20.04.2020
 5 Minuten

Uhren-Events 2020: Ein überarbeiteter Veranstaltungsplan

Von Tom Mulraney
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Uhren-Events 2020: Ein überarbeiteter Veranstaltungsplan

Vor ein paar Monaten beauftragte mich die ausgezeichnete Chrono24-Redaktion einen Artikel zu den (Stand damals) kommenden Uhren-Events 2020 zu schreiben. Damals kursierte in der chinesischen Provinz Hubei ein außerordentlich aggressives Virus, das sich jedoch hauptsächlich auf ein spezifisches Gebiet zu begrenzen schien. Wir spulen vor in die Gegenwart und finden eine dramatisch veränderte Situation vor. Das Virus, uns allen mittlerweile als „Coronavirus“ (oder genauer gesagt SARS-CoV-2) bekannt, verbreitet sich mit besorgniserregendem Tempo in der ganzen Welt. In vielen Ländern haben die Regierungen vollständige oder teilweise Ausgangssperren verhängt und Social-Distancing-Maßnahmen angeordnet, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Eine solche Situation haben wir seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr erlebt.

 Daher ist es vielleicht wenig überraschend, dass die jüngsten Entwicklungen um die weltgrößten Fachmessen für Uhren und ihre Aussteller nicht die höchste Priorität genossen haben. Schließlich gibt es derzeit deutlich dringendere Sorgen. Dennoch können wir gerade alle ein wenig Ablenkung gebrauchen, um zumindest für ein paar Minuten nicht mehr über die aktuellen Herausforderungen nachzudenken. Hoffentlich kann dieser Artikel dazu einen kleinen Beitrag leisten. Ich bin mir absolut bewusst, dass es gerade wichtigeres gibt als sich darum zu sorgen, wann die nächste Baselworld stattfinden könnte, aber ich bin weiterhin – genau wie Sie – ein Uhren-Enthusiast. Widmen wir uns also unserer Leidenschaft, um uns damit durch diese unglaublich schwierige Zeit zu helfen.

 In diesem Sinne schauen wir uns doch einmal an, was 2020 in der Welt der Uhren passieren wird.

Impressions of Dubai Watch Week 2020
Impressionen von der Dubai Watch Week 2020

Die kurze Antwort lautet: bisher nicht sehr viel. Das Jahr fing mit der LVMH Watch Week in Dubaigut an, gefolgt von der Inhorgenta Munich im Februar. Seitdem wurden alle großen Uhren-Events für das Jahr 2020 entweder abgesagt oder ins Jahr 2021 verschoben. Während ich diese Zeilen schreibe, hätte eigentlich die Baselworld 2020 stattfinden sollen. Doch nun wird die Messe frühestens am 28. Januar 2021 ihre Tore öffnen. Auf der Webseite des Genfer Uhrensalons Watches & Wonders findet man noch die Originaldaten für die diesjährige Show. Der Organisator der Messe, die Fondation de la Haute Horlogerie (FHH), verkündete die Absage der Veranstaltung jedoch bereits Ende Februar. Bisher gibt es noch kein neues Datum, aber da sowohl die Baselworld als auch die W&W Geneva ihre Veranstaltungspläne auf einander abgestimmt haben, scheint es wahrscheinlich, dass die Veranstaltung Anfang Januar 2021 stattfinden wird.

Impressionen von der Baselworld 2019

Die Watchers & Wonder Miami soll am 12. Februar 2021 stattfinden. Die Show in Miami wurde allerdings bereits vor Verschärfung der COVID-19-Situation verschoben, sodass die FHH sich wahrscheinlich auf die Veranstaltung in Genf konzentrieren wird.

 Ein Silberstreif – falls es solche in derartig schwierigen Zeiten überhaupt gibt – ist, dass der so veranschlagte Veranstaltungsplan deutlich attraktiver ist, sowohl für Uhrenkäufer als auch -verkäufer. Anstelle bis Mitte des Jahres auf die Neuveröffentlichungen warten zu müssen – was wahrscheinlich auch bedeutet hätte, dass sie nicht vor Ende des Jahres in den Verkauf gekommen wären – kommen die großen Markteinführungen direkt zu Beginn des Jahres. Das heißt aber auch, dass die meisten Marken sicher ein paar Dinge zurückhalten werden, um diese dann im Laufe des Jahres zu veröffentlichen.

 Die zusätzliche Zeit gibt beiden Messen die Gelegenheit, umfassend an ihrem Angebot zu feilen und den Aussteller einen Aufschub für die beträchtlichen Gebühren zu gewähren. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die großen Fachmessen für Uhren sich schon im Hintertreffen befanden bevor COVID-19 das Jahr 2020 aus der Bahn warf. Große Aussteller zogen sich zurück, die Besucherzahlen gingen zurück und es entstand mehr und mehr das Gefühl, hinter der Zeit zu sein und die Bedürfnisse des Marktes nicht mehr zu verstehen. All das ist nur die Spitze des Eisbergs. Und dennoch könnte die vielleicht größte Herausforderung für die Zukunft der Shows sein, die Messen nicht abzuhalten.

Schließlich haben Hersteller von Luxusuhren – wie alle anderen Marken auch – neue Wege gefunden, mit ihren Zielgruppen zu kommunizieren. Es ist nicht mehr nötig, große Menschenmengen an einem Ort zusammenzubringen, was derzeit sowieso nicht erwünscht oder gar verboten ist. Noch weiß keiner wie die Situation nach Ende der Krise sein wird, wie lange es dauern wird, bis wir eine Art Normalzustand wiederhergestellt haben oder wie dieser aussehen wird. Eines scheint jedoch sicher: Die Unternehmen, die überleben, werden dies nur mit Innovationen und Neuerungen erreichen. Natürlich wird das ein Prozess mit Erfolgen und Misserfolgen sein, bei dem nicht jedes Unternehmen denselben Ansatz verfolgen wird.

Rado Product Presentation on YouTube
Rado Produkt-Präsentation auf YouTube

Der schweizer Uhrenhersteller Rado stellt seine Neuerscheinungen 2020 zum Beispiel mit Hilfe des CEO Matthias Breschan auf seinem Youtube-Kanal vor. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels hatten diese nur ein paar hundert Aufrufe, aber die Zahlen werden wohl schnell steigen, wenn mehr Menschen diese Videos entdecken. Es ist ebenfalls denkbar, dass einige Marken personalisierte Videopräsentationen ihrer 2020er Produktlinien für ihre Verkaufspartner und die Presse erstellen oder online Live-Präsentationen über Plattformen wie Zoom oder sogar Instagram abhalten. Gleichzeitig ermöglichen Entwicklungen in Augmented Reality realistisch zu vermitteln, wie eine Uhr am Handgelenk aussehen wird, ohne dass man diese jemals in der Hand gehalten hat. Im Virtual Showroom auf Chrono 24 können Sie sich davon ein eigenes Bild machen.

Derartige Anstrengungen benötigen aber einen hohen Organisationsaufwand, wofür viele Leute zusammenarbeiten müssen. Das geht bis zu einem gewissen Grad auch online, jedoch stellen die Unternehmen nur geringe Mengen ihrer neuen Modelle als Ausstellungsstücke für Messen her. Wenn diese nicht vor Beginn der Abschottungsmaßnahmen fotografiert wurden, ist es unwahrscheinlich, dass Marketingteams jetzt das notwendige Material erstellen können. Stattdessen wird wohl hochauflösendes Rendern das Mittel der Wahl werden.

Virtual-Showroom-Visual
Mit unserem Virtual Showroom können Sie sich anschauen wie Ihre Wunschuhr an Ihrem Handgelenk aussieht.

Andere Marken scheinen davon überzeugt, dass persönliches Anprobieren der Uhr unersetzlich ist. Nach den Absagen/Verschiebungen von Baselword und W&W wurde eine Art neue Ausstellung unter Führung von Bvlgari angekündigt. Die Veranstaltung mit dem Namen Geneva Watch Days sollte zunächst im April stattfinden, wurde nun aber (optimistischerweise) auf die Zeit vom 26. bis 29. August verschoben. Für dieses „dezentralisierte und selbstorganisierte Multi-Brand-Uhren-Event“ haben sich bereits diverse angesehene Namen angekündigt. Dazu gehören Breitling, Ulysse Nardin, Girard-Perregaux, Geralt Genta, Urwerk, H. Moser & Cie, De Bethune, MB&F und natürlich Bvlgari. Laut Konzept würden diese Marken alle zur selben Zeit, aber nicht am selben Ort ihre Neuheiten präsentieren. Dafür werden Sie sich auf verschiedene Hotels und Boutiquen in Genf verteilen, um große Menschenansammlungen zu vermeiden.

 Zum Programm der vier Tage gehören Zusammenkünfte, Großhändler-, Medien- und Multi-Brand-Abendessen sowie ein GMT-Magazin-Abend und Ausstellungen. Das Organisationskommittee deutete auch an, dass erwartet wird, dass sich 15-20 weitere Marken anschließen. Es gibt bereits erste Gespräche, die Geneva Watch Days zu einer vollwertigen Fachmesse für Uhrmacher mit Unterstützung der Genfer Behörden zu machen. Natürlich ist es noch viel zu früh, um sagen zu können, wie erfolgreich diese Veranstaltung sein wird oder ob sie 2020 überhaupt stattfinden kann.

Es scheint als ob einige größere Namen entschieden hätten, dass es besser wäre 2020 gar keine neuen Uhren vorzustellen. Schließlich mussten autorisierte Einzelhändler auf der ganzen Welt ihr Geschäfte auf unbestimmte Zeit schließen. Noch unbestätigte, vor kurzem veröffentlichte Berichte aus der Schweiz gehen davon aus, dass Patek Philippe 2020 keine neuen Uhren vorstellen wird. Gerüchten zufolge wird Rolex es ihnen gleich tun, aber das sind derzeit nur Spekulationen. Genau wie wir versuchen die Menschen hinter den Marken, die wir kennen und lieben, das Beste aus der sich schnell entwickelnden Situation zu machen. Es gibt nicht die eine beste Lösung. Alle müssen die richtige Lösung für sich finden. Eines ist sicher: Am Ende dieser Krise wird die Luxusuhren-Landschaft ganz anders aussehen als jetzt.

Wenn Sie es bis hierhin geschafft haben, hoffe ich, dass ich Sie für ein paar wertvolle Minuten von der Realität ablenken konnte. Wenn Sie mehr wollen, schauen Sie mal auf die Chrono24-Facebook-Seite und diskutieren Sie dort mit.  Und bleiben Sie um der Uhren willen drinnen und sicher.  

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Dubai Watch Week 2019: Das Comeback des weltbesten Uhren-Events

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Über den Autor

Tom Mulraney

Ich wuchs in den 1980er- und 90er-Jahren in Australien auf. In der Stadt, in der ich lebte, gab es keine nennenswerte Uhren-Szene. Lediglich ein Händler hatte …

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