09.10.2015
 4 Minuten

Manufakturwerk oder Standardkaliber von ETA und Co. ?

Von Robert-Jan Broer
Patek Philippe Perpetual Calendar Chronograph Ref 2499
Patek Philippe Perpetual Calendar Chronograph Ref 2499

In der Anfangszeit der Uhrenproduktion war jeder Hersteller eine Manufaktur. Die aufwendigen Uhrwerke wurden per Hand gefertigt, vollautomatisierte und computergesteuerte Maschinen gab es nicht. Mit der Hand etwas zusammenzufügen – der wörtlichen Bedeutung von Manufaktur –, damit rühmen sich bis heute zahlreiche Unternehmen. Jaeger-LeCoultre, Audemars Piguet und Patek Philippe sind nur einige dieser namhaften Häuser. In den letzten 20 Jahren hat sich jedoch mehr und mehr ein Wettbewerb zwischen eigenem Uhrwerk oder zugekauftem Werk entwickelt – und viele Hersteller versuchen, den Manufakturstatus auf verschiedenen Wegen zu erlangen.

Marketing oder echte Qualität: Fast scheint sich zwischen Masse und Manufaktur eine Zweiklassengesellschaft zu bilden. Ein Hersteller, der seine Uhrwerke zukauft, wird daher häufig als „Einschaler“ bezeichnet. Dabei zeigt die Vergangenheit, dass auch noble Häuser zu dieser Kategorie gehören. Über Jahrzehnte nutzte Rolex im Chronographen Daytona ein zugekauftes Werk von Zenith, während Omega für die Speedmaster ein Uhrwerk von Lemania verwendet hat. Auch der 1993 wiedergeborene Hersteller Panerai nutzte für die klassische Variante der Luminor im typischen Kissengehäuse ein eher einfaches, ehemals für Taschenuhren konstruiertes, Handaufzugswerk. Das Unitas-Kaliber ist robust und wohlkonstruiert, von einem Luxus-Manufakturprodukt jedoch weit entfernt. Dennoch wird es bis heute zahlreich verwendet, wenngleich auch Panerai mittlerweile eine ausgebaute Palette von eigenen Uhrwerken hat und sich damit auch Manufaktur nennen darf.

Zudem gilt es zu überlegen, welche Bedeutung eine Uhr aus einer Manufaktur hat – und welchen Aufwand der Hersteller tatsächlich für diesen Status betreibt. Streng genommen sollte eine Manufaktur die Technologie selber entwickeln und auch mit einem hohen Anteil an Wertschöpfung selber fertigen. Insbesondere der Aufwand beim Werk ist immens, die Entwicklung und Einrichtung der Werkzeuge ist kostspielig. Mit moderner Technologie ist die Herausforderung jedoch ungleich leichter zu handhaben als vor 50 Jahren. Auch hier hat der Computer längst den Großteil der Entwicklung übernommen. Mancher Hersteller greift dennoch auf erprobte Technik zurück und verwendet einen Radsatz, der mit neu gestalteten Brücken optisch zu einem eigenen Kaliber wird. Auch Nomos in Glashütte begann so die Fertigung, die heute auch Manufakturstatus erlangt hat. Auch aufwendige Umbauten entstehen auf diesem Wege – und damit neue Manufakturprodukte. IWC nutzte über Jahrzehnte Werke der ETA, die jedoch durch technische Eingriffe zur Grande Complication wie in der „Il Destriero Scafusia“ reifen konnten.

Manufaktur bedeutet zudem nicht, dass die Uhrwerke komplett in Handarbeit entstehen. Auch bei führenden Manufakturen wie Rolex wird nahezu vollständig automatisiert gefertigt. Der Manufakturbegriff hat keinen Schutz – während ein Chronometer immer von einer Prüfstelle wie der COSC oder der Sternwarte Glashütte zertifiziert wird, kann jeder Hersteller den Begriff Manufaktur für sich definieren. So ist auch Rolex, deren Fertigungstiefe nahe an den magischen 100 Prozent liegt, bei Bauteilen wie Unruhspiralen auf Zulieferbetriebe angewiesen. Manch Hersteller geht einen Umweg und nutzt die Entwicklung eines anderen Unternehmens, verfeinert sie und versieht sie ebenso mit dem Label „Manufaktur“. Das kann auch zu unangenehmen Reaktionen der Uhrenkenner führen – wie das Beispiel einer eidgenössischen Fabrik zeigte. Dort wurde dem neuen Chronographenwerk nach seiner offiziellen Präsentation ein Stammbuch in Japan nachgewiesen. Tatsächlich wurde das Uhrwerk vom japanischen Hersteller lizenziert und wird komplett in der Schweiz gefertigt, eine eigene Entwicklung ist es jedoch nicht. Oder die Schweizer Nobelmarke IWC, die im Chronographen 3714 der Portugieser-Reihe ein aufwendig umgebautes ETA/Valjoux 7750 nutzen. Durch tiefgehende Eingriffe ist es zum Manufakturwerk geworden, wenngleich die Basisteile aus den Werkautomaten der ETA in Grenchen stammen. Oftmals bauen auch Spezialateliers wie La Joux-Perret oder Dubois Depráz im Auftrag spezielle und reservierte Uhrwerke, die von den Verwendern als Manufakturwerk eingesetzt werden.

Bei den „Einschalern“ werden in den Uhren bis ca. 5.000 Euro Werke von ETA, dem größten Werkehersteller der Schweiz oder Herstellern wie Sellita und Soprod verwendet. Den Uhrwerken ist eines gemein: Sie sind ausgereift und werden mit einer hohen Qualität ausgeliefert. Ein weiterer Vorteil ist die einfache Wartung. Ein Breitling Chronomat oder Navitimer mit ETA/Valjoux 7750 lässt sich bei nahezu jedem Uhrmacher überholen. Die Ersatzteile sind kostengünstig zu bekommen. Anders sieht es bei Manufakturwerken aus: Hier ist der Uhrenbesitzer in nahezu allen Fällen auf den Service des Herstellers angewiesen – zu entsprechenden Tarifen. Bei der Fehlerhäufigkeit ist das Massenprodukt, sofern man es so nennen möchte, durch maschinelle Fertigung ausgereift und dementsprechend ohne große Mängel oder Serienstreuung. Bei den Marken mit mehr Handarbeit ist ebenso die Qualität sehr hoch, aber naturgemäß sind die aufwendigen Wunderwerke auch empfindlich.

A. Lange & Söhne Lange 1
A. Lange & Söhne Lange 1, Bild: Auctionata

Die bekannten Manufakturen – allen voran Betriebe wie Patek Philippe oder A. Lange & Söhne – treiben schon für die optische Aufbereitung der Manufakturprodukte einen immensen Aufwand. Anglierte Kanten, aufwendige Schliffe, hochwertig bearbeitete Kleinteile – feinste Qualität auch dort, wo kein Uhrenbesitzer normal hinsieht. Das sind Kriterien, die den Kaufpreis und auch den Werterhalt rechtfertigen. Hersteller wie Frederic Constant zeigen, wie aus einem Betrieb auf der ETA-Kundenliste eine veritable Manufaktur werden kann. Mit hochwertigen Inhouse-Kalibern hat die Marke bei Kennern und Käufern für Erstaunen gesorgt.

Manufaktur steht für erhöhte Wertigkeit – und diese streben mehr und mehr Hersteller an. Auch Breitling, jahrelang Hersteller mit zugekauftem Werkesortiment, zählt seit einigen Jahren zu den Manufakturen. Als logische Konsequenz haben die Preise deutlich angezogen. Die Entscheidung für oder gegen ein Manufakturprodukt ist damit in erster Linie eine emotionale Frage. Eine Manufaktur weckt mehr Emotionen als ein Mercedes mit einem Volkswagen-Motor. In der Präzision sind die Unterschiede gering und auch im Wiederverkauf spielen noch andere Faktoren eine wesentliche Rolle. Wer eine Manufakturuhr zum Schnäppchenpreis sucht, wird bereits für knapp 100 Euro fündig. Seiko und Citizen haben eine Fertigungstiefe von 100 Prozent und könnten den Manufakturbegriff verwenden. Doch Bescheidenheit scheint dort eine Zier – die japanischen Hersteller legen offenbar auf den Nimbus keinen Wert.


Über den Autor

Robert-Jan Broer

Robert-Jan ist Gründer des Fratello Magazine und schreibt dort seit 2004 über Uhren. Seine Leidenschaft für Uhren entdeckte er allerdings schon viel früher. Für …

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