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Was ist „Haute Horlogerie”?

Jonathan Arnold
09.10.2017
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Grönefeld Parallax Tourbillon Grönefeld Parallax Tourbillon, Bild: Bert Buijsrogge
Jonathan Arnold
09.10.2017

 

Den meisten Leuten sagt der Ausdruck „Haute Horlogerie” auf Anhieb nichts. Ins Deutsche übersetzt würde es soviel heißen wie „Hohe Kunst der Uhrmacherei”. Das bringt schon etwas Licht ins Dunkel, die konkrete Bedeutung aber bleibt vage. Für eine kleine Gruppe hingebungsvoller, hochqualifizierter Uhrmacher, Handwerker, Designer und natürlich auch Uhrensammler ist es eine Lebensart. Was hat es also damit auf sich?

Bevor wir uns nun in diese Schlangengrube begeben, sollte klar sein, dass es nicht die eine Definition von „Haute Horlogerie” gibt. Der Begriff tauchte erstmals in den 1970er-Jahren nach der Quarzkrise auf und wurde (und wird immer noch) zur Abgrenzung der hochgradig komplexen mechanischen Uhren von massenproduzierten Quarzuhren verwendet.

Der Fokus lag zunächst stark auf der Qualität, dem Schwierigkeitsgrad und der Fähigkeit, die hohe Uhrmacherkunst unter Beweis zu stellen. Das hat sich auch in den vergangenen vier Jahrzehnten nicht großartig geändert, wohl aber die Anzahl derer, die sich dieses Gütesiegel der Uhrmacherei ans Revers heften.

 

Es ist kompliziert…

 

Auf was müssen wir achten, wenn wir herausfinden wollen, ob es sich um eine Uhr der „Haute Horlogerie” handelt? Nun, das erste und augenscheinlichste Detail ist das Werk und die darin verbaute(n) Komplikation(en). Wie Sie wahrscheinlich wissen, handelt es sich bei „Komplikationen” um Zusatzfunktionen, die mehr können, als die Zeit in Stunden, Minuten und Sekunden anzuzeigen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine traditionelle Handaufzugs- oder eine Automatikuhr handelt.

Ein Chronograph ist ein gutes Beispiel dafür oder eine Uhr mit Weltzeit- oder GMT-Anzeige. Indes werden nicht alle Komplikationen in der gleichen Weise hergestellt. Einige sind wesentlich komplexer und schwieriger – und das sind die, die wir uns näher anschauen wollen.

Auch wenn wir nicht jede einzelne Komplikation in einem Artikel abschließend darstellen können, gibt es doch ein paar Schlüsselbegriffe und Kategorien, mit denen wir Sie vertraut machen möchten. Dazu gehören akustische Komplikationen wie Alarmfunktionen, Repetitionen und große Schlagwerke; astronomische Komplikationen wie der Ewige Kalender, die Zeitgleichung oder die Sternzeit; und Komplikationen zur Zeitnahme wie der Rattrapante-Chronograph oder die springende Sekunde. Oft finden Sie bei Uhren der „Haute Horlogerie” die mittlerweile sehr bekannten Tourbillons (wobei Puristen diese, unabhängig ihrer Komplexität, nicht als Zusatzfunktion ansehen).

 

 

Es ist wichtig, dass allein das Vorhandensein einer solchen Komplikation nicht dazu führt, dass man die Uhr in die Kategorie „Haute Horlogerie” einordnen kann. Tatsächlich müssen zumeist mehrere dieser Komplikationen in einem Werk ticken, um die Meisterhaftigkeit eines Uhrmachers zu demonstrieren.

Vielleicht ist die Grande Complication das beste Beispiel hierfür, denn sie bringt die drei bedeutendsten Komplikationen der Uhrmacherei in einem Uhrwerk zusammen. Diese müssen traditionell aus den drei spezifischen Gruppen „Kalender”, „Zeitnahme” und „Läutwerk” kommen. Eine dieser Komplikationen zu meistern, kann einen Uhrmacher jahrelang beschäftigen, geschweige denn sie von Null an zu konstruieren. Diese hohe Kunst ist nur jenen Uhrmachern vorbehalten, die im Laufe der Zeit sowohl das Wissen als auch die Fertigkeiten erworben haben. Wer eine Grande Complication erfolgreich entwickelt, gehört zum elitären Club der „Haute Horlogerie”.

 

 

Drei weltberühmte Manufakturen stehen repräsentativ für die „heilige Dreifaltigkeit” der Uhrmacherei: Patek Philippe, Vacheron Constantin und Audemars Piquet. Seit einiger Zeit zieht die Uhrenfachwelt in Erwägung, auch der deutschen Luxusuhrenmanufaktur A. Lange & Söhne diesen Ritterschlag zu verleihen, obwohl man im sächsischen Glashütte auf ein nicht ganz so großes historisches Erbe zurückblicken kann. Mit seiner Grande Complication von 2013 hat der Hersteller jedenfalls eines der beachtlichsten Stücke der jüngeren Vergangenheit geschaffen.

Diese Uhr ist mit großer und kleiner Sonnerie, Minutenrepetition, Rattrapante-Chronograph, blitzender Sekunde und Ewigem Kalender ausgestattet. Damit ist sie die komplizierteste Uhr der deutschen Manufaktur. Ein erfahrener Uhrmacher benötigt fast ein Jahr, um die 876 Teile des Werks zusammenzusetzen.

 

…und schön zugleich!

Kari Voutilainen Movement

Uhrwerk von Kari Voutilainen, Bild: Bert Buijsrogge

 

Jedoch geht es in der „Haute Horlogerie” nicht nur um die ausgefallene Komplexität der Kaliber. Mindestens genauso wichtig ist die Finissage des Werks und des Gehäuses. „Finissage” steht hier für die manigfaltigen Techniken, die an den maschinengefertigten Teilen angewendet werden, um gewissermaßen alle Spuren der maschinellen Bearbeitung verschwinden zu lassen. Dazu werden mit größter Sorgfalt und Präzision alle Teile poliert und verziert und zu einem Miniaturkunstwerk zusammengefügt.

Einige dieser Techniken sind Jahrhunderte alt, das Wissen um sie wurde über Generationen weitergereicht. Andere wurden erst kürzlich entwickelt (oder haben sich durchgesetzt) und sind nicht weniger spektakulär. Wieder können wir hier nicht auf jede Technik im Detail eingehen, aber einige Begriffe sollten Sie sich merken: Anglieren, Genfer Streifen, Perlage, Schwarzpolitur und natürlich die Gravur.

 

Vacheron Constantin Malte Tourbillon Openworked

Vacheron Constantin Malte Tourbillon, Bild: Vacheron Constantin

 

Das beste Beispiel für einige dieser Techniken ist die Vacheron Constantin Malte Tourbillon Openworked. Der geschichtsträchtige Schweizer Uhrenhersteller begann auf dem Reißbrett mit dem Entwurf des tonneauförmigen Kalibers 2790 SQ. Wie Skulptur-Künstler arbeiteten die besten Handwerker des Unternehmens gewissenhaft über 500 Stunden an dem Werk – heraus kam ein skelettiertes Feuerwerk von Uhr!

Bei einer Gehäusehöhe von nur 6,1 mm verzierte man jedes der 246 Teile mit traditioneller Dekorationstechnik von Hand und verdiente sich das Genfer Siegel, eine exklusive und begehrte Auszeichnung, die die hohen Standards der Genfer Uhrmacher bestätigt. Dieses Gütesiegel ist gemeinhin anerkannt als die Top-Auszeichnung für mechanische Uhren und nur einigen ganz wenigen vorbehalten. Dieses visuelle Spektakel wird von einem großen Tourbillon komplettiert, das den Teil des Gehäusebodens beansprucht, der übrig geblieben ist, und mit gemächlichen 2,5 Hz schwingt, sodass Sie die ganze Schönheit dieses Kunstwerks genießen können.

Die „Haute Horlogerie” wird immer ein mysteriöses Konzept bleiben, offen für sagenhafte Interpretationen. Doch nach der Lektüre dieses Artikels haben Sie nun hoffentlich genug Informationen, um zu wissen, wonach Sie schauen müssen und um zu verstehen, warum Marken wie Rolex nicht unbedingt zu den Machern der „Haute Horlogerie” gehören, auch wenn Uhren dieser Hersteller sicher mit höchsten Qualitätsstandards hergestellt werden.

 

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