04.10.2019
 7 Minuten

Die Top 3 Errungenschaften der Uhrmacherei im 21. Jahrhundert

Von Tim Breining
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The Top 3 Watchmaking Achievements of the 21st Century

Von den Wasseruhren der Antike, über den Bau der ersten Räderuhren und die Entwicklung des Präzisionschronometers für die Seefahrt, bis hin zur Entstehung der automatischen Armbanduhr war die Geschichte der Zeitmessung von unzähligen Innovationen geprägt. Getrieben wurden diese Entwicklungen schlicht durch die Notwendigkeit genauer Zeitmessgeräte.

Innovation – aber wofür noch?

Die Situation der Uhrmacherei ist heute eine völlig andere: Die günstigste Quartzuhr übertrifft, was die Ganggenauigkeit anbelangt, auch das edelste Armbandchronometer mit Leichtigkeit. Von einer Notwendigkeit an Innovationen kann kaum noch die Rede sein, wo die mechanische Uhr doch eher als Schmuckstück für Kenner oder Statussymbol herhalten muss – oder? Endete mit dem automatischen Chronograph, der etwa zeitgleich mit der Quartz-Armbanduhr das Licht der Welt erblickte, auch die jahrhundertelange Innovationsgeschichte der mechanischen Uhr?

Glücklicherweise kann man diese Frage mit einem klaren „Nein“ beantworten. Doch welche Errungenschaften der jüngeren Vergangenheit stechen besonders hervor? Den von uns ausgewählten Sieger in den drei Kategorien Uhrwerke, Materialien und Design stellen wir jeweils vor.

Eine echte Revolution im Uhrwerk: Die Co-Axial-Hemmung

Mit fast hundertprozentiger Sicherheit sorgt in Ihrer mechanischen Uhr die Schweizer Ankerhemmung mit ihrem charakteristischen Ticken für den geregelten, möglichst genauen Ablauf des Räderwerks. Wohl jedem Uhrenbegeisterten ist die Kombination aus Unruh mit Spiralfeder, Anker und Ankerrad bekannt. Und es dauerte mehr 250 Jahre seit ihrer Erfindung, bis George Daniels diese infrage stellte. Seine Bedeutung für die moderne Uhrmacherei ist unumstritten – wir wollen uns an dieser Stelle jedoch auf seine wohl größte Errungenschaft konzentrieren: Die Co-Axial-Hemmung.

Omega-Uhr mit Co-Axial-Hemmung
Omega mit Co-Axial-Hemmung

Eine Imperfektion der Ankerhemmung besteht darin, dass sie nicht frei von Reibung ist. Obwohl sie zu den „freien Hemmungen“ zählt, bei denen die Unruh weitgehend ungestört und ohne ständige Verbindung zum Räderwerk schwingen kann, reiben dennoch die Hebeflächen des Ankerrads immer wieder an den Paletten des Ankers. Wo Reibung auftritt, benötigt man Schmiermittel, Schmiermittel unterliegen einem Alterungsprozess und neigen zur Verschmutzung. Kurzum: Mit den Monaten und Jahren verändert sich das Gangverhalten der Uhr und eine Revision wird fällig.

Das Perfekte verbessern

Breguet wird gerne das Zitat zugeschrieben „Gebt mir das perfekte Öl, und ich gebe Euch die perfekte Uhr“. George Daniels Ansatz war radikaler: Wenn man die Reibung in der Hemmung so sehr minimiert, dass keine Schmierung mehr vonnöten ist, dann hat man eine Uhr geschaffen, die nahezu wartungsfrei ist und schlägt so langfristig selbst die Quarzuhr!

Eine reibungsarme Hemmung war mit der Chronometerhemmung zwar bekannt, diese ist aber empfindlich gegenüber Erschütterungen und musste durch einen Eingriff in das Werk wieder in Gang gebracht werden, wenn sie stehenblieb. Eigenschaften, die sie für eine Armband- oder Taschenuhr kaum geeignet erscheinen ließen. Daher entwarf Daniels eine völlig neuartige Hemmung mit zwei Gangrädern, welche auf einer Welle –also koaxial– gestapelt sind. Geschickt trennte er die Funktion des Anhaltens des Räderwerks und der Impulsübertragung an die Unruhe. Die Impulsübertragung erfolgte nun senkrecht, so dass keine reibungsbehaftete Relativbewegung zwischen Ankerrad und Rubinpalette mehr stattfand.

Co-axial escapement, close-up

Jetzt musste die Uhrenindustrie die Co-Axial-Hemmung nur noch adaptieren und ihre Serienfertigung realisieren. So begann Daniels in den späten 1970er Jahren, seine Erfindung bei den Größen der Schweizer Uhrenindustrie zu bewerben. Doch es sollten noch 20 Jahre weitere Jahre vergehen, in denen er die Uhrenindustrie mit seiner Erfindung „bombardierte“, wie er selbst in einem Interview sagte, bis er sein Ziel erreichte. Namen wie Patek Philippe zählten zu den Firmen, die sich einige Jahre mehr oder minder begeistert an der Adaption der Hemmung versuchten und schließlich aufgaben.

Ein gebührender Abschluss von Daniels Bemühungen

Wie wir alle wissen ist die Co-Axial-Hemmung heute fest mit der Marke Omega verbunden. Das Seriendebut feierte die Technologie im Jahr 1999 in der Kollektion DeVille. Im 21. Jahrhundert wurde die Anwendung nahezu auf die gesamte Bandbreite der Kollektionen ausgeweitet, zunächst in modifizierten ETA-Kalibern, mittlerweile in einer Vielzahl an Manufakturwerken.

Omega DeVille, Foto: Bert Buijsrogge
Omega DeVille, Foto: Bert Buijsrogge

Doch was wurde nun aus der Problematik mit dem Öl? Muss eine Uhr mit dieser Hemmung tatsächlich nie mehr gewartet werden? Zwar ist beides bei Omega (noch) nicht der Fall, aber man muss die enorme Leistung der Adaption von Daniels Erfindung für die Massenproduktion anerkennen. Omega hat gewagt, was kaum eine Firma wagte und den Status quo nicht nur in hohlen Phrasen hinterfragt.

In Zeiten, in denen von Enthusiasten eine möglichst hohe Fertigungstiefe von den Marken gefordert wird, kann Omegas Entscheidung für die Co-Axial-Hemmung nur als goldrichtig und, mit Blick auf den derzeitigen Stand der Marke, auch als durchschlagender Erfolg gewertet werden.

Zwischen historischem Handwerk und high-tech: Silizium in der Uhrenfertigung

Die Überleitung zur nächsten Errungenschaft fällt nicht schwer, da Omegas aktuelle Co-Axial-Hemmungen auch Gebrauch von der Revolution in Sachen Materialien im modernen Uhrenbau machen: Silizium. Was macht das Material, das man eher mit Mikrochips als mit angestaubten mechanischen Zeitmessern in Verbindung bringt, so geeignet für den Uhrenbau? Und wieso wird seine Verwendung von zahlreichen Firmen forciert, von anderen jedoch kontrovers diskutiert oder gar boykottiert?

Um diese Frage beantworten zu können, darf man sich nicht nur auf die Materialeigenschaften beschränken, sondern auch die Eignung für die Fertigung sowie den damit verbunden Aufwand beachten.

Siliziumkomponenten sind hochelastisch, amagnetisch, weitgehend unempfindlich gegenüber schwankenden Temperaturen und bedürfen wenig oder keiner Schmierung. Demnach scheint es sich als hervorragender Federwerkstoff anzubieten.

Dennoch wurde es erst 2001 in einer Hemmung eingesetzt – von Ulysse Nardin in der ersten Iteration der Freak.

Ulysse Nardin Freak (2001)
Ulysse Nardin Freak (2001), Foto: Bert Buijsrogge

 

Der Siegeszug von Silizium im Uhrenbau ist nämlich mit den Fortschritten in der Mikrosystemtechnik und deren Fertigungsmethoden verknüpft. Im Falle von Silizium ist hierbei u.a. ein Verfahren namens „Reaktives Ionentiefätzen“ zu nennen, was unter dem englischen Akronym „DRIE“ (deep reactive ion etching) leichter von der Zunge geht.

Aus Siliziumwafern (dünne Scheiben, wie man sie aus der Computerchipherstellung kennt) lassen sich in einem Arbeitsgang eine Vielzahl von Komponenten herstellen. Selbst geometrisch komplexe Teile wie ein Ankerrad können in einer einzigen Maschine gefertigt werden – sogar viele Räder auf einmal, und mit einer so hohen Oberflächengüte, dass ein direktes Verbauen möglich ist.

Heute hat sich Silizium längst von der Rolle als high-tech Spielerei in Konzeptuhren losgelöst und sich bis in die Einstiegsklasse der mechanischen Uhren vorgekämpft. Wird eine Uhr mit Siliziumkomponenten beworben, dann hat diese zumeist eine Siliziumspiralfeder, wie beispielsweise eine Tissot Seastar 1000 Powermatic 80, womit schon die dreistellige Preisregion von der Technologie erreicht wurde.

Tissot Ballade Powermatic 80 COSC
Tissot Ballade Powermatic 80 COSC

Ein kleiner Haken mit weitreichenden Konsequenzen

Erinnern Sie sich noch, dass ich zuvor von einer „weitgehenden“ Temperaturunempfindlichkeit schrieb? Bei einem Bauteil wie der Spiralfeder ist eine „weitgehende“ Unemfpindlichkeit noch nicht genug. Diesem Problem stellte sich im frühen 21. Jahrhundert eine äußerst ungewöhnliche Forschungsgemeinschaft aus dem Schweizer Forschungsinstitut für Mikrotechnik CSEM, der Swatch Group, Rolex und Patek Philippe. Eine Schicht aus Siliziumoxid lieferte die gewünschte Temperaturunabhängigkeit. Ein entsprechendes Patent wurde zugeteilt. Wie wichtig diese Technologie für die Beteiligten tatsächlich ist, zeigten Streitigkeiten mit Richemont, als die Konzernmarke Baume & Mercier die Baumatic mit Siliziumspirale auf den Markt brachte. Neuere Baumatic-Modelle verzichten als Konsequenz auf die Nutzung einer solchen Spiralfeder.

Doch rechtliche Streitereien sind nicht die einzige Kontroverse, die Siliziumkomponenten und änliche high-tech Präzisionsteile zum Thema hat. Die Manufaktur F.P. Journe stellt sich zum Beispiel entschieden gegen die Nutzung solcher Komponenten, da eine Herstellung von Ersatzteilen oder die Bearbeitung dieser Komponenten durch Uhrmacher nicht möglich ist.

Wie auch immer man persönlich zu diesem Trend steht: Silizium hat sich fest in der modernen Uhrmacherei etabliert, sorgt für hervorragende Gangwerte und wird so schnell wohl nicht verschwinden.

Von der Alltagsuhr bis zur Grailwatch: Die Uhrendesigns von Eric Giroud

Die Aufgabe, eine Marke, einen Designer oder gar eine bestimmte Uhr zum Sieger zu küren, ist nie einfach. Besonders schwierig wird es, wenn wir von Design reden. An welche Uhren denken Sie, wenn sie an Ikonen des Designs denken? Sobald Ihnen einige Modelle eingefallen sind, überlegen Sie, von wann diese Uhren stammen. Bestimmt denken sie an die Audemars Piguet Royal Oak oder die Jaeger LeCoultre Reverso. Oder an die Omega Speedmaster. Es wird schnell klar: keine Uhr kommt als Ikone auf die Welt. Der Status eines legendären Designs kann deshalb oft erst in der Retrospektive verliehen werden.

Eine einzige Uhr als die herausragende Gestaltungsleistung des 21. Jahrhunderts zu nennen, will ich nicht wagen. Soll jedoch ein einzelner Designer von Uhren genannt werden, ist der Schweizer Eric Giroud jemand, mit dem sich nur wenige messen können.

Der ursprünglich als Architekt tätige Giroud gelangte über Umwege zur Uhrengestaltung, nachdem er auch als Designer von Gebrauchs- und Einrichtungsgegenständen seinen Ruf erarbeitete. Doch was macht Eric Giroud zu DEM Uhrendesigner der jüngeren Vergangenheit?

Zunächst ist da sein beeindruckender Katalog an Referenzen: Er wirkte bei klassischen Herstellern wie Tissot und Mido, über alteingesessene Manufakturen wie Vacheron Constantin bis hin zu exklusivsten Marken wie Harry Winston und MB&F.

Bei Tissot war Giroud für die Re-Edition der Linie PRS 516 verantwortlich, die ursprünglich aus den 1960er Jahren stammte. Sicherlich kein technisch ausgefeiltes Meisterwerk, dafür ein erschwinglicher moderner Klassiker, der sich diesen Titel durchaus verdient hat – gemessen daran, wie oft man ihn an Handgelenken ausmachen kann.

Bei Max Büssers 2005 gegründeter high-end Manufaktur MB&F – kurz für Max Büsser and Friends – war Giroud von Anfang an dabei. Für die Marke, die sich mittlerweile einen festen Platz an der Speerspitze der Haute Horlogerie erarbeitet hat und für ihre ausgefallenen Designs bekannt ist, wirkte Giroud an den meisten Projekten mit. So auch an der Legacy Machine, der klassischsten unter den Uhren MB&Fs, der so mancher schon jetzt den Status als Ikone attestiert.

MB&F Legacy Machine
MB&F Legacy Machine

Girouds Designs decken neben einer Vielzahl von Marken auch eine enorme Bandbreite an Stilen ab. Stellvertretend sei eine von Girouds jüngsten Kreationen, eine herrlich reduzierte Edition des Regulators von Louis Erard genannt. Das andere Extrem stellt die Harry Winston Opus IX aus der renommierten Opus-Reihe mit ihren retrograden Anzeigen dar, die als umlaufende Bänder ausgeführt sind.

Hinzu kommt, dass nur wenige Uhrendesigner der letzten Jahrzehnte es überhaupt zu einer namentlichen Bekanntheit gebracht haben, wie es Gérald Génta und später Jorg Hysek gelang.

Kein Ende in Sicht

Die Co-Axial-Hemmung von George Daniels, der Siegeszug von Siliziumkomponenten aus high-tech Fertigung und das beeindruckende Designportfolio von Eric Giroud: Stillstand sieht anders aus.

Sollten Sie Zweifel daran gehabt haben, dass sich in der Entwicklung der Armbanduhr überhaupt noch etwas tut, so konnte unsere kleine Auswahl an aktuelleren Errungenschaften Sie vielleicht vom Gegenteil überzeugen. Bewusst haben wir uns auf lediglich drei Highlights beschränkt – und dabei mit Sicherheit zahlreiche nicht minder beachtenswerte Entwicklungen außen vor gelassen. Was ist Ihre persönliche Top Errungenschaft der Uhrmacherei des 21. Jahrhunderts? Hinterlassen Sie uns gern ein Kommentar auf Facebook oder Instagram.

Lesen Sie weiter

Mehr als nur Nostalgie: Das Comeback des Schaltradkalibers Omega 321

Technik-Guide: Konstantkraft-Mechanismen in der Uhrmacherei


Über den Autor

Tim Breining

Etwa 2014, während meines Ingenieurstudiums, begann ich mich für Uhren zu interessieren. Mit der Zeit wurde aus der anfänglichen Neugier eine Leidenschaft. Da …

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