08.05.2024
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Fliegeruhr im Test: ein Review der Sinn 103 St Ty Hd

Von Sebastian Swart
Sinn-2-1

Fliegeruhr im Test: ein Review der Sinn 103 St Ty Hd

Am 14. Februar 2024 ging ein Ruck durch die Fangemeinde des Herstellers Sinn. Mit einem brandneuen Modell stellte das Unternehmen aus Frankfurt am Main eine optisch wie technisch bemerkenswerte Variante seines legendären Chronographen der Baureihe 103 vor, die 103 St Ty Hd. Hinter der etwas sperrigen Bezeichnung verbergen sich die Eigenschaften Stahl (St), Tachymeter (Ty) und Handaufzug (Hd). Auf der Sinn-Homepage fiel die Uhr schon aufgrund ihrer farblichen Gestaltung sofort auf. So sparte Sinn nicht mit roten Akzenten, die auf der Stundenindexierung, dem Stoppsekundenzeiger und dem Totalisator bei 3 Uhr zu finden sind.

Technisch gesehen ist die 103 St Ty Hd nach 20-jähriger Unterbrechung die erste Uhr dieser Baureihe, die wieder über ein Handaufzugskaliber verfügt. Das Modell ist auf 1.000 Exemplare limitiert, von denen die erste Charge bereits nach wenigen Tagen ausverkauft war. Somit ist die Uhr zwar keine echte Seltenheit, in der Summe ihrer Eigenschaften entschloss ich mich jedoch spontan zum Kauf. In diesem Artikel erfahren Sie alles Wichtige zur Sinn 103 im Allgemeinen und zur 103 St Ty Hd im Speziellen.

Die Sinn 103 – ein Rückblick

Die Historie der Sinn 103 ist lang und voller bemerkenswerter Details, die ein ganzes Buch füllen können. Hier folgt daher nur eine kurze Übersicht zu ausgewählten Varianten der 103.

Zunächst sei erwähnt, dass der Markenname Sinn auf den 2018 im Alter von 102 Jahren verstorbenen Helmut Sinn zurückgeht. Unter dem vollständigen Namen „Helmut Sinn Spezialuhren“ gründete der erfahrene Berufspilot das Unternehmen im Jahr 1961. Von Anfang an konzentrierte er sich auf die Entwicklung von preisgünstigen Instrumenten- und Pilotenuhren mit hoher Präzision und Zuverlässigkeit. Zu Zeitmessern dieser Art gehörte auch die 103, die Sinn Ende der 1960er-Jahre präsentierte. Frühe Exemplare entstanden unter dem Eindruck von Fliegeruhren solch bedeutender Uhrenhersteller wie Jaeger-LeCoultre, Breguet und Mathey-Tissot.

Es verwundert somit nicht, dass manche Modelle der genannten Hersteller aus dieser Zeit untereinander technisch wie optisch eine verblüffende Ähnlichkeit aufweisen und vielfach sogar gleiche Bauteile besaßen. Kaliberseitig kam insbesondere das Handaufzugswerk Valjoux 72 bzw. 726 zum Einsatz, das den Uhren das charakteristische Tricompax-Design mit Totalisatoren bei 3, 6 und 9 Uhr bescherte.

Das Ende der 1980er-Jahre läutete ein neues Kapitel in der Geschichte der 103 ein. Neben dem Valjoux 7760 mit Handaufzug verwendete Sinn erstmals auch das automatische Kaliber Valjoux 7750. Beiden Uhrwerken gemeinsam ist die Anordnung der Totalisatoren bei 3, 6 und 12 Uhr sowie ein Datum samt Wochentag auf der 3-Uhr-Position. Heute kommen Uhrwerke zum Einsatz, die Sinn von den Schweizer Herstellern Sellita sowie den weniger bekannten Unternehmen Concepto und La Joux-Perret bezieht.

Sinn unter der Leitung von Lothar Schmidt

Im Jahr 1994 übernahm der Maschinenbauingenieur Lothar Schmidt die Firma Sinn. Schmidt, der zuvor als Produktions- und Entwicklungsleiter bei IWC Schaffhausen tätig war, brachte eine ganze Reihe frischer Ideen in die Firma ein. So wurden viele Sinn-Modelle, darunter auch Varianten der 103, mit der sogenannte Ar-Trockenhaltetechnik ausgestattet. Dabei handelt es sich um eine mit Kupfersulfat gefüllte Kapsel, die in das Gehäuse integriert ist und der Uhr so eindringende Feuchtigkeit entzieht.

Moderne Sinn 103 mit automatischen Kaliber Valjoux 7750
Moderne Sinn 103 mit automatischen Kaliber Valjoux 7750

Lothar Schmidt erkannte, dass sehr frühe und seltene Varianten der 103 bei Sammlern und Uhrenfreunden sehr begehrt sind und mitunter sehr hohe Preise erzielen. Daher lag es nahe, auch diese Kundschaft mit frischen Uhren zu bedienen, welche klassische Modelle neu interpretieren. So entstanden einige spannende limitierte Sondereditionen der 103, die das klassische Zifferblattdesign mit der Totalisatorenanordnung bei 3, 6 und 9 wieder aufnehmen. Hierzu gehören etwa die 103 Klassik, die 103 Klassik 12 H und die 103 ST Klassik C. Das Modell 103 St C soll hier auch nicht unerwähnt bleiben. Hier handelt es sich um eine Bicompax-Variante der 103 mit Hilfszifferblättern bei 3 und 9 Uhr.

Auf 200 Exemplare limitiert – Sonderedition Sinn 103 Klassik C
Auf 200 Exemplare limitiert – Sonderedition Sinn 103 Klassik C

Die Sinn 103 St Ty Hd im Detail

Kaum tauchte die 103 St Ty Hd auf der Sinn-Homepage auf, begannen in einschlägigen Fachforen die Diskussionen um den Look dieses Modells, der für eine 103 alles andere als gewöhnlich ist. Neben den oben bereits erwähnten roten Akzenten fiel die weiße Tachymeterskala am Zifferblattrand auf, die sich über den gesamten Rehaut erstreckt. Je nach Blickwinkel erschien die Skala vielen Usern als viel zu dominant, während andere sie als perfekt betrachteten. Geschmackssache. Was nur wenige der Diskutierenden wussten – mich eingeschlossen – war, dass die 103 St Ty Hd ein historisches Vorbild hat: die Sinn 103 C. Diese Uhr stellte Sinn bereits in den 1970er-Jahren vor und basiert auf einem Design des oben bereits erwähnten Herstellers Mathey-Tissot.

Vintage Chronograph von Matthey-Tissot
Vintage Chronograph von Matthey-Tissot

Die 103 St Ty Hd verfügt über das für diese Baureihe bekannte Edelstahlgehäuse, welches vollständig poliert ist. Über die leicht überstehende Lünette gemessen beträgt der Durchmesser 41 mm, wohingegen das Gehäuse selbst einen Durchmesser von 40 mm besitzt. Die Lünette besteht aus schwarz-eloxiertem Aluminium und ist mit einer Fliegerskala versehen. Mit einer Bauhöhe von 14,8 mm inklusive des hoch aufbauenden Deckglases aus Acryl ist das Modell ganze 2,4 mm flacher als etwa das Serienmodell 103 St Sa mit automatischem Kaliber und Saphirglas. Die Bandanstoßbreite liegt bei 20 mm, während der Hornabstand (Lug to Lug) 47 mm beträgt. Auf dem Blatt sind dies allesamt Maße, mit denen das Modell an den allermeisten Handgelenken eine gute Figur machen dürfte.

Bemerkenswert ist, dass die Uhr unterdrucksicher und bis zu 200 m (20 bar) wasserdicht ist. Sinn erreicht diese Eigenschaften dank des sogenannten D3-Systems, bei dem die Drückerstifte und die Kronenwelle direkt in die Gehäusebohrungen eingeführt und nahtlos gegen das Gehäuse abgedichtet werden. In der 103 St Ty Hd tickt ein Sellita SW 510 M, das über eine Gangreserve von 62 Stunden verfügt. Da dieses Modell – wie das Original – mit einem verschraubten Edelstahlboden ausgestattet ist, bleibt dem Besitzer ein Blick auf das durchaus sehenswerte Kaliber jedoch verwehrt.

Hommage an die Sinn 103 C der 1970er – Sinn 103 St Ty Hd
Hommage an die Sinn 103 C der 1970er – Sinn 103 St Ty Hd

Das Zifferblatt

Die Zifferblattgestaltung folgt weitgehend dem Design des Originals. So kann man die Farbe der Totalisatoren am besten mit einem silbrigen Beige umschreiben, wodurch der von vielen geschätzte Reverse-Panda-Look entsteht. Wie beim Vorbild besitzt die Uhr silberfarbene, applizierte Indizes, die bei der 103 Hd St Ty durch eine fein ausgeführte Politur im wahrsten Sinne des Wortes glänzen. An den oberen Enden der Indizes, unterhalb der roten Markierungen, befindet sich ein Tupfer Leuchtmasse, welche im Dunkeln nachleuchten soll. Ich schreibe bewusst soll, da das Ergebnis ein wenig enttäuschend ausfällt. So leuchten die Indizes nur kurz und schwach nach, wodurch ein Ablesen der Zeit unter schlechten Lichtbedingungen nur über die Stunden- und Minutenzeiger erfolgen kann, deren Leuchtkraft zwar sichtbar stärker ausfällt, jedoch noch weit von dem entfernt ist, was deutlich günstigere Marken oder Microbrands zu bieten haben.

Ist die Tachymeterskala zu breit oder nicht? Diese Frage muss letztlich jeder für sich beantworten. Fakt ist, dass der Winkel, aus dem man das Zifferblatt betrachtet entscheidend ist. Von oben betrachtet scheint das stark gewölbte Acrylglas die Skala zu vergrößern, während sie von der Seite perfekt mit dem Blatt harmoniert, das dank der Skala angenehm kompakt wirkt.

Fazit

Mit der 103 St Ty Hd hat Sinn der Reihe 103 ein wirklich außergewöhnliches Modell hinzugefügt. Mit viel Liebe zum Detail atmet das Modell den Zeitgeist von Chronographen der 1970er, hier im Speziellen der Sinn 103 C bzw. des entsprechenden Modells von Mathey Tissot. Besonders attraktiv wird die Uhr dadurch, dass sie die erste 103 ist, die Sinn seit 20 Jahren mit einem Handaufzugskaliber ausstattet. Leider ist das Zifferblatt im Dunkeln nicht besonders gut ablesbar, was etwas negativ zu Buche schlägt. Positiv hingegen ist der Tragekomfort, der insbesondere Dank der geringen Bauhöhe für die allermeisten Handgelenke gegeben sein dürfte. Mit einer Limitierung von 1.000 Exemplaren ist die 103 St Ty Hd zwar nicht besonders selten, jedoch noch exklusiv genug, dass sie auch für Sammler interessant ist.


Über den Autor

Sebastian Swart

Chrono24 nutze ich privat bereits seit vielen Jahren zum An- und Verkauf, aber auch zur Recherche. Von Uhren bin ich fasziniert, solange ich denken kann. Bereits …

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