikationen, die sich jeder Kategorisierung entziehen. Die Uhr, die dies auf perfekte Weise verkörpert, ist die Haldimann H9 Reduction. Man kann sie als Gesamtkunstwerk, philosophischen Kommentar oder als absurde Ausprägung des Phänomens Luxusuhr sehen. Das Urteil bleibt Ihnen überlassen.

Was ist die Haldimann H9 Reduction? Es ist eine Uhr, bei der ein geschwärztes Saphirglas jeglichen Blick auf das Zifferblatt verwehrt. Sie läuft, man hört ihr Ticken, aber es ist keine Zeit abzulesen. Das allein wäre ein peinliches Gimmick, würde sich dahinter nicht ein Tourbillon verbergen. Und zwar nicht irgendein Tourbillon, sondern ein fliegendes Tourbillon, das nur einseitig gelagert ist und der Manufaktur des Uhrmachers Beat Haldimann entstammt. Dieser kann auf mehrere Jahrhunderte Uhrmachertradition in seiner Familie zurückblicken.

Angesichts einer solchen Uhr drängt sich die Frage auf: Was will uns ihr Schöpfer damit sagen? Die H9 Reduction kann als die letzte Konsequenz der H8 Flying Sculpture gesehen werden, die Haldimann einige Jahre zuvor präsentierte. Sie weist ebenso ein fliegendes Tourbillon auf. Zwar ist bei diesem Modell das Saphirglas nicht geschwärzt, die Zeiger lässt diese „uhrmacherische Skulptur“ aber ebenfalls vermissen.

Die H9 bleibt ein Rätsel. Vielleicht bringt uns die Betrachtung eines ähnlichen Falls einer Antwort näher. Wie sieht es beispielsweise mit Uhrwerken aus, die aufwendig von Hand veredelt werden, nur um unter einem blickdichten Stahlboden zu verschwinden? Auch hier bleibt dem Träger lediglich die Genugtuung und Gewissheit, ein solches Meisterwerk am Handgelenk zu tragen – sehen wird er es nicht. Der verstorbene Walter Lange betonte immer gerne, dass auch jene Teile bei einer A. Lange & Söhne Uhr veredelt werden, die der Kunde niemals zu sehen bekommt. Beat Haldimanns H9 Reduction treibt diesen Grundsatz auf die Spitze. Dass dabei der grundlegenden Funktion der Zeitanzeige kein Platz mehr eingeräumt wird, steht für Beat Haldimann nicht im Widerspruch zu dem, was eine Uhr für ihn ausmacht.

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Tim Breining

Etwa 2014, während meines Ingenieurstudiums, begann ich mich für Uhren zu interessieren. Mit der Zeit wurde aus der anfänglichen Neugier eine Leidenschaft. Da …

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