06.05.2020
 4 Minuten

Uhrenmarken aus der DDR

Von René Herold
DDR-Uhren-2-1

Uhrenmarken aus der DDR

Wenn Sie sich für Vintage-Uhren interessieren und den Markt regelmäßig beobachten, werden Ihnen auch immer wieder Uhren aus der DDR begegnen. Die Uhrenindustrie des ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaates war nämlich trotz aller Widrigkeiten sehr vital und produzierte eine erstaunliche Fülle unterschiedlichster Zeitmesser. Das Angebot reicht von Wand-, Tisch- und Taschenuhren bis hin zu teils recht ausgefallenen Armbanduhren. In diesem Artikel wollen wir uns den interessantesten Marken und Modellen widmen, die Geschichte der Uhrmacherei in der DDR etwas näher beleuchten und schauen, wer das Erbe der Uhren „Made in GDR“ angetreten hat.

Ein Blick in die Geschichte

Die traditionellen Uhrmacherzentren im Osten Deutschlands lagen nach 1945 am Boden. Besonders hart traf es dabei die Städte Glashütte und Ruhla – fast alle Maschinen und Anlagen, die den 2. Weltkrieg heil überstanden hatten, wurden von der Sowjetunion als Reparation beschlagnahmt und nach Moskau abtransportiert. Die ansässigen Traditionsunternehmen wie Lange & Söhne, UROFA oder Mühle & Sohnwurden zudem verstaatlicht und in Volkseigenen Betrieben neu organisiert. Trotz dieser schwierigen Umstände begann man in Glashütte bereits im Jahr 1946 wieder damit, Uhren zu produzieren. Im thüringischen Ruhla nahm man drei Jahre später wieder die Arbeit auf.

Im Jahr 1951 wurden die Betriebe in Glashütte auf Anordnung der Staats- und Parteiführung zum VEB Glashütter Uhrenbetriebe GUB vereinigt. In Ruhla entstand ein Jahr darauf nach dem gleichen Schema der VEB Uhren- und Maschinenfabrik UMF. Knapp 15 Jahre später formte man aus GUB, UMF und dem VEB Uhrenwerk Weimar das Großunternehmen VEB Uhrenkombinat Ruhla, das im Jahr 1978 in VEB Uhrenwerke Ruhla UWR umbenannt wurde.

Nach der Wende wurden die einzelnen Teile des Großbetriebes durch die Treuhand wieder privatisiert. Aus der GUB entstand dabei im Jahr 1990 die Glashütter Uhrenbetrieb GmbH, die seither Uhren unter der Marke Glashütte Original auf den Markt bringt.

In Ruhla verlief der Übergang in die Privatwirtschaft nicht so reibungslos. In der Zeit nach dem Mauerfall entstanden hier ca. 40 Unternehmen, die meisten jedoch in den Bereichen Maschinenbau, Automatisierungstechnik und Feinmechanik. Im Bereich Uhrmacherei entstand 1991 unter anderem die Gardé Uhren und Feinmechanik GmbH, die seit Ende der 1990er-Jahre Uhren der Pointtec-Marken Zeppelin, Iron Annie und Junkers montierte. Gardé musste im Jahr 2019 Insolvenz anmelden. Dafür erhält die Firma Thüringische Uhrenwerke Ruhla TUW seit 2016 das Uhrmacherhandwerk in der Stadt am Leben.

Die wichtigsten Modelle

Sowohl die GUB als auch die Uhrenwerke in Ruhla produzierten vornehmlich Uhren für den Export. Aus Glashütte kamen meist hochwertige und höherpreisige Modelle, die Uhren aus Ruhla waren eher für den Massenmarkt konzipiert. Ein Großteil der Ware ging dabei ins nichtsozialistische Ausland, der Rest in die Staaten des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe). Nur ein Bruchteil der produzierten Uhren kam in heimische Geschäfte. Besonders Uhren aus Glashütte waren in der DDR so gut wie nicht zu bekommen.

Dabei hatte die GUB einiges zu bieten. So stellte man 1960 mit dem GUB 67 ein Automatikkaliber vor, das in den Uhren der Reihe Automat seinen Dienst verrichtete. Die GUB produzierte auch eine Reihe von Chronometer-Werken, wie beispielsweise die Kaliber 60.3 oder 70.1. Diese Werke wurden in sogenannten Güteuhren verbaut. Zu erkennen waren diese Uhren an dem Q1-Siegel auf dem Zifferblatt. Auch Chronographen gehörten zum Programm der GUB. Das Flyback-Kaliber 64 beruhte beispielsweise auf dem UROFA-Kaliber 59 und wurde ständig weiterentwickelt.

Das vielleicht bekannteste Modell der GUB war die Spezimatic, die von 1965 bis 1979 in unzähligen Zifferblatt- und Gehäusevarianten produziert wurde. Insgesamt stellte die GUB in dieser Zeit ca. 3,7 Mio. Exemplare dieser Uhren her. Als Antrieb dienten die Automatikkaliber GUB 74 bzw. GUB 75. Die Spezichrontrat 1979 die Nachfolge der Spazimatic an. Sie war mit den Kalibern 11-26 oder 11-27 ausgestattet, konnte aber trotz der verbesserten Werke nie ganz an den Erfolg der Spezimatic anknüpfen.

Uhren aus Ruhla

In Ruhla setzte die UMF unterdessen voll auf Masse. Die Kaliberfamilie 24 war dabei der Dauerbrenner des Unternehmens: Das Handaufzugswerk wurde von 1961 bis zur Wende in seinen verschiedenen Ausführungen mehr als 115 Mio. Mal hergestellt und in unzähligen Uhren mit den verschiedensten Designs verbaut. Dazu zählt unter anderem auch die 1973 vorgestellte Ruhla Digital, bei der Zahlenscheiben die Zeiger ersetzten. Sie ging als erste Digitaluhr der DDR in die Geschichte ein.

In Ruhla entwickelten Ingenieure auch die erste elektromechanische Uhr der Deutschen Demokratischen Republik: die UMF Electric. Sie kam 1962 auf den Markt und nutzte als Antrieb Kaliber der Familien 25-XX und 26-XX. Auch von dieser Uhr gab es eine ganze Reihe von Varianten. Einige waren sogar mit einer Zifferblattbeleuchtung ausgestattet. Charakteristisch für die Uhren der Electric-Reihe waren der Blitz auf dem Zifferblatt und vor allem die Krone bei 4 Uhr.

Ab den späten 1970er-Jahren fertigte das Kombinat in Ruhla zu einem großen Teil Quarzuhren. Die Palette reichte von Uhren mit analoger Anzeige bis zu Modellen mit LCD-Display. Dabei setzte man sowohl auf zugekaufte Werke aus Japan als auch auf eigene Kaliber. Eines dieser Werke, das Kaliber 28-40, schrieb sogar Geschichte. Es war in der Ruhla Interkosmos verbaut, die Sigmund Jähn im August 1978 bei seinem Flug zur Raumstation Saljut 6 am Handgelenk trug. Sie ist damit die erste deutsche Uhr im Weltall.

Ostuhren im Westen

Wie bereits erwähnt, ging der Großteil der in Ostdeutschland produzierten Uhren in die Bundesrepublik. Insbesondere gehörten Versand- und Warenhäuser wie Quelle oder Woolworth zu den Abnehmern. Die Handelsketten verkauften die Uhren jedoch meist unter einem anderen Markennamen. Bei Quelle prangte beispielsweise meist das Logo der Eigenmarke Meister Anker auf dem Zifferblatt. Ruhla-Uhren waren zudem unter Namen wie Champion, Worldtime, Chronelex, Unilectric, Perdial oder Lafayette erhältlich.

DDR-Uhren und ihre Erben

Uhren aus der ehemaligen DDR finden Sie auf Chrono24 einige. Darunter sind auch immer wieder kurios anmutende Sonderauflagen, die Parteitagen oder Ereignissen wie dem Bau des Palastes der Republik gewidmet sind. Mit Preisen zwischen 50 EUR und 500 EUR sind sie ein günstiger Weg, eine Vintage-Uhren-Sammlung aufzubauen.

Doch auch wer neue Uhren bevorzugt, hat gute Chancen auf einen Zeitmesser mit DDR-Flair. So erinnern die Kollektionen Sixties und Seventies von Glashütte Original auffallend an die Spezimatic und die Spezichron. Die Taucheruhr Spezialist aus gleichem Hause ist hingegen ein Abbild der ersten Taucheruhr aus dem VEB Uhrenkombinat Ruhla. Die Firma TUW Ruhla bietet zudem eine modernisierte Neuauflage er Interkosmos an.

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Glashütte: Heimat der deutschen Luxusuhren

Markenporträt: anOrdain


Über den Autor

René Herold

Mein Name ist René Herold und durch eine Stellenausschreibung auf Chrono24 aufmerksam geworden. Ich muss ehrlich zugeben, dass Uhren vor meinem Engagement bei …

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