03.01.2020
 5 Minuten

Die Welt der Hybrid-Luxusuhren

Von Tom Mulraney
Die Welt der Hybrid-Luxusuhren

Die Welt der Hybrid-Luxusuhren

Moderne Technik macht alles besser. Das jedenfalls wollen uns die großen Tech-Unternehmen vermitteln. Technologie macht die Dinge schneller, präziser und benutzerfreundlicher. Keine Branche kann sich dem unaufhörlichen Drang nach dem sogenannten Fortschritt widersetzen, nicht einmal die mechanische Uhrmacherei. In der Automobilindustrie hat sich die Hybrid-Technologie im Luxussegment bereits etabliert – man denke z. B. an den Ferrari SF90 Stradale oder den Porsche 918. In der Welt der Luxusuhren erleben wir nun ebenfalls, wie hybride Modelle den Markt erobern. Während bei Hybridautos Vorteile wie bessere Beschleunigung oder Kraftstoffeinsparung auf der Hand liegen, erscheinen mir die Argumente für Hybid-Uhren weniger überzeugend.

Was sind Hybriduhren?

Per Definition erfordert ein Hybrid die Kombination zweier oder mehrerer verschiedener Elemente. Bei Autos meint man damit in der Regel die Kombination eines klassischen Verbrennungsmotors mit einem oder mehreren Elektromotoren. Bei Uhren sind die Möglichkeiten vielfältiger. Es gibt kein einheitliches Konzept. Stattdessen haben die wenigen Luxusmarken, die sich an die Kreation einer Hybrid-Uhr gewagt haben, jeweils einen eigenen Weg eingeschlagen. Grundsätzlich scheinen sie jedoch zwei verschiedenen Ansätzen zu folgen: Entweder sie kombinieren einige der Funktionen einer Smartwatch oder eines Wearables mit einem mechanischen Uhrwerk oder sie stecken eine Smartwatch in ein Luxuspaket mit hochwertigem Gehäuse, Armband usw. Hier einige Beispiele:

Frederique Constant Classic Hybrid Manufacture
Frederique Constant Classic Hybrid Manufacture

 

Frederique Constant Classic Hybrid Manufacture

Auf dem Gebiet der mechanischen Hybrid-Luxusuhren ist Frederique Constant ein regelrechter Pionier. Die Anfang 2018 vorgestellte Classic Hybrid Manufacture wird durch das hauseigene Hybrid-Kaliber FC-750 angetrieben. Ein mechanisches Manufakturwerk mit Datumsanzeige bildet die Basis dieses einzigartigen Uhrwerks. Durch den Saphirglasboden betrachtet, könnte man es fast für ein normales FC-Werk halten.

Im Inneren des Uhrwerks jedoch verbergen sich integrierte elektronische Komponenten, die der Uhr ihre Smartwatch-Funktionen verleihen. Dazu zählen unter anderem das Aktivitätstracking, die Schlafanalyse und die Weltzeitanzeige. Die meisten dieser smarten Funktionen werden über ein Smartphone mithilfe der FC-Hybrid-App aufgerufen. Es gibt ein Hilfszifferblatt für eine zweite Zeitzone auf 12 Uhr. Das Uhrwerk verfügt zudem über das von FC entwickelte Kaliberanalyse-System – einen Algorithmus, der Gang, Schwingungsweite und Abfallfehler des Uhrwerks misst. Diese Informationen übermittelt das System über Bluetooth an die Hybrid-App, in der die entsprechenden Werte graphisch dargestellt werden. Sie können zwar über die App keine Änderungen vornehmen, doch es ist sicherlich nützlich, die Ganggenauigkeit der Uhr kontrollieren zu können.

Breitling Exospace B55
Breitling Exospace B55

Breitling Exospace B55

Die Exospace B55 ist der erste „smarte“ Chronograph von Breitling. Bei dieser Uhr dreht sich alles um Funktionalität, und der Schweizer Uhrenhersteller hat in der Tat eine Menge Features integriert. Die speziell für Piloten und Segler entwickelte Uhr bietet Funktionen wie ein elektronisches Tachymeter und einen bis auf die hundertstel Sekunde genauen Flyback-Chronographen. Darüber hinaus gibt es eine spezielle „Count-down“- und „Count-up“-Funktion sowie einen „Chrono Flight“- und einen „Chrono Regatta“-Modus zur Erfassung von Flug- und Segelzeiten. Zu den allgemeineren Funktionen gehören ein digitaler Ewiger Kalender mit Kalenderwochenanzeige, eine UTC-Weltzeitanzeige und eine Weck- bzw. Alarmfunktion für bis zu sieben Alarme täglich.

Möglich wird all dies durch das Breitling-B55-Manufakturkaliber, ein äußerst präzises, temperaturausgleichendes elektronisches Quarzwerk in einem 46-mm-Titangehäuse. Bemerkenswert ist, dass die Uhr trotz aller Elektronikkomponenten bis zu 100 m (10 bar) wasserdicht ist – ein beeindruckender Wert. Die Uhr verfügt über eine klassische analoge Zeitanzeige sowie zwei hintergrundbeleuchtete LCD-Anzeigen für die anderen Funktionen. Und natürlich können Sie den Smartchronographen über Bluetooth und die zugehörige App mit Ihrem Smartphone verbinden.    

Montblanc Summit 2
Montblanc Summit 2

Montblanc Summit 2

Ebenso wie Frederique Constant gehörte auch Montblanc mit zu den ersten Herstellern, die ihre Uhren mit smarten Funktionen ausstatteten. Tatsächlich entwickelten beide Marken zunächst Uhrenarmbänder mit Elektronikmodulen, bevor sie die ersten vollwertigen Smartwatches lancierten. Die Summit 2 ist eine Hybriduhr der anderen Art: eine digitale Smartwatch im wahrsten Sinne des Wortes, jedoch mit der Optik und der Handwerkskunst einer Luxusuhr. Wer bereits eine klassische, mechanische Luxusuhr von Montblanc besitzt, könnte sich die Summit 2 als Ergänzung dazu anschaffen.

Sie können zum Beispiel die mechanische Uhr zu besonderen Gelegenheiten tragen und im Alltag die intelligenten Funktionen der Smartwatch nutzen. Die Summit 2 ist die perfekte Wahl für alle, die sich eine Smartwatch mit mehr Klasse und Stil wünschen, als die Modelle von Apple und anderen typischen Smartwatch-Herstellern bieten können. Dank seines Edelstahlgehäuses mit schwarzer DLC-Beschichtung und dem passenden schwarzen Kalbslederarmband hat dieser Zeitmesser die Ausstrahlung einer Luxusuhr. Gleichzeitig aber bietet das runde 1,2-Zoll-AMOLED-Display die volle Smartwatch-Funktionalität. Dabei stehen verschiedene Displaydesigns zur Auswahl. 

Grand Seiko Spring Drive
Grand Seiko Spring Drive

Grand Seiko Spring Drive

Wir schließen die Liste ab mit einem Stück Technologie, das trotz seiner über 20-jährigen Geschichte noch immer beeindruckt. Ich möchte sogar behaupten, dass die Spring-Drive-Werke von Seiko die wahren Wegbereiter der Hybrid-Uhrwerke sind. Der Glanz der Smartwatch-Technologie war jedoch nicht die treibende Kraft hinter der Erfindung des Spring Drive. Damals war von Smartwatches auch noch gar nicht die Rede. Vielmehr wollte Seiko die Ganggenauigkeit mechanischer Uhrwerke verbessern.

Ohne zu technisch werden zu wollen: Das Konzept der Spring-Drive-Technologie besteht darin, die stabile Schwingungsfrequenz eines Quarzkristalls zu nutzen und damit die Bewegung der Zugfeder eines mechanischen Uhrwerks zu regulieren. Dies sorgt über den gesamten Prozess hinweg für eine gleichmäßige Abgabe von Energie an das Räderwerk. Dafür entwickelten die Ingenieure von Seiko das sogenannte Tri-Synchro-Regulationssystem mit Quarz-Oszillator. Dieses fungiert als eine elektromagnetische Bremse, die das Entspannen der Zugfeder reguliert. So weit die technischen Features – keine Benachrichtigungen, die vom Smartphone gesendet werden, kein Aktivitätstracking oder Schrittezählen. Sondern schlicht und einfach eine enorme Verbesserung der Präzision und Ganggenauigkeit des Uhrwerks.  

Sind Hybrid-Uhren bei Kunden beliebt?

Die vier oben beschriebenen Uhren (die Liste ist natürlich nicht erschöpfend) führen im Allgemeinen ein ziemliches Nischendasein. Die einzige Ausnahme bilden die Grand Seiko Spring Drives, die von Sammlern und Liebhabern mechanischer Uhren auf der ganzen Welt geschätzt werden. Das heißt jedoch nicht, dass es keinen Markt für Hybrid-Uhren gäbe. In vielerlei Hinsicht wirken Hybrid-Uhren allerdings wie die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat.

Smartwatches haben den Markt für High-End-Luxusuhren nicht so sehr beeinflusst, wie man vor fünf Jahren glaubte. Damals prophezeiten viele Branchenbeobachter – vor allem aus der Technologiebranche – dass die Apple Watch das Ende der mechanischen Uhr bedeuten würde. Die Auswirkungen auf das Preissegment unter 500 EUR waren sicherlich erheblich, aber bei Uhren ab 2.000 EUR, zu denen alle oben genannten Uhren mit Ausnahme der Summit 2 gehören, sieht die Lage völlig anders aus. Wenn überhaupt, kaufen heute mehr Menschen mechanische Luxusuhren als zu jener Zeit, als die Vorhersage gemacht wurde. Warum? Nun, ich möchte behaupten, dass die meisten Liebhaber von Luxusuhren ohnehin nicht an Hybrid-Uhren interessiert sind.    

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Über den Autor

Tom Mulraney

Ich wuchs in den 1980er- und 90er-Jahren in Australien auf. In der Stadt, in der ich lebte, gab es keine nennenswerte Uhren-Szene. Lediglich ein Händler hatte …

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