19.08.2019
 7 Minuten

Mehr als nur Nostalgie: Das Comeback des Schaltradkalibers Omega 321

Von Tim Breining
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Mehr als nur Nostalgie: Das Comeback des Schaltradkalibers Omega 321

Die Omega Speedmaster an sich ist schon eine Ikone, doch dies gilt insbesondere für Exemplare mit dem Kaliber 321. Als Omega verkündete, die Produktion des Uhrwerks 321 der ersten Speedmaster wieder aufzunehmen, hielt die Uhrenwelt den Atem an. Vintage-Uhren mit diesem historischen Kaliber zählen zu den meistgesuchten Modellen und erzielen Höchstpreise.

Pünktlich zum 50. Jubiläum der Mondlandung: Omegas Ankündigung

Diesen Winter wird es soweit sein. Omega hat sich nicht lumpen lassen und spart nicht an Prestige und Emotionen. Wem das historische Kaliber noch nicht ausreicht, der wird vielleicht vom Platingehäuse, der Keramiklünette mit Emaille-Ziffern oder den Totalisatoren aus Mondmeteoriten überzeugt. Dass für die Premiere nicht etwa ein günstiges Modell ausgewählt wurde, überrascht kaum, da die Produktion der Werke bereits im Vorfeld als limitiert angegeben war. Die Eintrittsschwelle ist mit CHF 55.000 vorerst enorm. Aber mit etwas Glück wird auch eine stählerne Speedmaster in den kommenden Jahren mit dem legendären 321 ausgestattet. Sollte dies der Fall sein, muss man wirklich nicht über hellseherische Fähigkeiten verfügen, um eine entsprechend gigantische Nachfrage zu prognostizieren.

Doch was macht dieses Werk für Enthusiasten so begehrenswert? Vorweg sei schon verraten: Es liegt nicht nur an seinem Status als erstes Uhrwerk der Speedmaster und als Antrieb der Uhr, die auf dem Mond war. Ein kleines, unscheinbares Bauteil des Kalibers spielt bei der Beantwortung dieser Frage eine große Rolle: Das Schaltrad.

Das Schaltrad – Merkmal eines feinen Chronographen?

Wenn das Wort „Schaltradchronograph“ fällt, dann horchen Uhrenkenner auf. Kein Wunder, besitzen doch Chronographen der als „Big Three“ bekannten Haute Horlogerie-Marken (Audemars Piguet, Patek Philippe und Vacheron Constantin) allesamt Werke mit Schaltrad. Auch bei der wohl prestigeträchtigsten Deutschen Marke, A. Lange & Söhne, ist das Schaltrad (auch bekannt als Säulen- oder Kolonnenrad) fester Bestandteil aller Uhren mit Stoppfunktion. Wer es verbaut, der bewirbt es auch gerne. Nur selten versäumen es Journalisten, die Präsenz eines Schaltrads in einer Rezension zu loben. Redet man über Schaltradchronographen, schwingt ein Nimbus uhrmacherischer Tradition mit. Man bekommt den Eindruck, dass es nicht nur ein technisches, sondern vielmehr ein allgemeines Qualitätsmerkmal darstellt, das einen Zeitmesser in völlig andere Sphären hebt.

Speedmaster Apollo 11 50th Anniversary
Speedmaster Apollo 11 50th AnniversaryBild: Bert Buijsrogge

Und wie sieht es bei den aktuellen Varianten der Speedmaster aus? Tatsächlich nutzen sämtliche aktuellen Modelle Werke ohne ein Schaltrad – von den Co-Axial-Modellen mal abgesehen. Doch diese gelten bei Puristen eher als Neuinterpretation denn als klassische Speedy. Mit der Rückkehr des Schaltradkalibers 321 in die (wenn auch limitierte) Serienproduktion ändert sich das nun schlagartig. Aber macht das die bisherigen Speedmaster weniger begehrenswert?

Omega Co-Axial 9300
Das moderne Kaliber 9300 besitzt zwar ein Schaltrad, hat mit dem historischen 321 aber nichts mehr gemein.Bild: Bert Buijsrogge

Wieso ist das Schaltrad so hochgelobt? Bevor wir diese zentrale Frage beantworten können, müssen wir einige weitere stellen: Was ist dieses mysteriöse Schaltrad überhaupt? Wieso findet es sich in manchen Chronographen und in manchen nicht?

Die Suche nach Antworten lohnt sich, denn sie führt von den Anfangsjahren der Armbanduhr über die omnipräsente Quarzkrise bis hin zu der wiederentfachten Leidenschaft für die tragbaren mechanischen Wunderwerke. Und im Verlauf dieser Suche findet man nicht nur Antworten, sondern lernt auch einiges darüber, was Leidenschaft und Faszination für Uhren ausmacht.

Bild: Bert Buijsrogge

Historische Armbandchronographen

Der erste Chronograph für das Handgelenk wurde 1913 von Longines präsentiert, angetrieben durch das Kaliber 13.33Z. Dieses Werk bietet einen für historische Chronographenwerke typischen Anblick mit Schaltrad, horizontaler Kupplung (leicht zu erkennen an dem äußerst fein verzahnten Chronographen-Zentrumsrad) und Schraubenunruh. Die Monopusher-Konstruktion realisiert Start, Stopp und Nullstellung nur durch einen Drücker, der in die Krone integriert ist.

An dieser Stelle kommt das Schaltrad ins Spiel: Durch Betätigen des Drückers dreht sich das Schaltrad um einen definierten Winkel und wird durch das gezackte Sperrrad an seiner Unterseite per Klinke und Feder in der neuen Position gehalten. Die sechs erhabenen Säulen der Oberseite drehen sich hierbei mit. Betrachtet man das Uhrwerk rund um das Schaltrad, so sieht man einige komplex geformte, federbelastete Hebel, welche an ihren drei Enden am Schaltrad zusammenlaufen.

Omega 321
Das Schaltrad ist rechts oben gut zu erkennen. Der Hebel mit den zwei flachen Enden ist der Rückstellhebel. Darunter ist der Bremshebel zu erkennen, der das Zentrumsrad bei ausgekoppeltem Chronographen sperrt. Das Rad bei 12 Uhr koppelt über einen weiteren Hebel das fein verzahnte Zentrumsrad mit dem Werk.

Drei Hebel – drei Funktionen: Start, Stopp, Nullstellung. Durch jede Drehung des Schaltrads, die durch den Drücker ausgelöst wird, ändert sich die Position der Hebel abhängig davon, ob ihr Ende auf einer der Säulen oder zwischen zwei benachbarten Säulen zum Stehen kommt. Im Zusammenspiel der Säulen und Hebel ist die Schaltreihenfolge somit „einprogrammiert“. Eine elegante, ästhetisch ansprechende und funktionale Lösung, die bis in die 1930er-Jahre die einzige etablierte Konstruktion blieb.

Zwei Drücker sind besser als einer?

Der zweite Drücker bei 4 Uhr wurde um 1934 durch Breitling eingeführt und prägt bis heute das typische Erscheinungsbild eines Chronographen. Bei dieser Variante mit zwei Drückern finden sich am Schaltrad lediglich zwei Hebel. Derjenige, der für das Zurücksetzen des Chronographen verantwortlich ist, muss hier stattdessen mit dem zweiten Drücker verbunden sein.

Monopusher-Chronographen werden heute zumeist in exklusiven Modellen präsentiert, die sich an Vintage-Uhren einer Marke orientieren. Hersteller positionieren sie als besonders exquisit. Historisch stellen sie aber eine Vorstufe des Chronographen mit zwei Drückern dar und sind diesem aus funktionaler Sicht klar unterlegen. Nostalgie scheint hier also eine größere Rolle zu spielen als technische Details. Könnte es sich mit dem Schaltrad ähnlich verhalten?

Der Chronograph wird rationalisiert

Als moderner Uhrenenthusiast kann man leicht vergessen, dass die mechanische Uhr vor nicht allzu langer Zeit nicht nur Objekt für Liebhaber war. Vielmehr waren Menschen aller Lebenslagen von erschwinglichen, funktionellen Uhren abhängig. So elegant und ästhetisch die historischen Chronographenwerke aus der Sicht heutiger Sammler sind, so ungünstig waren sie zum Teil für die Massenfertigung. Das Schaltrad war hierfür einer der Hauptgründe. Es ist ein dreidimensionales Bauteil mit mehreren Ebenen und Funktionsflächen, deren Entgratung geometrisch bedingt kompliziert ist.

Mit dem Ziel, die Fertigung von Chronographen einfacher und günstiger zu gestalten, präsentierte der Werkehersteller Landeron im Jahr 1937 das Kaliber 47. Die Chronographenkomponenten stammten hierbei von der Firma Dubois-Dépraz, die bis heute bekannt für ihre Komplikations- und Chronographenmodule ist. Das Kaliber 47 ersetzte erstmals das Schaltrad durch zweidimensionale Bauteile, die sogenannten Nocken. Sie realisieren die Schaltung des Chronographen durch ihre komplexe Kontur. Der Vorteil: Im Gegensatz zum Schaltrad können sie ausgestanzt und somit leichter hergestellt werden.

Diese Bauform setzte sich langfristig durch, so dass auch das mit Abstand am häufigsten anzutreffende und noch in Produktion befindliche Chronographenwerk Valjoux 7750 und dessen Varianten ein Nockenschaltwerk anstatt eines Schaltrads aufweisen.

Das Kaliber 861 löste das Kaliber 321 ab und ersetzte das Schaltrad durch ein simpler zu fertigendes Nockenschaltwerk.Bild: Bert Buijsrogge

Die berühmte Omega Speedmaster erschien ursprünglich mit dem Lemania 2310 – bei Omega Kaliber 321 genannt – mit einem Schaltrad. Mit dem Wechsel zum Kaliber 861 erhielt sie ein Nockenschaltwerk, welches auch noch im aktuellen Speedmaster-Werk 1861 zu finden ist.

Rückbesinnung auf alte Werte

Als sich nach der Quarzkrise abzeichnete, dass die Flucht nach vorne – also der konsequente Fokus auf hochwertige mechanische Zeitmesser als Liebhaberobjekt und Statussymbol – die Zukunft der Uhrenindustrie sein würde, wurden die Karten neu gemischt. Auf einmal war das oberste Ziel nicht mehr eine möglichst rationale Massenfertigung oder Konkurrenzfähigkeit mit elektronischen Uhren aus Asien. Vielmehr war nun das glaubhafte Vermitteln der Historie und der Kompetenzen einer Marke ausschlaggebend für deren Erfolg. Dem Kunden mussten von nun an nicht nur zuverlässige Uhren, sondern allen voran emotional aufgeladene Luxusgüter geboten werden – und da kam das Zitieren der Technologien vergangener Zeiten gerade recht.

Anstatt auf möglichst nüchterne und rein funktionale Konstruktionen zu setzen, bieten Werksneukonstruktionen aus den Jahren nach der Quarzkrise dem Besitzer einen opulenten Anblick. Das Schaltrad mit seiner gefälligen Optik und seiner historischen Verwurzelung ist bei modernen Chronographenkalibern daher nicht mehr wegzudenken. Ein Paradebeispiel ist etwa das Lange L951.1 des ersten Datograph. Elegant geschwungene Hebel, Goldchatons, Handgravuren und spiegelpolierte Kanten greifen Elemente längst vergangener Zeiten auf und lassen zweckmäßige Chronographen mit unfinissierten Stanzteilen erblassen.

Voutilainen Masterpiece Chronograph II
Voutilainen Masterpiece Chronograph II

Chronographen ohne Schaltrad – wirklich minderwertiger?

Dass sich moderne Konstruktionen mit Nockenschaltwerk durchaus behaupten können, beweist etwa der Doppelfelix der kleinen, aber feinen Marke Habring2 aus Österreich. Er gewann beim Grand Prix d’Horlogerie de Genève 2018 – der wohl prestigeträchtigsten Preisverleihung in der Uhrenszene – den Preis „Petite Aiguille“.

Auch wenn in Zeitmessern im Haute Horlogerie-Bereich selten Werke ohne Schalträder anzutreffen sind, sollte man im Hinterkopf behalten, dass dies nicht deren Überlegenheit geschuldet ist. Werke wie das Valjoux 7750 (mit Nockenschaltwerk) haben sich nicht grundlos tausendfach bewährt und gelten als robust und zuverlässig. Dass andererseits Chronographen mit Schaltrad nicht exklusiven Zeitmessern vorbehalten sein müssen, zeigt etwa Longines mit ihrem „Column Wheel Chronograph“ – dieser ist sogar im Neuzustand für deutlich unter 2000 € zu haben.

 

Mein Fazit: Das Geheimnis des Schaltrads

Obwohl Nockenschaltwerke zu ihrer Zeit nur mit den besten Absichten konzipiert wurden, passt ihre Hintergrundgeschichte von Rationalisierung und Verbilligung so gar nicht zum heutigen Stellenwert der Uhr als kostbares Schmuckstück. Wir wissen jetzt was ein Schaltrad ist, wofür es verwendet wurde und weshalb man es schließlich verwarf, nur um später seine Wiedergeburt zu zelebrieren: Es hat nichts mit rationalen, wirtschaftlichen oder technischen Abwägungen zu tun. Es geht um etwas weitaus weniger Greifbares: Um Tradition, Geschichte, Ästhetik und die Wertschätzung all dieser Dinge. Sieht man von nostalgischen Aspekten jedoch ab, ist keines der beiden Konzepte per se unterlegen. Man kann also Entwarnung geben: Sowohl Schaltrad als auch Nockenschaltwerk haben ihre Daseinsberechtigung – aus völlig unterschiedlichen Gründen.

Omega Calibre 321
Omega Calibre 321

Wenn Omega dem Kaliber 321 nun zur Rückkehr verhilft, tut die Marke mehr als nur alte Produkte neu aufzuwärmen. Man zollt somit auch einer Ära Tribut, in der Uhrmacherei noch nicht Luxusnische, sondern Notwendigkeit war. In Zeiten von nüchterner, durchoptimierter und teilweise auch kurzlebiger Technik kann man den Schaltradchronographen auch als Anachronismus und Symbol der Entschleunigung verstehen.

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Über den Autor

Tim Breining

Etwa 2014, während meines Ingenieurstudiums, begann ich mich für Uhren zu interessieren. Mit der Zeit wurde aus der anfänglichen Neugier eine Leidenschaft. Da …

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