29.04.2024
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Patek Philippe – ein Meister der Komplikationen

Von Tim Breining
Patek-Philippe-World-Time-2-1

Patek Philippe – ein Meister der Komplikationen

Trotz der kommerziellen und medialen Dominanz sportlicher Modelle wie der Nautilus ist und bleibt Patek Philippe im Kern ein Meister der komplizierten Uhren. Nicht zuletzt unterstreicht Patek Philippe aktiv den Anspruch der Marke, weit mehr als nur ein Nutznießer des Booms der Edelstahl-Sportuhren zu sein, sondern weiterhin auf äußerlich klassische, edle Dresswatches zu setzen, die technisch absolut zeitgemäß und innovativ sind. Thierry Stern, der Präsident von Patek Philippe, hat mit der Einstellung der Nautilus-Referenz 5711 in Edelstahl der Wahrnehmung als „Monobrand“ eine klare Absage erteilt, und obgleich man mit der Beliebtheit dieser Uhr weiterhin vortreffliche Geschäfte macht, soll die Wahrnehmung der übrigen Kollektion an Begehrlichkeit gewinnen. Uns soll dies Anlass bieten, einen Blick auf jene Komplikationen zu werfen, die als typisch für Patek Philippe gelten können.

Der Jahreskalender und sein großer Bruder

Patek Philippe hat annähernd jede gängige Komplikation in irgendeiner Form in Zeitmessern untergebracht, manchmal auch bis zu zwanzig davon in nur einer Uhr. Doch neben diesen ultrakomplexen Unikaten ist es vor allem eine Komplikation, die mit Patek Philippe verbunden wird, wie keine andere: der Jahreskalender.

Im Hinblick auf seine mechanische Komplexität ist der Jahreskalender zwischen einfachen Datumskomplikationen und dem zu den sogenannten großen Komplikationen gezählten Ewigen Kalender einzuordnen. Analog verhält es sich mit seiner Funktion und dem Bedienkomfort. Gewöhnliche Datumskomplikationen „kennen“ die Anzahl der Tage eines Monats nicht, und bedürfen mindestens einmal am Monatsende einer manuellen Justage – auch dann, wenn sie stets aufgezogen sind und nie stehen bleiben. Der Ewige Kalender hingegen berücksichtigt nicht nur die unterschiedlichen Längen der Monate, sondern auch die Schaltjahre bis weit in die Zukunft.

Mechanismen für Ewige Kalender sind seit Jahrhunderten bekannt, doch in Armbanduhren hielten sie erst 1925 durch keine geringere Firma als Patek Philippe Einzug. Zustande kam dies, als Patek Philippe einem zuvor in einer Halskettenuhr für Damen eingeschalten Werk von 1898 ein zweites Leben einhauchte, indem sie es in eine Armbanduhr verfrachteten, die ein amerikanischer Sammler erwarb.

Ewige Kalender sind bis heute nicht aus den Kollektionen der Genfer Traditionsfirma wegzudenken, doch aufgrund ihrer Komplexität und Wahrnehmung als große Komplikationen in einer Reihe mit Tourbillons und Repetitionsschlagwerken sind sie selbst für Patek-Philippe-Verhältnisse kostspielig.

In der Referenz 5035 feierte der Jahreskalender Premiere.
In der Referenz 5035 feierte der Jahreskalender Premiere.

Ein Kompromiss in Bezug auf Aufwand sowie Preisgestaltung zwischen simplen Datumskomplikationen und dem Ewigen Kalender scheint naheliegend, doch dieser Kompromiss in Form des Jahreskalenders existiert seit nicht einmal 30 Jahren, als Patek Philippe ihn der Welt vorstellte.

Rational und modern wie seine clevere Konstruktion, die anders als der Ewige Kalender keine geometrisch komplizierten Nockenscheiben nutzt, ist auch seine Entstehungsgeschichte: Bereits in den 90er-Jahren setzte Patek Philippe auf die Zusammenarbeit mit akademischen Institutionen, und so entstand durch Zusammenarbeit mit einer Genfer Bildungseinrichtung der Mechanismus, den sich Patek Philippe 1994 patentieren ließ.

Bis heute ist der bewährte Mechanismus in unzähligen Zeitmessern von Patek Philippe zu finden. Darunter sind stilistisch klassische Modelle, Varianten der Nautilus, rare Vertreter aus der Advanced Research-Reihe oder Jahreskalender-Chronographen mit Flyback-Funktion.

Konkurrenten bieten seit geraumer Zeit ebenfalls Uhren mit Jahreskalender an, doch Patek Philippe bleibt Wegbereiter und am stärksten mit dieser Komplikation in Verbindung gebrachte Marke.

Patek Philippe Jahreskalender Referenz 5205G-013
Patek Philippe Jahreskalender Referenz 5205G-013

Minutenrepetitionen

Uhren mit Schlagwerken, und dabei insbesondere die Repetitionsuhren, die auf Nachfrage die Uhrzeit musikalisch verkünden, sind bei Patek Philippe seit Anbeginn nicht wegzudenken. Schon fünf Monate nach der Gründung lieferte man die erste Repetitionsuhr, eine Viertelstundenrepetition, die mit einem von zwei Gongs die vollen vergangenen Stunden, und mit dem zweiten Gong die vergangenen Viertelstunden schlägt. Mit einer gemessen an der Firmenhistorie kurzen Unterbrechung in den 1960er- und 70er-Jahren blieben die Repetitionen bis heute Teil der Kollektion, wobei der Schwerpunkt auf der Minutenrepetition liegt.

Sie ist die logische Steigerung der Viertelstundenrepetition, die nicht drei, sondern ebenfalls zwei Gongs nutzt. Die Stunden werden üblicherweise vom tiefen Gong markiert, die Viertelstunden werden durch ein rasches Anschlagen beider Gongs signalisiert und die Minuten durch den höher klingenden Gong.

Nur der Schieber auf 9 Uhr weist die unscheinbare Referenz 5178 als komplexe Repetition aus.
Nur der Schieber auf 9 Uhr weist die unscheinbare Referenz 5178 als komplexe Repetition aus.

Eigene Uhrwerke mit Minutenrepetitionen hielten erst 1989 Einzug bei Patek Philippe, zuvor bediente man sich bei renommierten Zulieferern.

Meilenstein in der Geschichte der Armband-Minutenrepetition war fraglos die Präsentation der Grandmaster Chime zum 175-jährigen Firmenjubiläum im Jahr 2014. Als komplexeste Armbanduhr, die Patek Philippe jemals fertigte, weist sie zwei Zifferblätter und 20 Komplikationen auf, darunter auch große und kleine Sonnerie (Schlagwerke, die wie eine Turmuhr „ungefragt“ Uhrzeiten schlagen) sowie selbstredend eine Minutenrepetition.

Eine edelsteinbesetzte Variante der Grandmaster Chime, Referenz 6300.
Eine edelsteinbesetzte Variante der Grandmaster Chime, Referenz 6300

Die Familie Stern betont gezielt die Kompetenz hinsichtlich der Repetition, auch weil diese hochkomplexen Mechanismen wesentlich aufwendiger zu fertigen und einzustellen sind als ein Tourbillon. Dies lässt sich auch daran nachvollziehen, dass Tourbillons mittlerweile für mittlere vierstellige, aus Fernost sogar zu dreistelligen Preisen zu beziehen sind. Bei Minutenrepetitionen wird man zu diesen Konditionen sicher nirgends fündig.

Zu guter Letzt kultiviert man durch die immer wieder berichtete Praxis, dass der Klang jeder Repetition vor Auslieferung der Uhr durch Thierry Stern persönlich geprüft wird, einen Nimbus der Exklusivität und des Perfektionismus rund um diese große Komplikation.

Die innovativste Minutenrepetition im Repertoire der Marke dürfte die Referenz 1938P-001 sein, deren Zifferblatt ein Porträt von Philippe Stern ziert, dem Ehrenpräsidenten von Patek Philippe. Sie besitzt auch einen Alarmmodus, der zu einer einstellbaren Uhrzeit erklingt, und dieselben Gongs wie die Repetition benutzt.

Weltzeituhren

Auch die Weltzeituhren, die nicht nur zwei oder drei, sondern alle Zeitzonen gleichzeitig anzeigen, blicken bei Patek Philippe auf eine lange Historie zurück. Dabei gelingt es den Genfern, die an sich kleine Komplikation von überschaubarer Komplexität durch spektakuläre und kunstvolle Zifferblätter mit Guillochen oder Emaille beeindruckend in Szene zu setzen.

Die Weltzeitkomplikation wurde nicht von Patek Philippe erfunden, prägt jedoch das mediale Bild der Marke durch ihre auffälligen Designs entscheidend mit. Die vielfältigen Modelle bieten einen deutlichen Kontrast zu der eher nüchternen Nautilus-Kollektion und den minimalistisch-eleganten Varianten der Calatrava.

Eine Linie prominenter Vertreter sind jene Modelle mit Motiven von Weltkarten in Cloisonné-Emaille, angefangen mit der Referenz 5131 von 2008 und dem Nachfolger 5231 von 2019. Die 5531 zeigt ein in derselben Emaille-Technik gestaltetes Motiv vom Genfersee und gibt sich durch den dezenten Schieber auf 9 Uhr zusätzlich als Minutenrepetition zu erkennen. Weltzeituhren mit Guillochierung werden zurzeit von den Referenzen 7130 und 5930 vertreten. Auch mit dieser Ästhetik bietet Patek hochkomplizierte Uhren an, bei denen die Weltzeitfunktion nur die zweite Geige spielt, wie die Flyback-Chronographen der Referenzen 5930 und 5935.

Patek Philippe 5231G-001 in der aktuellen Variante "Ozeanien und Südostasien".
Patek Philippe 5231G-001 in der aktuellen Variante „Ozeanien und Südostasien“

Der jüngste Zuwachs der Weltzeit-Familie wurde auf der Watches and Wonders 2024 vorgestellt. Ursprünglich ein limitiertes Release anlässlich der großen Patek Philippe-Ausstellung in Tokio 2023, hält sie nun Einzug in der Serienkollektion und wartet mit einer veritablen technischen Innovation auf. Ihr Werk fügt dem bewährten Kaliber 240 HU ein C in der Bezeichnung hinzu, wobei das 240 HU jenes Kaliber ist, das die „einfachen“ Weltzeituhren ohne weitere Komplikationen antreibt. Mit dem 240 HU C gesellt sich eine Datumsanzeige dazu, die mit der Weltzeitfunktion synchronisiert ist. Ganz gleich, ob man über einen Tageswechsel hinaus oder über diesen zurückschaltet, der schlanke Zeiger folgt den Einstellungen der lokalen Zeitzone auf zwölf Uhr. Möglich macht dies untere anderem ein cleveres Differenzialgetriebe, das sich nicht nur in 3D-Animationen auf der Homepage von Patek Philippe, sondern bereits in einer Patentschrift von 2014 finden lässt.

Differentialgetriebe für die Synchronisierung des Datums mit der Weltzeitschaltung, aus: Europäisches Patent EP2790069B1
Differentialgetriebe für die Synchronisierung des Datums mit der Weltzeitschaltung, aus: Europäisches Patent EP2790069B1

Mit den drei vorgestellten Komplikationen ist das Repertoire der Marke längst nicht ausgeschöpft, und man könnte gut und gerne die besten 10 oder vielleicht 20 Komplikationen der Historie von Patek Philippe vorstellen. Die drei gewählten Mechanismen sind jedoch ganz typische Vertreter der Traditionsmarke, und wer weiß, vielleicht widmen wir diesen übrigen komplexen Kreationen aus dem Hause Patek Philippe noch weitere Artikel.


Über den Autor

Tim Breining

Etwa 2014, während meines Ingenieurstudiums, begann ich mich für Uhren zu interessieren. Mit der Zeit wurde aus der anfänglichen Neugier eine Leidenschaft. Da …

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