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Die Uhrenindustrie: Eine bewegte Welt aus Marken und Persönlichkeiten

Tom Mulraney
09.10.2019
Eine Einführung in die Industrie der Luxusuhren

 

Ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, dass die neueste Innovation eines Uhrenherstellers auf einmal von vielen der Wettbewerber genutzt wird? Oder dass manche Marken ausschließlich auf der SIHH, nicht aber auf der Baselworld ausstellen – und umgekehrt? Dann sind Sie nicht der einzige. Viele Einsteiger in die Welt der Luxusuhren stellen erstaunt fest, dass manche Marken scheinbar exakt gleich handeln. Damit zeigen sie das genaue Gegenteil von dem, was allgemein angenommen wird: Die Uhrenindustrie sei eine äußerst vielschichtige Welt von Dutzenden von Herstellern und Entwicklern, die alle ihre ganz eigene Geschichte haben und eine besondere Philosophie verfolgen. Und es gab auch einmal Zeiten, in denen das so war.

Mit der Quarz-Krise begann aber ein Umdenken, viele Partnerschaften und Kooperationen wurden geschlossen. Es wurde ein Prozess eingeleitet, der über viele Jahrzehnte voranschritt. Mit dem Ergebnis, dass heute die Mehrzahl der beliebtesten Marken im Besitz von einer Hand voll von multinationalen Luxuskonglomeraten sind. Dazu gehören auch die, von denen Sie vielleicht angenommen haben, sie seien unabhängig.

 

Wer sind die wichtigsten Player?

Who are the key players?
Wer sind die wichtigsten Player?

 

Die größten europäischen Markengruppen sind:

  • LVMH Moet Hennessy – Louis Vuitton: Bulgari, Hublot, TAG Heuer, Zenith
  • KERING: Girard-Perregaux, JeanRichard, Ulysse Nardin
  • RICHEMONT: A. Lange & Söhne, Baume & Mercier, Cartier, IWC Schaffhausen, Jaeger-LeCoultre, Montblanc, Officine Panerai, Piaget, Roger Dubuis, Vacheron Constantin, Van Cleef & Arpels
  • SWATCH Group: Blancpain, Breguet, Certina, Glashütte Original, Hamilton, Harry Winston, Jaquet Droz, Longines, Mido, Omega, Rado, Swatch, Tissot, Union Glashütte

 

Die beiden wichtigsten asiatischen Markengruppen sind:

  • Die Citizen Watch Group: Alpina, Arnold & Son, Bulova, Citizen, Frédérique Constant
  • Die Seiko Group: Credor, Grand Seiko, Orient, Seiko

 

(Anmerkung: Zu fast allen der genannten Gruppen gehören weitere Marken. Diese sind aber nicht unbedingt Teil der Kategorie der „Luxusuhren“ – ich habe sie daher hier nicht aufgeführt.)

 

Auch in den USA gibt es einige größere Markengruppen. Vor allem Fossil und Movado seien hier erwähnt. Sie können aber kaum als Luxuskonglomerate bezeichnet werden.

Wie Ihnen sicher aufgefallen ist, fehlen einige der ganz großen Namen in den Auflistungen. Es sind die legendären, die ganz speziellen Top-Marken, die jede der Gruppen nur allzu gern ihr Eigen nennen würde. Die drei wichtigsten sind: Rolex (zu der auch Tudor gehört) mit einem Umsatz von umgerechnet ca. 4,9 Milliarden EUR im Jahr 2018; Patek Philippe (1,3 Milliarden EUR); und Audemars Piguet (1 Milliarde EUR). Auch wenn es – wie gerade in letzter Zeit in Bezug auf Patek – immer wieder Gerüchte über einen möglichen Verkauf einer dieser Marken gibt, so ist dies in naher Zukunft doch kaum zu erwarten.

 

Wer gibt den Ton an?

Die meisten der Marken, die zu einem der Konglomerate gehören, werden eigenständig geführt. Sie haben eigene Geschäftsführer und Vorstände, die unabhängig entscheiden. So ist jedenfalls die Außenwirkung. Wie in jeder Branche, in der Leidenschaft und Emotionen eine wichtige Rolle spielen, gibt es auch hier jede Menge Spekulationen darüber, wer im Hintergrund die Fäden in der Hand hält. Einige Vorstandsmitglieder sind in der Szene bekannter als andere. Ihnen wird daher – ob richtig oder falsch – mehr Entscheidungsfreiheit und Macht zugesprochen als anderen. Es ist außerdem nicht unüblich, dass gerade sie es sind, die öfter mal ihren Arbeitgeber wechseln. Wir nennen Ihnen hier einige der wichtigsten Namen, den einen oder anderen haben Sie vielleicht schon einmal gehört:

 

 

Jean-Claude Biver: Als wahre Legende der Industrie, ist JCB eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der modernen Uhrenindustrie. Er ist Leiter des Uhrengeschäfts bei LVMH und Vorstandsvorsitzender von Hublot und Zenith. Am bekanntesten ist er für seine Rolle in der Entwicklung von Hublot zu einer Marke mit weltweitem Erfolg. Außerdem hat er Blancpain in den 1980er-Jahren zu neuer Blüte geführt und entscheidend am Erfolg von Omega in den 1990er-Jahren mitgewirkt.

Thierry Stern: Er steht für die vierte Generation der Stern Familie, die die Geschäfte bei Patek Philippe leiten – Thierry Stern ist einer der Giganten der Uhrenindustrie. Seitdem er die Rolle des Vorsitzenden von seinem Vater Philippe im Jahr 2009 übernommen hat, hat er die lange Tradition der Marke in der Herstellung von High-End-Uhren im klassischen Design fortgeführt. Es gab aber auch überraschende neue Modelle, wie die Alarm Travel Time Ref. 5520P. Für Aufsehen sorgten er kürzlich zudem mit einem Hodinkee-Interview, in dem er erklärte, dass er keinerlei Absichten habe, die Stückzahlen der stark nachgefragten Nautilus-Modelle in Edelstahl zu steigern. Stattdessen verkleinerte er das Patek-Händlernetzwerk um fast ein Drittel, was einen harten Einschnitt für viele Händler bedeutete.

Raynald Aeschlimann: Raynald Aeschlimann übernahm das Amt des Geschäftsführers und Vorstandsvorsitzenden bei Omega im Jahr 2016. Seitdem ist er hauptverantwortlich für den immer größer werdenden Erfolge der Marke. Omega hat unter seiner Führung die Ressourcen zur Produktion stetig erweitert, eine Taucheruhr erfolgreich zum tiefsten Punkt des Ozeans geschickt und im Jahr 2019 mit der Speedmaster das 50. Jubiläum der Mondlandung gefeiert. Zweifellos hat Omega davon profitiert, Teil der Swatch Group zu sein, vor allem was die Entwicklung der Komponenten für Omega-Uhren betrifft. Was Aeschlimanns Anteil am Erfolg der Marke aber keineswegs schmälern soll. Schon allein seine Präsenz auf den vielen Omega-Events rund um den Globus ist ein Zeichen für sein Engagement und seine wichtige Rolle in der Entwicklung der Marke.

 

 

Georges Kern: Georges Kern wurde im Alter von nur 36 Jahren Geschäftsführer bei IWC Schaffhausen und war damit der jüngste CEO der Richemont-Gruppe. In den darauffolgenden 15 Jahren machte er die Nischenmarke mit stilistisch sehr eng gefasstem Katalog zu einem internationalen Unternehmen mit einem breiten Angebot hochwertiger Uhren. Die Umsätze stiegen von umgerechnet ca. 36,5 Mio. EUR auf ca. 730 Mio. EUR, was IWC zur stärksten Marke der Richemont-Gruppe macht. Im Zuge umfangreicher Umstrukturierungen wurde er im Jahr 2016 zum „Head of Watchmaking, Marketing and digital“ ernannt – eine Position, die damals erst geschaffen wurde. Doch nur vier Monate später trat er zurück, was für großes Aufsehen in der Uhrenindustrie sorgte. Eine Woche danach wurde er dann Geschäftsführer und Minderheitsgesellschafter von Breitling. Seitdem wird jeder seiner Schritte von der Branche genau verfolgt. Mit anerkennendem Staunen nimmt man zu Erkenntnis, wie er die von der Luftfahrt inspirierten Marke zu einem vielseitigen Spitzenunternehmen formt.

 

 

Chabi Nouri: Als eine der wenigen Frauen, die bei Richemont (und in der Luxusuhrenindustrie allgemein) als CEO tätig sind, wurde diese Besetzung der leitenden Position bei Piaget in der Branche sehr wohlwollend aufgenommen. Nouri hat in ihrer Rolle als Piagets „International Managing Director of Sales and Marketing“ einen erheblichen Anteil am anhaltenden Erfolg und am Wachstum der Marke. Im vergangenen Jahr sorgte sie für Schlagzeilen, als sie die mit 2 Millimetern flachste mechanische Uhr aller Zeiten vorstellte: die Piaget Altiplano Ultimate Concept. Sie führte ihr Team außerdem zur Entwicklung der Piaget Altiplano Ultimate Automatic 910P – die flachste Automatikuhr der Welt mit einer Höhe von 4,3 mm.

 

In diesem Artikel haben wir Ihnen eine kleine Auswahl von smarten und besonderen Persönlichkeiten vorgestellt, die die Luxusuhrenindustrie so faszinierend machen. Sie haben verstanden, dass es vor allem um Leidenschaft und Innovation geht, um eine Marke dauerhaft an der Spitze halten. Wir danken ihnen dafür und sind gespannt auf die nächsten Entwicklungen in dieser bewegten Branche.

 

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Von Tom Mulraney
09.10.2019
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