05.12.2023
 5 Minuten

The Love We Share: Das Mädchen und das Meer

Von Sharmila Bertin
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Unser ganzes Leben, von der Geburt bis zum Tod, besteht aus Momenten, in denen wir etwas zum allerersten Mal machen, völliges Neuland betreten. Diese besonderen Momente bewahren wir in unserem Gedächtnis auf wie in einer Schatztruhe, und einige sind schöner und intensiver als andere. Sie sind voller Magie und von einem besonderen Gefühl durchdrungen – dem Gefühl, wenn ein neuer Tag beginnt, die Sonne aufgeht und einem klar wird, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor. Eines Abends schlief ich schwanger ein – und wachte als Mutter wieder auf. Meine erste Schwangerschaft, mein erstes Kind. Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen: Der Moment, in dem die Hebamme mir dieses kleine Wesen übergab, geboren aus meinem Körper, eingewickelt in eine rosa Decke, das mich aus großen Augen so neugierig und freundlich anschaute. Mein kleines Mädchen zum ersten Mal in den Armen zu halten, zum ersten Mal das Wort „Mama“ zu hören (das ich nunmehr seit 18 Jahren ständig höre), der erste Schritt, dann der zweite, der dritte, das erste Mal, als sie mit ihren kleinen pummeligen Fingern nach meiner Uhr grapschte…

Wie alles begann

Meine Uhr, meine allererste Uhr, und meine erste Lieblingsmarke: Omega. Alles begann im schweizerischen Biel oder, wie die Einheimischen es mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie nennen, dem „Nabel der Welt.“ Da ich im internationalen Vertrieb bei Omega tätig war, konnte ich an meinem Handgelenk eine ganze Reihe verschiedener Uhren zur Schau stellen: „Arbeitsuhren“ (die uns Vertriebsleuten zu Repräsentationszwecken geliehen wurden), Prototypen und auch neue Modelle, die wir den Kunden dann vorstellten. Eine davon liebte ich über alles und trug sie während der gesamten drei Jahre bei Omega: eine Speedmaster Broad Arrow.

Aber eines Tages schlenderte ich durch die Produktionshalle und ein Uhrmacher lud mich ein, ein Uhrwerk zu testen – das allererste Kaliber mit Co-Axial-Hemmung, wenn ich mich recht erinnere – verbaut in einer Seamaster Aqua Terra 150M. Ich hörte ihm gar nicht richtig zu, weil mich dieser kleine Gegenstand mit seinem klassischen Vintage-Look völlig in seinen Bann gezogen hatte. Bis zu jenem Tag hatte ich schon viele andere Seamaster-Modelle verkauft, wie die Diver 300M oder die neuere Planet Ocean, aber nie eine Aqua Terra. In dieser Halle kreuzten sich unsere Wege zum ersten Mal.

Liebe auf den ersten Blick: die Seamaster Aqua Terra 150M © Mickael Gautier
Liebe auf den ersten Blick: die Seamaster Aqua Terra 150M © Mickael Gautier

Statement am Handgelenk

Es war Liebe auf den ersten Blick. Mit ihrem Durchmesser von 42 mm, dem Armband mit den großen Stahlgliedern, dem schlichten versilberten Zifferblatt mit einem Hauch von Gold und der feinen, feststehenden Lünette, die ihre Größe nur noch mehr betonte, wirkte die Uhr an meinem knapp 14 cm langen Handgelenk wirklich riesig. Und doch war ich einfach nur glücklich. Ich fühlte mich gut und nichts konnte mich schrecken.

Meine Wahl blieb natürlich nicht unbemerkt, und außerhalb der Omega-Welt erntete ich einige sexistische Bemerkungen: „Sieht aus, als hättest du dir die Uhr deines Vaters geborgt!“ „Siehst du nicht, dass die viel zu groß für dich ist? Diese Bandanstöße gehen gar nicht …“ „Ich finde, du solltest was Kleineres, Weiblicheres tragen.“ Und so weiter …

Heute haben Frauen in der Welt der Uhren eine stärkere Stimme, sie werden gehört und respektiert (auch wenn wir noch einen langen Weg vor uns haben) – aber 2005 war daran nicht zu denken. Der Begriff „Damenuhr“ war damals gleichbedeutend mit Perlmuttzifferblättern, Diamantlünetten und Quarzwerken. Teilweise ist das auch heute noch so, aber in wesentlich geringerem Maße. Die Aqua Terra zu tragen, war viel mehr als nur ein Statement meiner feministischen Werte: Sie spiegelte meine Persönlichkeit wider.

Das Feuer weitergeben

Uhren waren von Anfang an ein Teil des Lebens meiner Tochter. Sie war sogar schon vor ihrer Geburt dabei, als „blinder Passagier“ in meinem Bauch – auf der Messe in Basel, bei Omega in Biel … Die meisten Babys lieben kreiselnde Mobiles und buntes Spielzeug, aber mein kleines Mädchen war fasziniert von meinen Uhren. Ich drückte sie ihr in die Hand, damit sie sie von vorn und von hinten betrachten und ihr Gewicht spüren konnte, und sie gab vor Freude kleine, hohe Gluckser von sich. Wenn sie darauf herumkauen wollte, nahm ich sie ihr sanft wieder weg.

Eine Uhr aus meiner Sammlung gefiel meinem Kind mehr als alle anderen: die Aqua Terra. Sie glitzerte und war leicht (nicht so leicht wie eine Babyrassel, aber leichter als eine Speedmaster). Ich trug sie eigentlich ständig – in der Woche, am Wochenende, im Urlaub. Auf unseren Familienfotos sieht man mich immer mit meiner Tochter im Arm und einer Omega am Handgelenk. Meistens ist es genau diese Seamaster Aqua Terra. Die Uhr ist Teil meiner Geschichte und der Geschichte meiner Tochter geworden. Während die eine im Laufe der Zeit gewachsen ist, ist die andere gealtert, ohne jedoch zu veralten.

Sie ist ein Teil ihrer Geschichte und der Geschichte ihrer Tochter. © Mickael Gautier
Sie ist ein Teil ihrer Geschichte und der Geschichte ihrer Tochter. © Mickael Gautier

Aqua und Terra. Wasser und Erde. Meer und Mutter. Ich habe immer gesagt, dass ich einmal mit meiner Aqua Terra am Handgelenk begraben werden möchte. Vielleicht ist es etwas egoistisch, aber wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, möchte ich sie dort bei mir haben, um mir Sicherheit zu geben. Und wissen Sie was? Als meine kleine Tochter 6 Jahre alt war, sagte sie zu mir, dass diese Uhr der Gegenstand sei, den sie am meisten mit mir verbindet. Sie sagte, dass sie mich immer damit sieht und hofft, diese Uhr auch einmal zu tragen, wenn ich nicht mehr Teil dieser Welt bin – das hat mich bewegt.

Back to the Roots

Ich kaufte meine „Arbeitsuhr“ zurück, bevor das Modell aus der Kollektion genommen und ersetzt wurde. Auch wenn die verschiedenen Nachfolger mit dem Teakholzmuster wunderschön waren, gefiel mir keine Uhr so gut wie mein eigene. Dann kam dieses Jahr die 38-mm-Serie und ich fühlte mich wieder mit meiner ersten und einzigen Aqua Terra verbunden. Diesmal schmückte jedoch kein Matrosen-Design das Zifferblatt, sondern mein geliebter Sonnenschliff, und zwar in Farben, die meinen Körper und meine Seele zum Klingen bringen: Graublau, Silber-Champagner, zartes Grün, Orangerot und – mein Favorit – dunkles Kupfer.

Zurückgekauft und wiedergefunden © Mickael Gautier
Zurückgekauft und wiedergefunden © Mickael Gautier

Der Safran-Ton dieser Uhr erinnert mich an den Sand am Strand meiner Kindheit und an den Mond, wenn er über dem Mittelmeer aufgeht. Ihre Größe ist perfekt, ihr Armband außerordentlich bequem, und ihr Zifferblatt zeigt – dank des Automatikkalibers 8800 – die für mich wesentlichen Zeitdaten an, nämlich Stunden, Minuten, Sekunden und das Datum.

Ein leises Lächeln. Ich berühre sanft meine Aqua Terra. Meine und ihre Zukunft ist gesichert.


Über den Autor

Sharmila Bertin

Als ich vor fast 20 Jahren in die Schweiz zog und im Omega-Hauptquartier zu arbeiten begann, wurde mir schon früh gesagt, dass man die Welt der Uhrmacherei, wenn man sie einmal betritt, nie wieder verlassen wird – und das hat sich für mich bewahrheitet.

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