22.08.2017
 6 Minuten

ETA Uhrwerke – zuverlässige Arbeitstiere oder Massenprodukte ohne Seele?

Von Robert-Jan Broer
Tutima Grand Flieger Chronograph Uhrwerk, Foto: Bert Buijsrogge
Tutima Grand Flieger Chronograph Uhrwerk, Foto: Bert Buijsrogge

Die ETA ist ein Unternehmen, das ursprünglich von Eterna gegründet wurde und bereits seit Jahrzehnten zur Swatch Group gehört. Das Ziel der Firma besteht darin, Uhrwerke für Uhrenhersteller zu entwickeln und herzustellen. Die Produktpalette reicht von relativ günstigen Quarzkalibern bis hin zu mechanischen Werken mit Komplikationen wie Kalendern oder Chronographen.

ETA und Manufakturkaliber

Viele ETA-Werke kommen in Uhren von Marken aus der Swatch Group zum Einsatz. Zu diesen gehören unter anderem Swatch, Certina und Tissot. Hauptsächlich sind es gewöhnliche Kaliber, die von mehreren Herstellern genutzt werden. Für ein paar Marken wie zum Beispiel Longines fertigt die ETA exklusive Kaliber. Außerhalb der Swatch Group werden Sie in zahlreichen Uhren verschiedenster Marken ETA-Werke antreffen. In den meisten Fällen liegt das daran, dass die Hersteller nicht dazu in der Lage sind, eigene Uhrwerke zu entwickeln und zu produzieren – oder ihnen fehlen schlicht die finanziellen Mittel dazu. Das gilt für kleine unabhängige Micro-Brands genauso wie für große berühmte Marken.

Ein prominentes Beispiel ist Omega. Bevor die Manufaktur sich dazu entschloss, selber Uhrwerke zu entwickeln, bezog sie Kaliber von Drittanbietern. Allein die Entwicklung des Co-Axial-Chronographen-Kalibers 9300 kostete rund 100.000.000 Schweizer Franken. Auch für große Marken wie Omega ist das eine ganze Menge Geld.

Die Erfolgsgeschichte

Tag Heuer Calibre 7 - Uhrwerk auf ETA-Basis, Foto: Bert Buijsrogge
Tag Heuer Calibre 7 – Uhrwerk auf ETA-Basis, Foto: Bert Buijsrogge

Sie können sich fragen, ob ein Manufakturkaliber per se besser ist als ein Uhrwerk eines Werkelieferanten wie der ETA. Das Kaliber 2892-A2 ist zum Beispiel ein Werk, das von vielen großen Marken wie Breitling, Omega oder der IWC seit langer Zeit genutzt wird. Dieser Werk hat durchaus bewiesen, dass er ein zuverlässiges Arbeitstier ist. Das bedeutet auch, dass potentielle Schwachstellen bereits optimiert bzw. beseitigt wurden, immerhin verrichtet das ETA 2892-A2 in Hunderttausenden Uhren auf der ganzen Welt seinen Dienst. Dank ihrer Erfahrungen und Unternehmensgröße ist die ETA fähig, Uhrwerke zu entwickeln, die laufen, laufen und nochmals laufen.

Ist also ein neu entwickeltes Manufakturkaliber mit keiner oder nur wenig Praxiserfahrung ein besseres Uhrwerk? Die meisten der neu eingeführten Manufakturwerke benötigen etwas Zeit, um ihren Wert unter Beweis zu stellen, und oftmals sind hierfür mehrere Anläufe nötig. Für Uhrmacher kann es belastend sein, all die Änderungen in der Entwicklung eines Kalibers nachzuverfolgen.

Die Vorteile

IWC Schaffhausen Manufakturkaliber, Foto: Bert Buijsrogge
IWC Schaffhausen Manufakturkaliber, Foto: Bert Buijsrogge

Natürlich haben Luxusuhren mit Manufakturkaliber ihren Charme, das steht außer Frage. Ein selbstentwickeltes Uhrwerk macht jeden Zeitmesser auch ein Stück weit exklusiver. Außerdem ist es sehr reizvoll, eine Uhr mit einem Werk zu kaufen, das vom Hersteller selbst entwickelt und nicht nur zusammengesetzt wurde. Behalten Sie aber im Hinterkopf, dass der Begriff „Manufaktur” auch ein perfektes Marketing-Tool ist, um Uhrenliebhaber und -sammler zu begeistern.

Fragen Sie sich erneut, ob ein Manufakturwerk Ihnen tatsächlich einen Mehrwert bietet oder ob es nur ein „Qualitätssiegel” darstellt. Es ist nie garantiert, dass ein Manufakturwerk unbedingt besser sein muss als ein Uhrwerk eines externen Lieferanten wie der ETA. Oft geht Probieren über Studieren und das kann Jahre dauern.

Selbstverständlich gibt es noch mehr Vorteile, die für ETA-Werke sprechen. Wenn Sie eine Uhr mit Manufakturwerk kaufen, müssen Sie sich auf das Fortbestehen des Unternehmens, dessen Kapazitäten und Fähigkeiten zur Wartung und Reparatur Ihrer Uhr verlassen können. Bei einem ETA-Werk ist das gar kein Problem, da die meisten Uhrmacher mit diesen zurechtkommen. Immerhin hatten viele schon während ihrer Ausbildung mit Kalibern des Herstellers zu tun. Außerdem ist die Versorgung mit Ersatzteilen nicht auf zertifizierte Service-Center begrenzt und da so viele ETA-Werke im Umlauf sind, bleiben die Kosten vergleichsweise niedrig.

Gepriesen sei die Manufaktur

Nomos Manufakturkaliber, Foto: Bert Buijsrogge
Nomos Manufakturkaliber, Foto: Bert Buijsrogge

Wenn Sie diesen Artikel bis hierhin gelesen haben, werden Sie nun vielleicht den Eindruck haben, dass Manufakturkaliber kaum Vorteile bieten. Natürlich gibt es viele Gründe, eine Luxusuhr mit Manufakturwerk zu wählen, denn es ist ein Zeichen für die Handwerkskunst eines Herstellers. Die Manufaktur zeigt damit, dass sie dazu in der Lage ist, eigene Werke zu entwickeln und mit deren komplexen Anforderungen umgehen kann. Denken Sie zum Beispiel an die Dimensionen von Uhrwerken oder an modulare Konstruktionen, die das Leben eines Uhrmachers erleichtern.

Wenn ein Hersteller ein Chronographen-Werk nutzen möchte, zum Beispiel das ETA Valjoux 7750, ist er an ein bestimmtes Zifferblattdesign gebunden. Dieses muss nämlich wie die Höhe des Gehäuses zum Uhrwerk passen. Kleinere Anpassungen und Optimierungen für einen modernen Look sind zwar möglich, diese bedeuten aber oft, dass die Zuverlässigkeit des Werkes in Mitleidenschaft gezogen wird. Wer ein eigenes Kaliber entwickelt und herstellt, kann die Abmessungen bestimmen, sodass das Werk perfekt ins Gehäuse passt. Außerdem kann sich der Hersteller für präferierte technischen Lösungen entscheiden. Denken Sie an die Hemmung, den Aufzugsmechanismus oder die Regulierung.

Manufakturkaliber haben aus verschiedenen Gründen leidenschaftliche Verehrer. Oft sind sie sogar das herausragende Highlight einer Uhr, wohingegen Uhrwerke von Drittherstellern eher als „Verlegenheitslösung” eines Herstellers betrachtet werden.

Eine Übersicht

TAG Heuer Carrera mit Uhrwerk auf ETA-Basis, Foto: Bert Buijsrogge
TAG Heuer Carrera mit Uhrwerk auf ETA-Basis, Foto: Bert Buijsrogge

Lassen Sie uns einen Blick auf die wichtigsten ETA-Werke werfen. Oft ist es übrigens gar nicht so klar, dass ein Uhrenhersteller ein Kaliber verwendet, das auf ETA basiert. Meistens verwenden sie nämlich eigene Kaliberbezeichnungen. Manchmal ist es aber offensichtlich, zum Beispiel beim Tudor Kaliber 2824, das einem ETA 2824-2 entspricht. Bei der IWC ist es hingegen weniger einfach: Das Kaliber 79320 des Herstellers basiert auf dem ETA Valjoux 7750. Oftmals sind die ETA-Werke, die von Unternehmen wie der IWC oder Tudor verwendet werden, modifiziert und nach den eigenen hohen Ansprüchen finissiert.

Bevor wir zum Überblick kommen, noch ein kleiner Hinweis: Die ETA liefert ihre Werke in verschiedenen Qualitätsstufen an die Hersteller aus. Diese Stufen spiegeln die unterschiedlichen Präzisionsgrade wider, die die ETA garantiert. Der Rohwerkehersteller nutzt Definitionen wie Standard, Elaboré, Top und Chronomètre für die Angabe der Präzision. Nicht jedes Level ist für jedes Kaliber erhältlich. Die Stufe gibt nicht nur die Ganggenauigkeit des Werkes an, sondern aus den Grad des optischen Finishs.

Das ETA 2824-2

Tissot Heritage Visodate mit Uhrwerk auf ETA-Basis, Foto: Bert Buijsrogge
Tissot Heritage Visodate mit Uhrwerk auf ETA-Basis, Foto: Bert Buijsrogge

Wie bereits angedeutet, ist dieses Uhrwerk eines der Basis-Kaliber bei Tudor. Generell ist das ETA 2824-2 eines der am häufigsten genutzten ETA-Werke, das bei unzähligen Herstellern zum Einsatz kommt. Das Automatikkaliber besitzt 21 Juwelen und eine Unruhfrequenz von 28.800 Halbschwingungen pro Stunde (A/h). Diesen Taktgeber finden Sie in unzähligen Uhren und bei fast allen Herstellern. Für die meisten ist es die Lösung, wenn sie nach einem soliden Arbeitstier suchen. Das ETA 2824-2 gibt es auch als Chronomètre-Version.

Das ETA 2892-A2

Das ETA 2892-A2 ist bereits seit Jahrzehnten auf dem Markt und kommt vor allem in den teureren Uhren der großen Hersteller zum Einsatz. Die IWC, Omega, Breitling und viele andere bekannte Marken bauen oder bauten auf dieses Uhrwerk. Omega nutzte es auch als Basis für die erste Serie der Co-Axial-Kaliber 2500, das der Hersteller 1999 einführte. Das Automatikwerk 2892-A2 besitzt eine Unruhfrequenz von 28.800 A/h, hat 21 Juwelen und eine Gangreserve von 42 Stunden.

Tudor hat das Werk als Grundlage für seine Chronographen-Kaliber genutzt, zum Beispiel in der Heritage-Chrono-Reihe. Das bedeutet, dass ein Chronographen-Modul auf das 2892-A2 montiert werden kann. Oft können Sie an der Anordnung der Drücker und der Krone erkennen, ob es sich um ein modulares Chronographen-Werk handelt. Wenn die Drücker höher als die Krone positioniert sind, haben Sie es mit einem Kaliber zu tun, das ein Modul „huckepack” trägt.

Das ETA 7750

Longines Conquest mit Uhrwerk auf Basis des ETA 7750, Foto: Bert Buijsrogge
Longines Conquest mit Uhrwerk auf Basis des ETA 7750, Foto: Bert Buijsrogge

Das ETA 7750 ist ein echtes Chronographen-Kaliber, das als solches konzipiert wurde und keinen modularen Aufbau wie das 2892-A2 benötigt. Das Werk ist auch als Valjoux 7750 bekannt und dient seit 1973 als Basis in zahlreichen Uhrenmodellen. Der Werkehersteller Valjoux gehört mittlerweile zur Swatch Group. Das 7750 basiert auf dem legendären Valjoux 7733, ein Chronographen-Kaliber mit Handaufzug, das 1970 eingeführt wurde. Das 7750 besitzt hingegen einen automatischen Aufzug und ist in mehreren Ausführungen erhältlich.

Neben der Chronographenfunktion bietet das ETA 7750 eine Anzeige für Wochentag und Datum. Das ETA 7751 zeigt Ihnen sogar noch den Monat und die Mondphase an. Eine weitere bekannte Variation ist das ETA 7754, das ebenfalls auf dem 7750 basiert, aber einen zusätzlichen 24-Stunden-Zeiger für eine zweite Zeitzone besitzt. Das 7750 können Sie in zahlreichen Chronographen finden. Es gehört zu den zuverlässigsten Arbeitstieren unter den Chronographen-Werken: Angefangen bei Uhren unter 1.000 EUR bis hin zu sehr teuren Modellen, bei denen das 7750 aufwendig dekoriert oder skelettiert ist.

Das IWC Kaliber 79320 ist ein Beispiel für ein dekoriertes ETA 7750. Die IWC nutzt es zum Beispiel in ihrer Fliegeruhr Chronograph. Andere Hersteller, die es noch nutzen oder genutzt haben, sind Breitling, Omega, TAG Heuer, Panerai, Sinn, Porsche Design, Longines, Oris, Tissot, Hamilton, Rado, Chopard usw. Sie werden es auch in Armbanduhren kleinerer, unbekannterer Hersteller wie Peter Speake-Marin oder Alain Silberstein antreffen.

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Über den Autor

Robert-Jan Broer

Robert-Jan ist Gründer des Fratello Magazine und schreibt dort seit 2004 über Uhren. Seine Leidenschaft für Uhren entdeckte er allerdings schon viel früher. Für …

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