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Von Le Corbusier bis LeCoultre

Parallelen zwischen modernistischen Möbelstücken und Luxusuhren

Jonathan Arnold
26.12.2017
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Jaeger-LeCoultre Reverso und LC4 von Le Corbusier, Pierre Jeanneret, Charlotte Perriand - Cassina I maestri Collection, Fotos: Bert Buijsrogge und Cassina Jaeger-LeCoultre Reverso und LC4 von Le Corbusier, Pierre Jeanneret, Charlotte Perriand - Cassina I maestri Collection, Fotos: Bert Buijsrogge und Cassina
Jonathan Arnold
26.12.2017

 

In unserer schnelllebigen, sich ständig verändernden Welt gibt es nur wenig verlässlich beständige Dinge. Gutes Design dagegen ist zeitlos – das gilt nirgends so wie in der Welt der Luxusuhren. Schauen Sie sich zum Beispiel die Top-Ikonen der jüngeren Vergangenheit an: Die Patek Philippe Calatrava, die Jaeger-LeCoultre Reverso und selbstverständlich die Rolex Submariner.

Es sind ganz unterschiedliche Uhren, die eins vereint: Attraktives, funktionales und zeitloses Design, das sich über Jahrzehnte bewährt hat. Ähnliches gilt auch für einige High-End-Möbelstücke aus derselben Periode. Es gab zwar vereinzelt minimale Anpassungen, andere Materialien etc. , die Hauptmerkmale der Designs blieben jedoch unberührt.

 

Die Architekten

Mies van der Rohe Barcelona-Pavillon

Mies van der Rohe Barcelona-Pavillon

 

Der Vergleich mag vielleicht merkwürdig erscheinen, denn Luxusuhren und Designermöbel haben auf den ersten Blick außer einer exklusiven und solventen Klientel scheinbar nicht viel gemeinsam. Aber wenn man ein bisschen tiefer gräbt, erschließen sich die besonderen Gemeinsamkeiten und die Verbindungen in den Denkmustern ziemlich schnell. Viele der grundlegenden Ideen haben ihre Wurzeln bei den Pionieren moderner Architektur wie Le Corbusier, Frank Lloyd Wright, Ludwig Mies van der Rohe und natürlich Walter Gropius.

Diese Herren schafften es, in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg einen Architekturstil zu etablieren, der bis heute als Vorbild dient, so wie der Klassizismus und die Gotik ihre Epochen repräsentieren. Der Einfluss ihrer avantgardistischen Ideen durchzieht alle Designbereiche des heutigen Lebens inklusive Produkten wie Möbeln und natürlich auch Armbanduhren.

 

Die Bauhaus-Schule setzte dabei unter Führung von Walter Gropius herausragende Akzente. Das Kernstück des Bauhaus-Konzepts ist die Vorstellung des Einklangs von Design und Alltag. Massenproduktion steckte zu der Zeit immer noch in den Kinderschuhen, wenn gleich sie immer beliebter wurde. Gropius war der Ansicht, man könne Produkte industriell fertigen und trotzdem die individuelle künstlerische Freiheit des Produktdesigners erhalten. Die Bauhaus-Schule lehrte, wie Kunst und Industriedesign zusammengeführt werden können.

Der Schwerpunkt lag auf der Verwendung vereinfachter, der Funktionalität zugute kommender geometrischer Formen, die es erlaubten, die Produkte in großen Stückzahlen herzustellen, ohne die Erfahrung der Nutzer zu schmälern. Das zog sich bis hin zur Typographie, die man unter der Prämisse der visuellen Klarheit sowohl als praktisches Kommunikationsmittel als auch als künstlerischen Ausdruck betrachtete.

 

Form follows function

Eames Lounge Chair

Eames Lounge Chair und Fußhocker, Foto: Vitra AG

 

Der Stil der Bauhaus-Schule und modernistischer Architekturströmungen insgesamt lässt sich mit dem Gestaltungsleitsatz „Form follows function” beschreiben und ist wahrscheinlich das Konzept, was sich am längsten halten konnte. Im Grunde bedeutet es, dass die Schönheit eines Produkts in erster Linie daraus resultiert, dass sich die Form (das Design eines Produkts) aus seiner eigentlichen Funktion (dem Zweck) ableitet. Die Umsetzung zeigt sich deutlich in vielen der frühen Möbelentwürfe der modernen Bewegung, wie zum Beispiel dem Barcelona Chair von Mies van der Rohe und Lilly Reich von 1929, dem Wassily Chair von Marcel Breuer von 1925-1926 und natürlich den verschiedenen LC-Möbeln, die Le Courbusier seit den späten 1920er-Jahren entwarf.

All diese erwähnten und viele anderen Originaldesigns der modernistischen Bewegung wurden seit den späten 1920ern industriell hergestellt und sind weiter auch seit den 1950ern in Produktion – mit wenig bis gar keinen Änderungen. Es ist keine Überraschung, dass auch andere Designer sich davon inspirieren ließen, sowie etwa Charles und Ray Eames mit dem Lounge Chair oder dem Ottoman in den 1950ern. Dies sind nur einige weitere Beispiele oft kopierter Ikonen funktionellen Designs.

In der Uhrenwelt verhält es sich ähnlich…

 

Patek Philippe Calatrava

 

Die Patek Philippe Calatrava, wahrscheinlich die berühmteste Dresswatch aller Zeiten, kam 1932 auf den Markt. Die Modellreihe wird immer noch produziert – 85 Jahre später! Zu dieser Zeit hatte Patek einige finanzielle Schwierigkeiten und benötigte ein solches Top-Model, um sich in die Köpfe der Konsumenten zu bringen.

Auch wenn es über die Jahre viele Variationen gab, die entscheidenden Designmerkmale blieben nahezu unberührt: Rundes Gehäuse, 3-Zeiger-Zifferblatt, manchmal mit Datum – ein insgesamt aufgeräumtes und gut ablesbares Zifferblatt, keine überflüssigen Schnörkel. Unglaublich schlicht und unbestreitbar elegant – ein Design, das für immer stellvertretend für das einer klassischen Dresswatch stehen wird und nebenbei auch ordentlich Geld in Pateks Kassen spülte.

 

Jaeger-LeCoultre Reverso

 

Die Reverso von Jaeger-LeCoultre kam unterdessen schon etwas früher, nämlich 1931 auf den Markt. Die treibende Kraft hinter der Entwicklung war auch praktischer und funktionaler Natur. Die schillernde Legende besagt, dass britische Offiziere in Indien einem Problem beim Polospielen gegenüberstanden: Die Poloschläger vertrugen sich einfach nicht mit den zerbrechlichen Gläsern ihrer Armbanduhren. Davon erfuhr der LeCoultre Geschäftspartner César de Trey, der die Gelegenheit ergriff und eine der ersten Sportuhren der Welt entwarf.

Die perfekte Lösung war ein drehbares Uhrengehäuse mit einer Rückseite aus Edelstahl, das während der Partie einfach umgedreht werden konnte, um so das Glas zu schützen. Diese einfache, aber geniale Idee musste auch in den letzten 86 Jahren nicht überdacht werden. Die Ironie der Geschichte ist, dass die Reverso eine der seltenen Designikonen ist, die nicht hundertfach kopiert wurde.

 

Rolex Submariner

 

Wenn man über funktionelles Design in der Uhrmacherei nachdenkt, fallen einem sofort Toolwatches ein. Speziell dabei die von Rolex ab den 1950ern. Die wohl berühmteste – und so auch meist kopierteste – ist die Rolex Submariner. Es gibt wirklich kein anderes Uhrenmodell, das so sehr mit dem Design von mechanischen Taucheruhren verbunden ist. Und doch hat diese Uhr mit ihrem markig-maskulinen Look und zeitlosen Charme eine besondere Attraktivität.

Alles an ihrem Design ist auf das Ziel ausgerichtet, sie zur bestmöglichen mechanischen Taucheruhr zu machen: Schwarzes Zifferblatt mit kontrastreichen leuchtenden Indizes, Kronenschutz, verschraubte Krone und einseitig drehbare Lünette – alle Elemente haben einen funktionalen Hintergrund und spielen zugleich eine Schlüsselrolle für den ästhetischen Anspruch der Uhr.

 

Audemars Piguet Royal Oak

 

Auf unserer Liste zeitloser Designs darf eine wahre Uhren-Ikone nicht fehlen: Die Audemars Piguet Royal Oak. So wie die Calatarava entstand sie aus der Not heraus. Dieses Mal war die gesamte Schweizer Uhrenindustrie während der aufkommenden Quarzkrise in eine Notlage geraten. Etwa um das Jahr 1971 realisierte die Führung bei Audemars Piguet, dass sehr schnell eine zündende Idee her musste, um den finanziellen Ruin abzuwenden. Basierend auf ersten Anzeichen des italienischen Markts für ein Potential für Luxussportuhren aus Edelstahl, entschied man sich kühn auf etwas total Neues zu setzen: Einen sportlichen und doch eleganten Zeitmesser, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Der Rest der Geschichte ist Legende.

Der berühmte Schweizer Uhren-Designer Gerald Genta wurde mit der Gestaltung beauftragt und für ihn wurde sie nach eigener Aussage das Meisterstück in seiner Karriere. Inspiriert von einem historischen Taucherhelm hat die Royal Oak eine achteckige Lünette, gesichert mit 8 sichtbaren Goldschrauben und einem „tapisserie“-gemusterten Zifferblatt. Ebenso beeindruckend stach das integrierte Edelstahlarmband hervor, dessen Herstellung sich als äußerst schwierig erwies.

Die ganze Uhr bestand aus Edelstahl, was nicht weiter bemerkenswert gewesen wäre, wenn Audemars Piguet sie nicht 1972 zu einem Preis von 3.300 Schweizer Franken auf den Markt gebracht hätte – mehr als damals eine goldene Dresswatch von Patek Philippe gekostet hat. Auch deshalb war die Royal Oak die erste wirkliche Luxussportuhr der Welt. Zuerst erntete das Modell viel Spott und Häme, doch Sammler konnten den Erfolg der Uhr mit der Zeit nicht mehr leugnen. Letztendlich entwickelte sie sich zu einem großen finanziellen Erfolg für Audemars Piguet. Bis heute definiert sich die Marke zu allererst über dieses Modell.

So, nun sehen Sie, auch wenn es sich erst weit hergeholt anhört: Modernistisches Möbeldesign und Haute Horlogerie haben mehr gemeinsam als man denkt.

 

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