07.12.2023
 4 Minuten

The Love we share: Eine Uhr und der Mensch dahinter

Von Tim Breining
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Mittlerweile beschäftige ich mich seit fast zehn Jahren mit Uhren, und durfte meine Leidenschaft zwischenzeitlich auch bei Chrono24 als Werkstudent in den letzten Semestern meines Studiums einbringen. Heute liegen Studium und die Stadt Karlsruhe, wo Chrono24 beheimatet ist, einige Jahre hinter mir. Die Faszination für das Hobby Uhren blieb dabei ungebrochen, und auch die Verbindung zu Chrono24 hat sich durch meine regelmäßige Unterstützung als freier Autor erhalten.

Bereits 2021 erhielt ich vom Team des Chrono24 Magazins die Gelegenheit, meine persönliche Reise hin zum Uhrenenthusiast zu erzählen. Nun gibt die Redaktion uns – das heißt den Autoren des Magazins – erneut die Gelegenheit, ganz persönliche Geschichten zu erzählen. Diesmal soll es aber nicht um uns, sondern um eine Uhr gehen, zu der man eine besondere Bindung hat, und natürlich um die Geschichte hinter dieser Beziehung.

Für mich war nach der Anfrage sofort klar, für welche Uhr ich mich entscheiden werde. Wer einige meiner Artikel kennt, der weiß, dass ich mich gerne auf technische Feinheiten stürze, und weniger Emotion und Historie rund um Zeitmesser betone. Das soll diesmal anders sein. Mit der Uhr, um die es heute gehen soll, verbinde ich das eindeutige Highlight meiner bisherigen „Laufbahn“ als Uhrenliebhaber. Bei diesem Highlight stehen zwischenmenschliche Begegnungen deutlich im Vordergrund, denn was nützt die schönste Uhr, wenn man die Leidenschaft dafür nicht teilen und die schöpferische Leistung, die in ihr steckt, nicht wertschätzen kann!

Die Uhr

Die Uhr, deren Geschichte ich erzählen möchte, nennt sich Große Sekunde und ist ein Modell der Marke Nienaber. Ersonnen vom gleichnamigen Uhrmacher Rainer Nienaber, der mittlerweile seinen Ruhestand genießt, was auch für die Marke gilt.

Tim präsentiert seine "Große Sekunde" der Marke Nienaber, die sich, wie ihr Gründer, im Ruhestand befindet.
Tim präsentiert seine Große Sekunde der Marke Nienaber, die sich, wie ihr Gründer, im Ruhestand befindet.

Die Große Sekunde ist eine Drei-Zeiger-Uhr mit, Sie ahnen es, auffällig großer, dezentraler Sekunde, wobei sich Hauptzifferblatt mit Minuten- und Stundenzeiger und Hilfszifferblatt für die Sekunde überschneiden. Ihr Durchmesser beträgt 39 mm, und im Inneren sorgt ein Handaufzugswerk Unitas 6325 aus Altbeständen mit einem modifizierten Zeigerwerk für den Antrieb. Herr Nienaber hat 20 Exemplare des Modells gebaut, von der ich eine mein Eigen nennen darf. Allein schon aufgrund des Erscheinungsbilds, des umgebauten Vintage-Werks und der geringen Auflage eine nicht alltägliche Uhr. Noch besonderer war aber die Erfahrung, als ich Sie in der Werkstatt von Herrn Nienaber abholen durfte. Und das trug sich folgendermaßen zu:

Wir schreiben das Jahr 2016. Anlässlich eines Studienabschlusses wollten mir meine Eltern eine mechanische Uhr schenken, da sich Uhren und deren Technik seit 2014 zunehmend zu einer Leidenschaft meinerseits entwickelt hatten. Doch welche sollte es sein?

Eine meiner frühesten „Amtshandlungen“ als frischgebackener Uhrenfan war der Besuch der jährlichen Uhrenmesse Munichtime (die heute als Watchtime Düsseldorf fortbesteht). Dort traf ich neben zahlreichen, allseits bekannten Marken auch jene von Herrn Nienaber an, wobei der Inhaber des Ein-Mann-Unternehmens höchstpersönlich am Stand vorzufinden war und seine Zeitmesser bestens gelaunt präsentierte.

39 mm Durchmesser und angetrieben durch das Handaufzugswerk Unitas 6325.
39 mm Durchmesser und angetrieben durch das Handaufzugswerk Unitas 6325

Begeistert von den individuellen Kreationen setzte sich die Marke in meinem Kopf fest, und so durfte ich mich 2016 auf den Weg in das Städtchen Bünde machen, um meine Große Sekunde abzuholen.

Der Mensch

Die Begeisterung wuchs bereits während einer Kaffeepause, bei der ich die Berufsgeschichte von Herrn Nienaber in Kurzform erfahren durfte. Nach einer Lehre zum Werkzeugmacher folgte die Uhrmacherlehre, ein eigener Betrieb, später die Aufnahme in die exklusive Riege der AHCI. Zunächst spezialisierte er sich auf Präzisionspendeluhren, dann auf Armbanduhren, die oftmals Gestaltungsmerkmale von Wanduhren und insbesondere Regulatoren aufgreifen.

Es folgte die Führung durch die Werkstatt, wo ich aus dem Staunen darüber, wie viel hier noch in eigener Arbeit entsteht, nicht herauskam. Und ich rede nicht nur von Perlagen und Genfer Streifen, sondern vom Fräsen und Drehen von Komponenten wie Gehäusen, Zifferblättern, Indizes und der Herstellung ganzer Komplikationsmodule. In der Großen Sekunde, die zu den erschwinglichsten Modellen zählte, stecken immerhin ein eigens konzipierter Umbau des Zeigerwerks sowie einzelne Komponenten und Zierschliffe, die von Herrn Nienaber persönlich ausgeführt wurden.

Selten besteht die Möglichkeit sich direkt mit dem Menschen hinter der Uhr auszutauschen.
Selten besteht die Möglichkeit, sich direkt mit dem Menschen hinter der Uhr auszutauschen.

Im Gespräch mit dem Schöpfer der Uhr erfuhr ich einige Details über Herausforderungen und Stolpersteine, die bei der Realisierung einer Uhr von der ersten Idee bis hin zur Montage aufkommen können. Dass zusätzlich zu all dem – ganz im Sinne eines Ein-Mann-Betriebs – Buchhaltung, Versand, Marketing und sämtlichen erdenklichen weiteren Tätigkeiten in Personalunion vom Inhaber gemeistert wurden, hat mich nachhaltig beeindruckt.

Als Tipp für angehende Uhren-Fans

Rückblickend wurden mir an diesem Tag die Augen hinsichtlich der Vielfalt unabhängiger kleiner Uhrenmarken und den inspirierenden und talentierten Persönlichkeiten, die hinter diesen stehen, geöffnet.

Bis heute denke ich regelmäßig an den Besuch in Bünde zurück, und trage die Große Sekunde öfter als so manche Uhr, die in den Folgejahren ihren Weg zu mir gefunden hat. Die Tatsache, dass die Marke nicht mehr fortbesteht, ist einerseits traurig, andererseits macht es die Uhr für mich umso besonderer, weshalb ich sie ganz sicher niemals hergeben werde.

Wenn ich angehenden Uhrenenthusiasten an dieser Stelle einen Rat geben könnte, dann wäre es folgender: Setzt euch detailliert mit Uhren und den dahinterstehenden Persönlichkeiten auseinander. Geht auf Events und Messen, besucht Uhrmacher. Dabei rede ich nicht von den Leitmessen der Branche oder exklusiven Happenings, die Influencern und Branchenvertretern vorbehalten sind. Besucht kleinere Messen und Veranstaltungen oder ganz einfach die Inhaber kleiner, oft unterschätzter Marken. Nichts hilft mehr dabei, eure Begeisterung für das Uhrenhobby auf ein neues Level zu heben als sich mit nahbaren Persönlichkeiten der Branche direkt auszutauschen und etwas über deren Uhren und die Leidenschaft ihrer Schöpfer zu erfahren.


Über den Autor

Tim Breining

Etwa 2014, während meines Ingenieurstudiums, begann ich mich für Uhren zu interessieren. Mit der Zeit wurde aus der anfänglichen Neugier eine Leidenschaft. Da …

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