04.06.2020
 7 Minuten

Sinn 203 St – Taucherchronograph mit Fliegeruhrenpotenzial

Von Sebastian Swart
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Sinn 203 St – Taucherchronograph mit Fliegeruhrenpotenzial

Die Frankfurter Spezialuhrenschmiede Sinn stellte ihren Taucherchronographen 203 St erstmalig im Jahr 1995 vor. Ausgestattet mit einer Tauchlünette und einer Wasserdichtigkeit von 300 m (30 bar) war das Modell die Unterwasseralternative zur Fliegeruhr Sinn 103, die bereits in den 1960er-Jahren das Licht der Welt erblickte. Obwohl optisch ansprechend, grundsolide und zuverlässig, konnte die Uhr nie ganz an die Popularität der 103 anknüpfen und wurde schließlich eingestellt.

Alles Wichtige über die Sinn 203 St

Der ehemalige Pilot und Fluglehrer Helmut Sinn gründete das Unternehmen „Helmut Sinn Spezialuhren“ im Jahr 1961 in Frankfurt am Main. Sinn stellte und stellt bis heute hochwertige instrumentelle Uhren für den Motor-, Tauch- und Flugsport her.

Sinn 203 St
Sinn 203 St

Besondere Berühmtheit erlangte Sinn mit den Fliegerchronographen der Reihen 101, 102 und 103, die unter Kennern und Sammlern bis heute einen hervorragenden Ruf genießen. Auch wenn einige der heutigen 103-Varianten zum Tauchen geeignet sind, zählen sie zu den Fliegeruhren. Einer der optischen Unterschiede zwischen der 203 St und 103 St sind die Obelisk-förmigen Zeiger der 203. Außerdem besteht die Lünetten-Einlage der 103 St aus schwarzem Aluminium, während die der 203 St aus Edelstahl gefertigt ist und über eine nachleuchtende Hauptmarkierung verfügt. Auch die Wasserdichtigkeit unterscheidet sich: Eine mit Edelstahlboden ausgestattete 203 St bringt es auf 300 m (30 bar) Wasserdichtigkeit, während die 103 St „nur“ 200 m (20 bar) standhält. Wählte der Käufer einer 203 St statt des Edelstahlbodens einen Boden aus Saphirglas, musste er sich ebenfalls mit 200 m zufriedengeben. Ein solches Exemplar aus dem Jahr 1999 befindet sich seit einigen Monaten in meinem Besitz und dient als Grundlage für diesen Artikel.

Im Februar 2020 entdeckte ich den Chronographen online. Der Sofort-Kaufen-Preis war kein Superschnäppchen – zumal ohne original Edelstahlarmband – aber insgesamt noch im angemessenen Bereich. Ein kurzer Kontakt mit dem Verkäufer ergab: Die 203 St stammt aus erster Hand, wurde nur sehr selten getragen, befindet sich in einem fast neuwertigen Zustand, original Rechnung und Servicebelege sind vorhanden. Die Uhr musste her, und so klickte ich den Sofort-Kaufen-Button.

Technische Merkmale der Sinn 203 St

Das Gehäuse

Das Gehäuse im sogenannten Compressor-Format besteht komplett aus poliertem Edelstahl. Sinn-typisch ist die Verarbeitungsqualität makellos und die Politur einwandfrei. Seit 1999 fertigt die Sächsische Uhrentechnologie GmbH Glashütte (SUG) alle Gehäuse für Sinn. Ob das meiner speziellen 203 St bereits von der SUG hergestellt wurde, konnte ich allerdings nicht herausfinden. Standardmäßig lieferte Sinn das Modell mit einem verschraubten Edelstahlboden, der die bereits erwähnte Wasserdichtigkeit von 300 m (30 bar) gewährleistet. Bei diesem Exemplar entschied sich der Erstbesitzer für einen Boden aus Saphirglas, der die tatsächlich mögliche Tauchtiefe auf 200 m (20 bar) reduziert.

Sinn 203 St
Sinn 203 St

Für den Durchschnittsträger dürfte dies im Alltag allerdings kaum ins Gewicht fallen. In jedem Fall gibt der Sichtboden den Blick auf das automatische Kaliber Valjoux 7750 frei. Die Drücker und die Krone sind verschraubt, was ein versehentliches Verstellen verhindert und zusätzlich vor Wassereinbruch schützt. Das Gehäuse ist gemäß DIN 8310 geprüft und erfüllt die Maßgaben dieser Norm zur Wasserdichtigkeit von Kleinuhren.

Maße, Gewicht und Tragekomfort

Sinn gibt den Gehäusedurchmesser der 203 St mit 41 mm an. Das Maß über die Lünette beträgt ziemlich genau 40 mm. Insgesamt sind das Dimensionen, die den Chronographen auch an schmaleren Handgelenken gut proportioniert erscheinen lassen. Dazu trägt auch der geringe Abstand von rund 47 mm von Horn zu Horn bei. Aufgrund der Gehäusekonstruktion, der stattlichen Bauhöhe von 16 mm und dem gewölbten Saphirglasboden, stehen die Hörner am Handgelenk recht weit vom Handgelenk ab. Das ist Geschmackssache, aber konstruktionsbedingt nicht zu vermeiden. Das Gewicht beträgt ohne Armband 90 Gramm, womit sie sicher kein Leichtgewicht ist, aber auch nicht zu schwer. Zum Vergleich: Eine Omega Speedmaster mit Plexiglas wiegt rund 65 Gramm.

Aufgrund der sehr kleinen Auflagefläche ist die 203 St nach meiner Auffassung zum Tragen an einem NATO-Armband oder anderen Durchzugsarmbändern eher ungeeignet. Am locker sitzendem Metallarmband ist die Uhr aufgrund ihres Gewichts und der Bauhöhe für meinen Geschmack zu kopflastig. Daher geht meine Empfehlung hin zu einem gut angepassten Lederarmband. Puristen mögen jetzt einwenden, dass ein Armband aus Leder nicht an eine Taucheruhr gehört, ich persönlich stehe einer solchen Kombination aber offen gegenüber. Wenn Sie mit der Uhr Tauchen oder Schwimmen möchten, eignet sich ein Kautschukarmband sehr gut. Die Bandanstoßbreite beträgt schlanke 20 mm, was eine sehr große Armbandauswahl erlaubt. Gelegentliches Wechseln von dem einen auf ein anderes Band macht übrigens auch Spaß.

Sinn 203 St mit Lederarmband
Sinn 203 St mit Lederarmband

Das Uhrwerk Valjoux 7750 – Der Dauerrenner

In der Uhr tickt das automatische Chronographen-Kaliber 7750 des Schweizer Rohwerkeherstellers ETA. Das Uhrwerk wird seit 1973 hergestellt, es gilt als robust, zuverlässig und relativ einfach zu warten. ETA fertigt das Werk in drei unterschiedlichen Qualitätsstufen: Elaboré, Top und Chronometré. Nach meinen Recherchen befindet sich in der vorliegenden Uhr die Stufe Top, was bedeutet, dass das Werk unter anderem in fünf Lagen reguliert wurde und eine Ganggenauigkeit von +/- 4 Sekunden aufweist. Ein Wert, den mein Exemplar nicht mehr ganz erfüllt, allerdings war die letzte Revision auch im Jahr 2004.

Das 7750 ist mit 25 roten Rubinen gelagert, die Unruhfrequenz beträgt 28.800 Halbschwingungen pro Stunde (A/h). Auf eine Verzierung einzelner Werkskomponenten hat Sinn in diesem Fall verzichtet. Der Grund hierfür liegt vermutlich darin, dass serienmäßig ein Stahlboden vorgesehen war, der den Blick auf das Werk für immer verschlossen hätte.

Sinn 203st

Welche Funktionen hat die Sinn 203 St?

Die Funktionen der Uhr richten sich natürlich zunächst einmal nach denen des Uhrwerks. Das Valjoux 7750 verfügt über drei Komplikationen: Chronograph, Datum und Wochentagsanzeige. Die Funktionen für die kleine Sekunde und den Chronographen sind bei 6, 9 und 12 Uhr untergebracht. Wochentag und Datum sitzen auf der 3-Uhr-Position. Die Anzeige für Stunden, Minuten und die Stoppsekunde erfolgt aus der Mitte heraus. Das Zifferblatt ist wie das einer typischen Fliegeruhr bzw. das einer alten Navigations-Borduhr gestaltet.

Auf dem matt-schwarzen Zifferblatt dominieren aufgedruckte arabische Ziffern und viereckige Indizes aus nachleuchtendem Material. Hierbei handelt es sich um Tritium, dass Sinn zu dieser Zeit noch verwendete und später durch Superluminova ersetzte. Das Tritium ist nach der langen Zeit allerdings nahezu ohne Funktion und leuchtet nur noch sehr schwach nach. Zu erkennen sind Tritium-Zifferblätter übrigens an den beiden „T“-Symbolen links und rechts neben dem „Swiss Made“ Aufdruck. Damals wurden Sinn Uhren noch in der Schweiz gefertigt und durften dieses Herkunftslabel tragen.

Sinn 203st

Wie lässt sich die Uhr bedienen?

Als Hersteller funktionaler Spezialuhren legt Sinn seit jeher besonders großen Wert auf eine perfekte Ablesbarkeit, eine einfache Bedienung und natürlich die Langlebigkeit seiner Zeitmesser. Als Nichttaucher kann ich natürlich wenig Auskunft darüber geben, wie sich die nunmehr 21 Jahre alte Uhr unter Wasser schlagen würde. Im Trockentest allerdings läuft alles einwandfrei. Drücker, Krone, Lünette und auch die Chronographenfunktion selbst geben keinen Anlass zur Klage. Alles schaltet und rastet sauber und fühlt sich hochwertig an. Ein kleiner Kritikpunkt sind die Drückerschrauben. Auch für mittelgroße Finger sind sie recht klein und fummelig. Außerdem lassen sie sich nach vorangegangener Arretierung recht schwer wieder lösen.

Weitere Varianten der Sinn 203

Eine weitere interessante Version der Sinn 203 St ist die Bell & Ross by Sinn. Die Uhr stammt aus der Mitte der 1990er-Jahre und ist absolut baugleich. Lediglich der Sinn Schriftzug wurde durch „Bell & Ross by Sinn“ ersetzt, außerdem wurden die Uhren mit unterschiedlichen Zeigersätzen ausgestattet. Zu dieser Kooperation kam es, da einer der Bell & Ross Firmengründer bei Sinn arbeitete. Um ein erstes Modell unter eigenem Namen vorstellen zu können, ließ er eine limitierte Stückzahl dieser Uhr von Helmut Sinn fertigen, der das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt noch leitete.

Sinn 203 Arktis I
Sinn 203 Arktis I

Sinn stellte im Jahr 1999 die 203 Arktis vor, die sich in einer Reihe von Eigenschaften von der 203 St unterscheidet. Das Zifferblatt der Arktis ist blau galvanisiert und damit besonders UV-beständig. Außerdem verfügt die Uhr über die von Sinn entwickelte AR-Trockenhaltetechnik, die das Eindringen von Feuchtigkeit zusätzlich verhindert und damit die Funktionssicherheit verbessert. Getestet wurde die Funktionssicherheit bei Temperaturen von -45 °C bis +80 °C. Nachfolger der 203 Arktis ist die im Jahr 2019 präsentierte 206 Arktis II, die optisch wie technisch mit der 203 Arktis nahezu identisch ist, jedoch im Durchmesser um 2 mm auf 43 mm angewachsen ist.

Neben den 203 St Varianten aus Edelstahl stellte Sinn die Uhr auch unter der Bezeichnung 203 Ti aus Titan her. Diese Uhren waren ebenfalls mit der AR-Trockenhaltetechnik ausgestattet. Ein Sondermodell ist der Titan-Chronograph „45 Jahre Sinn“, den das Unternehmen im Jahr 2006 zum Firmenjubiläum vorstellte. Die Uhr besitzt ein sogenanntes Reverse-Panda-Zifferblatt mit weißen Totalisatoren.

Verfügbarkeit und Preise

Da die 203-Reihe nicht mehr produziert wird, ist es schwierig ungetragene Exemplare zu finden. Gebraucht sieht die Lage aber gut aus. Rechnen Sie für eine 203 St mit Preisen zwischen 1.400 EUR bis knapp unter 2.000 EUR, je nach Zustand und Ausstattung. Bei einer 203 Arktis wird es ein wenig teurer, die Preise hierfür bewegen sich deutlich oberhalb der 2.000 Euro-Marke. Das gleiche gilt für die „45 Jahre Sinn“, die hin und wieder für knapp unter 3.000 EUR auf Chrono24 auftaucht. Eine 203 „Bell & Ross by Sinn“ liegt wie das St-Modell bei Preisen zwischen 1.400 EUR und 2.000 EUR.

Fazit

Die Sinn 203 St ist ein grundsolider Chronograph, der sich keine großen Schwächen leistet. In punkto Zuverlässigkeit und Robustheit liegt die Uhr mit teils weitaus teureren Uhren auch bekannterer Marken gleichauf. Das unverwüstliche Valjoux 7750 ist sicher kein Meilenstein der Exklusivität, verrichtet aber mit großer Präzision und Ausdauer seinen Dienst. Ob die Uhr in Sachen Bedienung und Ablesbarkeit tatsächlich zum Tauchen taugt, können nur die Taucher unter Ihnen beurteilen. Aufgrund der recht kleinen Krone, der verschraubten Drücker und des für eine Taucheruhr eher unaufgeräumten Zifferblatts kann ich mir aber gut vorstellen, dass sich hier andere Mitbewerber eher durchsetzen. In jedem Fall ist die Uhr schön anzuschauen und macht optisch an verschiedenen Armbändern auch am Schreibtisch eine gute Figur. Aufgrund der allgemeinen Bauhöhe und des gewölbten Saphirglasbodens der hier vorgestellten Version wirkt die Uhr am Lederarmband am harmonischsten.

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Sebastian Swart

Chrono24 nutze ich privat bereits seit vielen Jahren zum An- und Verkauf, aber auch zur Recherche. Von Uhren bin ich fasziniert, solange ich denken kann. Bereits …

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