12.03.2024
 6 Minuten

Drei der seltensten Komplikationen – Funktion, Sinn und Unsinn

Von Tim Breining
FPJourne-Souveraine-2-1

Drei der seltensten Komplikationen

Mit Komplikationen, zusätzlichen Funktionen einer Uhr, die über das Anzeigen der Zeit hinausgehen, grenzen sich Hersteller qualitativ und kreativ von der Konkurrenz ab. Die Bandbreite an Komplikationen reicht von mechanisch simplen, sogenannten kleinen Komplikationen wie der zweiten Zeitzone, bis zu hochkomplexen, großen Komplikationen wie dem Ewigen Kalender.

Neben der Komplexität ist der Nutzen – oder dessen gänzliche Abwesenheit – ein weiteres Unterscheidungsmerkmal von Komplikationen. Es wurde schon so mancher komplexe Mechanismus ersonnen, der nur Figuren auf dem Zifferblatt tanzen ließ und weniger der Gebrauchstauglichkeit als der Faszination der Mechanik frönte. Demgegenüber stehen die wohlbekannten, funktionalen Komplikationen wie Gangreserveanzeige, zusätzliche Zeitzonen oder ein Chronograph zum Messen eines Intervalls.

In diesem Feld von simpel bis komplex und zwischen funktional-pragmatisch und rein poetisch stechen einige besonders kuriose Vertreter hervor, von denen wir drei exemplarisch ausgewählt haben.

Mehr zum Thema Komplikationen erfahren Sie hier.

Parmigiani Ovale Pantographe – die Uhr mit den Teleskopzeigern

Das vermeintliche Problem, welches mit der ersten Komplikation gelöst wird, ist die Unvereinbarkeit von starren Zeigern mit Zifferblättern, die eben nicht rund sind. Was, wenn man die Zeiger nach Belieben verkürzen und verlängern könnte?

Eine über 200 Jahre alte historische Taschenuhr mit einem solchen Mechanismus befand sich in der Sammlung der Familie Sandoz, den Gründern der Marke Parmigiani Fleurier. Der namensgebende Michel Parmigiani, der sich vor allem als begnadeter Restaurateur einen Namen gemacht hatte, wurde 1997 mit der Restaurierung dieses Stücks beauftragt, was später den Impuls geben sollte, eine solche Komplikation in einer Armbanduhr umzusetzen.

Die Abmessungen von Taschenuhren erlaubten eine wesentlich stabilere Gestaltung der filigransten Komponenten, Fertigungstoleranzen waren großzügiger, und auch äußere Einflüsse fielen weniger ins Gewicht. Die Übertragung einer Komplikation von einer Taschen- auf eine Armbanduhr erfordert wesentlich mehr Aufwand als eine bloße Miniaturisierung.

Vielleicht ließ man sich deshalb einige Jahre Zeit mit der technischen Umsetzung, die 2011 in einem ersten Prototyp mündete, gefolgt von limitierten und schließlich in Serien produzierten Modellen. Alle Varianten weisen skelettierte Zeiger mit Streben und kleinen Nieten auf, was laut Parmigiani eine Reminiszenz an das Fachwerk des Eiffelturms darstellt.

Uhr mit ovalem Gehäuse aus Silber. Weißes Ziffernblatt mit dunkelblauen Indizes (3,6,9,12) und Teleskopzeigern.
Parmigiani Ovale Pantographe

In der Zifferblattmitte verraten auffällig große Stahlzylinder, dass sich hier das Geheimnis des Teleskopmechanismus verbergen muss. Es ist zwar nicht direkt ersichtlich, wie der Teleskopmechanismus gesteuert wird, wohl aber, wie die Längenänderung im Prinzip funktioniert. Man kennt diesen Scherenmechanismus von Kinderspielzeugen oder Hubbühnen. Mit der Bezeichnung „Pantographe“ bezieht sich Parmigiani auf ein im Alltag weniger geläufiges Werkzeug, das im Bereich des händischen technischen Zeichnens und der Feinwerktechnik Anwendung findet, welches große Bewegungen in kleine übersetzt.

Bei Parmigiani übersetzt man umgekehrt eine kleine Bewegung in eine wesentlich größere. Die größere Bewegung ist dabei die Längsbewegung Zeigers, die kleinere das Zusammenschieben der Enden des Scherengestänges, die sich in den Stahlzylindern in der Zifferblattmitte verstecken.

Dort ist pro Zeiger eine Kurvenscheibe untergebracht, die einer Miniatur der Zifferblattform gleicht. Sie rotiert mit den Antrieben der Zeiger nicht mit, aber kleine Zapfen an den Enden der umlaufenden Zeiger tasten diese Kurven ab. Dabei werden die Zapfen auseinander- oder zusammengedrückt, und das gesamte Gestänge des Zeigers fährt ein- oder aus. Zu jedem Zeitpunkt ist also die Länge, die der Zeiger annehmen muss, durch diese Kurvenscheibe programmiert.

Silbernes Uhrengehäuse an Lederband mit Sichtboden auf automatischem Uhrwerk.
Formwerk des Pantographe

Mit dem Verschwinden der Ovale Pantographe aus der aktiven Kollektion von Parmigiani verschwand diese seltene, in Armbanduhren einzigartige Komplikation wieder vom Markt. Ob Parmigiani oder gar ein weiterer Hersteller sie jemals wieder ins Programm nehmen wird? Fraglich.

Stunden stehen kopf in der Ludovic Ballouard Upside Down

Dieser Zeitmesser setzt den Trend der außergewöhnlichen Komplikationen mit fragwürdigem praktischen Nutzen fort. Dafür ist der Unterhaltungswert der recht einzigartigen Mechanik, die sich durch den Saphirglasboden bewundern lässt, hoch. Was sich dort verbirgt, werden wir gleich genauer beleuchten, doch zunächst einige Worte zur Uhr und ihrem Schöpfer.

Das Modell Upside Down ist das Signature Piece der Marke Ludovic Ballouard, erstmals 2009 erschienen und bis heute gepflegt, was sich in immer wieder lancierten Modellvarianten äußert. Tatsächlich kennt die Kollektion der Manufaktur lediglich ein weiteres Modell, was nicht heißen soll, dass es dem namensgebenden Gründer an Kreativität mangelt. Vielmehr war er den Großteil seines Lebens angestellter Uhrmacher, zunächst bei Franck Muller, später bei F.P. Journe, wo er die Sonnerie Souveraine montierte, bevor er 2009 unter den Eindrücken der Finanzkrise in die Selbstständigkeit ging.

Das Konzept der Upside Down stand schnell fest, und eine Finanzierung sicherte sich Ballouard durch Anzahlungen seiner zukünftigen Kunden. Die Rechnung ging auf, und sein Atelier wuchs zeitweise auf sechs Mitarbeiter an, doch später führte ein geplatztes Projekt für die Marke Harry Winston zu Verwerfungen, und Ballouard gründete sein Atelier neu, wo die Upside Down bis heute entsteht.

Uhr an kaffeebraunem Lederarmband mit Gehäuse in Roségold. Ziffernblatt in Perlmutt mit kleiner Sekunde. Arabische Zahlen Upside Down.
Ludovic Ballouard Upside Down

Sie lässt sich wie bereits angedeutet zu den verspielten Komplikationen zählen. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine Zweizeigeruhr mit Minuten- und dezentralem Sekundenzeiger – ein Stundenzeiger scheint zu fehlen. Anstelle von Indizes weist das Zifferblatt zwölf erkennbare abgesetzte Scheiben auf, deren Ziffern auf dem Kopf stehen. Bis auf eine! Diese eine richtig herumstehende Ziffer signalisiert die Stunde.

Uhr an kaffeebraunem Lederarmband mit Gehäuse in Roségold. Sichtboden mit automatischem Uhrwerk.
Die Werksrückseite einer Upside Down

Die technische Umsetzung dieser schnell erklärten Spielerei ist überraschend aufwendig. Das stellt der Blick durch den Glasboden sofort klar, denn hier findet man einen exotischen Mechanismus vor. Der Rand des Werks wird von zwölf an den Stellen der Stundenscheiben verbauten Malteserkreuzen gesäumt. Genau zwischen dieser Ebene und dem Inneren des Werks liegt ein stählerner Ring, in den ein gefederter Hebel greift. In der Werksmitte sitzt prominent eine schneckenförmige Scheibe, deren Kontur von einer Kralle dieses Hebels abgetastet wird. Die Scheibe ist mit dem Uhrwerk verbunden und vollzieht einmal pro Stunde eine Umdrehung, was über den Hebel eine definierte Weiterschaltung des Rings auslöst. Durch den Ring werden immer zwei Malteserkreuze geschaltet. Die Scheibe der vergangenen Stunde dreht sich wieder auf den Kopf, die der kommenden nimmt die korrekte Position ein. Mit dem weiteren Umlauf des Rings setzt sich dieses Spiel im Uhrzeigersinn fort.

Die springende Sekunde

Als dritte außergewöhnliche Komplikation in dieser illustren Runde widmen wir uns der springenden Sekunde, auch als tote Sekunde bezeichnet. Sie ist nicht so selten oder gar einmalig wie die bisher vorgestellten, nimmt aber eine gewisse Sonderstellung unter den Komplikationen ein, denn sie erlaubt es einer mechanischen Uhr, sich als Quarzuhr zu „tarnen“.

Befasst man sich erstmals mit mechanischen Uhren, lernt man recht schnell, diese anhand des Sekundenzeigers von Quarzuhren zu unterscheiden. Bei mechanischen Uhren scheint dieser über das Zifferblatt zu gleiten, während er bei Quarzuhren einmal pro Sekunde weiterspringt. Ein untrügliches Zeichen.

Das funktioniert praktisch immer – außer man hat es mit einer springenden Sekunde zu tun, die einer mechanischen Uhr einen sekündlich springenden Sekundenzeiger beschert. Eine gewisse Ironie ist diesem Mechanismus nicht abzusprechen, da ein technischer Aufwand getrieben wird, nur um die Uhr nach außen hin wie ein Modell von der Supermarktkasse wirken zu lassen.

Historisch ist die Motivation hinter einer springenden Sekunde selbstverständlich eine andere. Von Wanduhren war man sekündlich springende Zeiger gewohnt. Nicht so bei Taschen- und Armbanduhren. Ihre Unruhen schwingen mit höheren Frequenzen als Pendel, was vorgibt, wie oft sich der Sekundenzeiger in einer Sekunde fortbewegt. Es erschien zweckmäßig, einen Mechanismus wie die springende Sekunde zu erfinden, um auch bei tragbaren Uhren die Sekundenzeiger wieder im exakten Takt der kleinsten gebräuchlichen Zeiteinheit, der Sekunde, ticken zu lassen. Die Assoziation mit Quarzuhren ist wesentlich jünger, und nüchtern betrachtet macht die sekundenweise Fortbewegung des Sekundenzeigers einfach Sinn. In der breiten Masse angekommen ist diese Komplikation – vielleicht gerade aufgrund dieser Assoziation – nicht.

Uhr mit Stahlgehäuse an blauem Lederarmband. Ziffernblatt in Stahl matt. Schwarze Zeiger und Indizes (3,6,9,12).
Habring2 Erwin mit springender Sekunde

Technisch umsetzen lässt sich die springende Sekunde auf vielfältige Weise. Die vermutlich einfachste Methode ist jene, bei der das Sekundenrad nicht im Kraftfluss des Räderwerks liegt. Stattdessen wird ein Zahnrad mit Drehfeder immer wieder vom Federhaus vorgespannt, und in regelmäßigen Abständen durch ein Sternrad am Hemmungsrad freigegeben. Das Werk läuft kontinuierlich weiter, aber der Sekundenzeiger bewegt sich nur einmal pro verstrichener Sekunde. Beispiele sind die Habring2 Erwin oder die Geophysic True Second von Jaeger-LeCoultre.

Eine weitere Spielart der springenden Sekunde, wie sie meistens in High-End-Uhren umgesetzt wird, kann in Kombination mit Konstantkraft-Mechanismen realisiert werden. Diese sorgen primär für konstanten Kraftfluss zur Hemmung und halten dabei das Räderwerk regelmäßig an. Die springende Sekunde bekommt man konstruktiv bedingt also „gratis“ dazu, je nach Ausführung. Vertreter dieser Gattung findet man etwa bei F.P. Journe. Grönefeld hat eine weitere Variante mit zwei Federhäusern und separaten Räderwerken umgesetzt. Gemein ist diesen beiden Varianten, dass sie konstruktiv aufwendiger und preislich entsprechend höher angesiedelt sind.

Uhr mit silbernem Gehäuse an schwarzem Lederarmband. Beiges Ziffernblatt mit Tourbillon und "toter Sekunde" Komplikation.
F.P. Journe Tourbillon Souveraine mit „toter“ Sekunde

Ob Sie diese Vorstellung dreier außergewöhnlicher Komplikationen nun fasziniert, amüsiert oder irritiert hat: Ich für meinen Teil finde es interessant, gelegentlich den kurioseren Verwandten von GMT, Gangreserve und Co. meine Aufmerksamkeit zu widmen und hoffe, Ihr Interesse für mechanische Raritäten geweckt zu haben.


Über den Autor

Tim Breining

Etwa 2014, während meines Ingenieurstudiums, begann ich mich für Uhren zu interessieren. Mit der Zeit wurde aus der anfänglichen Neugier eine Leidenschaft. Da …

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