03.04.2024
 5 Minuten

Hommage-Uhren: Echte Alternativen oder Abklatsch?

Von Tim Breining
Audemars-Piguet-Royal-Oak-Blue-Dial-2-1

Ein Blick auf Hommage-Uhren

Uhren, deren Design sich an besonders begehrten und exklusiven Ikonen orientiert, sind in aller Munde. Während die Zahl der Rolex-Nachahmer damals wie heute ungebrochen bleibt, drängen unaufhörlich neue Marken in das Segment der Edelstahl-Sport mit integriertem Armband, das von der Audemars Piguet Royal Oak und der Patek Philippe Nautilus dominiert wird. Nicht selten zählen sie – wie ihre exklusiven Vorbilder – zu den bestverkauften Zeitmessern einer jeweiligen Marke. Mit dem Status als Hommage geht dabei jeder Hersteller etwas anders um. Manche machen keinen Hehl um die Quelle der Inspiration und nennen das Kind beim Namen, andere lassen das Offensichtliche unkommentiert und überlassen es dem potenziellen Kunden, den unzweifelhaften Zusammenhang herzustellen.

Entsprechend entzweit das Thema Hommage-Uhren auch die Uhrenenthusiasten. Manche sehen in ihnen genau das, was die Hersteller mit Ihnen bezwecken wollen: Alternativen zu raren und teuren Uhren, die meist auch weniger solventen Käuferschichten die Möglichkeit eröffnen, eine Uhr im Stil ihrer Grail Watch zu besitzen. Andere belächeln die Designanleihen oder empfinden es als dreist oder sogar peinlich, sich am Design der Pioniere zu bedienen.

The story of the Audemars Piguet Royal Oak began with the "Jumbo."
Audemars Piguet Royal Oak – begehrtes Vorbild zahlreicher Hommagen

Den Themenkomplex Hommage-Uhren, garniert mit ausgewählten Beispielen, egal ob billig oder teuer, wollen wir genauer beleuchten. Dabei soll allen voran eines klar werden: Schwarz-Weiß-Denken und pauschale Verurteilungen greifen zu kurz und werden der Realität nicht gerecht.

Hommage-Uhr: Definition und Abgrenzung

Ob man sie als Hommage, Tribute, Lookalike oder Copycat bezeichnet: Es ist unerlässlich, diese Art von Zeitmessern von Replika abzugrenzen. Zudem deckt der Komplex Hommage-Uhren eine große Bandbreite ab. So kann die klischeehafte Hommage-Uhr auf den ersten Blick exakt das Erscheinungsbild ihrer Inspirationsquelle aufweisen. Erst beim Logo und den Gravuren wird klar, dass sie sich nicht für etwas ausgibt, das sie nicht ist. Ein Paradebeispiel ist die Marke Steinhart, die eine Hommage für fast jedes populäre Rolex-Model in petto hat. Selbstverständlich wird daraus kein Hehl gemacht, und es wird nicht der Eindruck erweckt, dass man es mit dem Vorbild zu tun hat.

Doch es gibt auch Designs, die den Hommage-Begriff im Wortsinn verkörpern. Hommage bezeichnet laut Wörterbuch eine Huldigung oder einen Eh­ren­er­weis und wird besonders im künstlerischen Kontext als respektvoller Verweis auf ein großes Werk und keinesfalls als stumpfe Kopie verstanden. In der Uhrenwelt, so könnte man argumentieren, finden sich solche „Eh­ren­er­weise“ vor allem bei Uhren, die Designmerkmale gekonnt für sich interpretieren, ohne ein ursprüngliches Design vollständig zu imitieren. Beispiele finden sich unter den zahlreichen Edelstahl-Sportuhren, für die Royal Oak und Nautilus thematisch Pate stehen, und die Elemente wie Polygon-Gehäuse, markante Schrauben und integrierte Stahlarmbänder aufgreifen, dabei aber weitgehend gestalterische Eigenständigkeit mitbringen. Ein Beispiel dafür ist die Maurice Lacroix Aikon-Kollektion im Einstiegspreissegment, die auf den ersten Blick mit der Royal Oak verbandelt, aber doch als eigenständig genug identifiziert werden kann.

Maurice Lacroix Aikon
Maurice Lacroix Aikon

Abgekupfertes Design, minderwertige Technik?

Es liegt nahe, Hommage-Uhren als minderwertig im Vergleich mit ihren Vorbildern zu verurteilen, sind sie doch meist günstiger und entsprechend mit Uhrwerken von der Stange und weniger aufwendig verarbeiteten Gehäusen ausgestattet. Auf den gängigen Online-Marktplätzen kommt einem eine Flut von Marken, deren gesamtes Sortiment aus offensichtlichen Designkopien besteht, entgegen. So begegnet einem bei diversen Onlinehändlern die Marke Pagani Design, die nicht nur das gesamte Rolex-Sortiment imitiert, sondern auch zahlreiche Omega-Modelle, solche von Panerai und natürlich Royal Oak und Nautilus. Angetrieben werden sie von japanischen oder chinesischen Einsteiger-Uhrwerken. Derartige Marken gibt es in Hülle und Fülle und sie prägen das negative Bild von Hommagen als qualitativ dürftige Uhren, die vor allem zwei Dinge tun sollen: so aussehen wie das Vorbild und dabei so billig sein wie möglich.

Dem kann man entgegenhalten, dass Verarbeitungsqualität und Inhouse-Fertigungskompetenz nicht nur bei Originalen anzutreffen sind. Es gibt eine große Nachfrage nach preiswerten, aber gleichzeitig technisch interessanten und kompetent gefertigten Zeitmessern. Man denke an den durchschlagenden Erfolg der Tissot PRX, die sich gestalterisch zwar auch auf eine Tissot Seastar aus den 70ern stützt, in ihrer modernen Interpretation aber unzweifelhaft in Richtung Royal Oak angepasst wurde. Zum attraktiven Preis bekommt der Kunde ETAs Powermatic 80-Werk mit 80 Stunden Gangreserve sowie solide gearbeiteten und polierten Gehäuse und Band, welche weithin das Lob der Kritiker ernteten.

Available in various colors: the Tissot PRX Powermatic 80 (here in ice blue)
Gelungene Hommage und Bestseller: Tissot PRX

Und es geht nicht nur preiswert. Stellvertretend für eine Hommage im weitesten Sinne, die mit einem Listenpreis über 20.000 EUR und einem exklusiven Microrotor-Werk kaum als günstige Alternative gelten darf, sei die Czapek Antarctique genannt. An dieser Uhr lässt sich kaum ein Detail ausmachen, das direkt von Nautilus oder Royal Oak stammt, und dennoch ist dem Betrachter sofort klar, in welche Kerbe die Boutique-Marke mit dieser Kollektion schlägt. Wenig überraschend avancierte die Antarctique prompt zum Bestseller und sorgte für Wartelisten.

Czapek Antarctique
Czapek Antarctique

Hommage von der Hommage?

Bedenken Sie: Angesichts der langen Historie der Uhrmacherei ist es nicht immer einfach auszumachen, welche Marke mit welchem Modell ein bestimmtes Merkmal eingeführt und sich somit in den Augen der Enthusiasten einen gewissen Anspruch auf dieses gestalterische Merkmal verdient hat. In anderen Fällen lässt sich diese Kette der Inspiration leicht nachvollziehen. So erging es der eben von mir angesprochenen Czapek Antarctique, als die britische Marke Christopher Ward 2023 das Modell The Twelve herausbrachte, welches der Antarctique verblüffend ähnlich sieht, was unter Enthusiasten für Wirbel sorgte. Eine kurze Recherche offenbart, dass derselbe Designer für beide Marken tätig war, was die Ähnlichkeit erklären dürfte. Zwar gleichen sich diese beiden Modelle wesentlich mehr, als es Royal Oak und Nautilus tun, aber wir erinnern uns: Auch sie stammen aus derselben Feder, und Patek Philippe setzte nicht ohne Grund auf das Erfolgsrezept Gérald Gentas, das sich beim Konkurrenten Audemars Piguet bewährt hat. Der Beliebtheit der Nautilus tat dies keinen Abbruch.

Christopher Ward The Twelve
Christopher Ward The Twelve

Fazit

Trends kommen und gehen, in der Mode wie in der Uhrenbranche. Jene Marken, die mit ihren historisch etablierten Ikonen gerade im Trend liegen, haben es gut. Die Konkurrenz steht derweil vor der Aufgabe, die aktuell gefragten Kategorien möglichst glaubwürdig mit eigenen Modellen zu besetzen. Dabei lässt es sich nicht vermeiden, dass sie ein Stück weit in die Mitläuferrolle gedrängt werden, während die Pionierrolle der Designikone zufällt, nach der sich die Kundschaft sehnt. In der Mode ist dieser Prozess der Nachahmung des Trendsetters so selbstverständlich, dass er kaum mehr diskussionswürdig ist.

Unter Uhrenenthusiasten wird die Anbiederung an bestehende Trends und Designs teils negativ kommentiert, aber die kommerziellen Erfolge geben dieser Praxis recht. Hand aufs Herz: Haben Sie nicht auch schon nach Alternativen zu Royal Oak, Nautilus und Co. gesucht? Wie viele Artikel und Videos stellen die besten oder günstigsten „Alternativen“ zu einer kostspieligen Ikone vor, wobei mit „Alternativen“ meist möglichst ähnliche Zeitmesser, also Hommagen, gemeint sind.

Ich weiß nicht, was ihr individueller Standpunkt bezüglich Hommage-Uhren ist. Ich für meinen Teil störe mich kaum an der Praxis, egal, ob es sich um eine eher abstrakte Hommage oder eine Beinah-Kopie handelt. Sie alle erfüllen ihren jeweiligen Zweck für eine bestimmte Zielgruppe, und ich bezweifle stark, dass Rolex, Patek Philippe und Audemars Piguet auch nur ein Kunde abhandenkommt, weil unzählige Budget-Ticker ihnen zum Verwechseln ähnlich sehen.


Über den Autor

Tim Breining

Etwa 2014, während meines Ingenieurstudiums, begann ich mich für Uhren zu interessieren. Mit der Zeit wurde aus der anfänglichen Neugier eine Leidenschaft. Da …

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