17.06.2020
 6 Minuten

Uhrwerkshersteller – eine Übersicht für Einsteiger

Von Tim Breining
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Uhrwerkshersteller – eine Übersicht für Einsteiger, Foto: Bert Buijsrogge

Während im höheren Preissegment der Trend zum Manufakturwerk weiter vorangetrieben wird, bleibt die große Mehrzahl erschwinglicher Uhren auf zugekaufte Werke aus der Produktion in Großserie angewiesen. Will man sich als Einsteiger im Hobby einen Überblick verschaffen, um potenzielle Neuanschaffungen besser bewerten zu können, sind die mittlerweile zahlreichen Anbieter sowie die oft markenspezifischen Werksbezeichnungen nicht gerade hilfreich. In diesem Artikel stellen wir deshalb die wichtigsten Akteure der Zulieferindustrie und deren bekannteste Werke kurz vor. 

 

ETA 

Auch wenn die Zeiten als Quasi-Monopolist vorbei sind, ist die Swatch-Tochter ETA weiterhin die maßgebliche Größe auf dem Markt für mechanische Uhrwerke aus der Schweiz. Ihre Anfänge lassen sich auf den Zusammenschluss zweier historischer Werkehersteller namens FHF (Fabrique d’Horlogerie de Fontainemelon) und AS (Adolph Schild) zur Ébauches SA im Jahr 1926 zurückverfolgen. Während der spätere Name ETA auf eine Abspaltung aus der Uhrenfirma ETA zurückgeht, vereinte die Ébauches SA unzählige Werkelieferanten mit dem Ziel, einen zerstörerischen Preiskampf zu unterbinden. Darin liegt auch der Grund für die stilistisch und namentlich sehr unterschiedlichen Werke, die ETA noch heute anbietet: Sie gehen auf die Entwicklungen ursprünglich unabhängiger Firmen zurück. Namen wie Peseux, Valjoux und Unitas zeugen immer noch davon. 

Das wohl bekannteste und am häufigsten anzutreffende ETA-Werk dürfte das 2824-2 sein. Es handelt sich um ein Dreizeiger-Automatikwerk mit Datum. Während die 28 die Werksfamilie bezeichnet, erläutern die restlichen beiden Ziffern die Funktionen beziehungsweise Komplikationen. So bietet das 2836-2 beispielsweise Tag und Datum, ein 2801-2 kommt gänzlich ohne Datumsanzeige aus. 

Weitverbreitet im etwas höherpreisigen Segment ist das ETA 2982, das man an seinem großen Rotorlager im Zentrum erkennt und flacher als das 2824-2 ist. Bei TAG-Heuer findet man eine Version des 2892 beispielsweise als „Calibre 7“, aber auch bei Mühle Glashütte oder Ulysse Nardin wird man fündig. 

Mit dem Valjoux 7750 bietet ETA das populärste mechanische Chronographenwerk an, während die Unitas-Reihe als Derivat von Taschenuhrenkalibern besonders in größeren Gehäusen eine gute Figur macht. Das kleine und flache Handaufzugswerk Peseux 7001 war besonders in kompakten Herrenuhren vergangener Jahrzehnte gefragt. Seit langem ist die Marke Louis Erard ein treuer Abnehmer dieses Werks, das in Kombination mit einem Modul die Regulator-Modelle der Marke antreibt. 

Maurice Lacroix Les Classique Chronographe mit Valjoux 7750 Kaliber 
Maurice Lacroix Les Classique Chronographe mit Valjoux 7750 Kaliber

 

Dem Trend zu größeren Durchmessern begegnete man mit der Einführung der ETA Valgranges-Reihe. Hinter wenig eingängigen Namen wie A07.111 verbergen sich von Valjoux-Werken abgeleitete Varianten mit größeren Werksdurchmessern. 

Für Marken der Unternehmensgruppe existieren seit einigen Jahren auch mit neuen Werkstoffen versehene, aufgebohrte Varianten des Klassikers 2824-2. Mit offiziellen Bezeichnungen wie etwa C07.111 werden sie unter dem Namen Powermatic 80 vermarktet. Sie bieten 80 Stunden Gangreserve und sind auch mit Siliziumkomponenten zu haben, etwa bei Tissot. 

Gut zu wissen ist außerdem, dass Werke typischerweise in verschiedenen Veredelungsstufen erhältlich sind. Traditionell waren dies Standard, Elaboré, Top und Chronomètre. Diese sind jeweils mit zunehmendem Aufwand in der Oberflächenbearbeitung und teils einer besseren Regulierung bzw. einem Chronometerzertifikat verbunden. Hier lohnt es sich, genau darauf zu achten, sofern vom Hersteller Angaben gemacht werden. 

 

Tissot Gentleman Powermatic 80 
Tissot Gentleman Powermatic 80

 

Nicht unerwähnt bleiben sollte auch das erst vor wenigen Jahren erschienene Automatikwerk Sistem 51, welches sein Debut in gleichnamigen Swatch-Uhren im Plastikgehäuse feierte. Das vollautomatisch montierte Werk, welches nicht nachträglich reguliert werden kann und unter anderem Hemmungskomponenten aus Plastik verwendet, fand bei Puristen zunächst wenig Anklang. Mittlerweile ist das 80 Stunden Gangreserve bietende Werk jedoch auch in Metallgehäusen erhältlich, und eine optisch und technisch aufgebohrte Variante namens „Swissmatic“ treibt Modelle dieses Namens an. 

 

Sellita 

Sellita existiert als Firma schon seit den 50er-Jahren, trat als eigenständiger und selbstvermarktender Schweizer Werkehersteller jedoch erst 2003 auf, als der Lieferstopp seitens ETA an Drittfirmen nur noch eine Frage der Zeit schien. Produziert werden fast ausschließlich Werke, deren Baumuster auf ETA-Werken basieren. Zugehörige Patente sind längst ausgelaufen. So entspricht der Bestseller Sellita SW 200 einem 2824-2, das SW 300 gleicht dem 2892 und hinter dem SW 500 verbirgt sich ein Klon des Valjoux 7750. Sogar die von ETA bekannten vier Qualitätsstufen bietet Sellita beim SW 200 an, um früheren ETA-Abnehmern perfekten Ersatz bieten zu können. 

 

Zu Besuch bei Sellita 2018 
Zu Besuch bei Sellita 2018

Hier und da sind kleine Modifikationen ersichtlich, aber in Sachen Funktion und Zuverlässigkeit gelten Sellita-Werke als ihren Vorlagen zumindest ebenbürtig. Da die Versorgungssituation mit Uhrwerken nicht immer gegeben ist, bieten einige Uhrenhersteller Modelle explizit mit ETA oder Sellita-Werken an, je nach aktueller Marktlage. 

Die zukünftige Entwicklung eigener Werke für die Großserie ist bereits angedacht, und eine erst 2019 erfolgte Expansion der Produktionsfläche legt nahe, dass Sellita auch über den Willen und die Mittel dafür verfügt. 

Wer mehr über Sellita erfahren will, findet auf dem Youtube-Kanal von Chrono24 unser Besuchsvideo von 2018 mit seltenen Aufnahmen aus der Produktion. In einem weiteren Artikel aus der Reihe „Gesichter der Uhrenindustrie“ haben wir außerdem den Werdegang von Sébastien Chaulmontet, einem leitenden Mitarbeiter der Firma, dokumentiert. 

 

Seiko 

Erzeugnisse von Seiko finden sich nicht nur in Uhren der eigenen Gruppe, sondern zählen zu den am häufigsten anzutreffenden Werken in erschwinglichen Automatikuhren zahlreicher internationaler Marken. 

Hinter dem Namen Seiko verbirgt sich eine ganze Firmengruppe, die zwar auf das im späten 19. Jahrhundert gegründete Uhrengeschäft der Familie Hattori zurückgeht, jedoch sehr diversifizierte und oft unabhängig verwaltete Geschäftszweige bedient. Namentlich kaum bekannt ist die Seiko-Tochter TMI – Time Module. Time Module vermarktet Seiko-Uhrwerke an Drittfirmen, und das meist unter Bezeichnungen, die eine Zuordnung erschweren. Der Bestseller von TMI dürfte wohl das NH35 sein, das bei Seiko-Modellen 4R35 heißt. Als Dreizeiger-Automatikwerk mit Datum, Sekundenstopp und Handaufzugsmöglichkeit stellt es ein kostengünstiges rundum-sorglos Paket dar, das sogar schon in Uhren mit zweistelligen Europreisen zu haben ist. 

 

Seiko Ref.SRP704 mit Kaliber 4R35 
Seiko Ref.SRP704 mit Kaliber 4R35

 

Wer einen bezahlbaren, aber technisch top ausgestatteten mechanischen Chronographen (vertikale Kupplung und Schaltrad!) sucht, kann nach einer Uhr mit dem recht seltenen TMI NE88 Ausschau halten, hinter dem sich ein Seiko-Chronographenwerk der 8Rxx-Reihe verbirgt. 

 

Citizen Miyota 

Auch hinter Citizen verbirgt sich eine der in Japan weitverbreiteten Firmengruppen. Während der Name Citizen mit Quarzuhren in gigantischen Stückzahlen und der populären Eco Drive-Reihe von Solaruhren in Verbindung gebracht wird, ist Miyota für die mechanische Fertigung in Großserie verantwortlich. 

Gerade für Microbrands und kostengünstige Modelle etablierter Marken stellt das seit vielen Jahrzehnten bewährte Dreizeiger-Automatikwerk Miyota 821A beziehungsweise 8215 eine solide Option dar. Da es aber über keinen Sekundenstopp verfügt, büßte es – spätestens seit Seiko mit dem NH35 am Markt ist – etwas an Beliebtheit unter Uhrenfans ein. Für gehobenere Ansprüche erschien daher 2009 das Miyota 9015 mit Sekundenstopp, edlerem Erscheinungsbild und ausreichend Power für Komplikationen, mit denen andere Varianten dieses Werkes ausgestattet sind. Preislich muss man jedoch etwas über die absolute Einstiegsklasse hinaus, um in den Genuss des 9015 zu kommen. 

 

Die „Honorable Mentions“ 

Nachfolgend noch eine Kurzvorstellung von Herstellern, die bei Einsteigeruhren zwar seltener anzutreffen sind, aber dennoch nicht unerwähnt bleiben sollten. 

 

Seagull 

Chinesische Werkehersteller waren unter westlichen Enthusiasten lange verpönt – bis die Firma Tianjin Sea Gull mit dem ST19, einem Nachbau des historischen Chronographenwerkes Venus 175, einen Kulthit landete. Sowohl Sea Gulls eigene Modelle als auch junge Marken wie Baltic Watch feiern mit diesem Retro-Uhrwerk Erfolge im Westen. 

 

963 Re-Issue Red Star Chronograph mit Kaliber ST1901 
963 Re-Issue Red Star Chronograph mit Kaliber ST1901

 

STP 

Hinter Swiss Technology Production verbirgt sich FOSSIL. In der Tat produziert die für Modeuhren mit Quarzwerken bekannte Firma auch mechanische Uhrwerke und verkauft diese an Dritte. So stattet beispielsweise die in Deutschland in den sozialen Medien stark präsente Marke Sternglas eines ihrer Modelle mit dem STP 1-11 aus, welches im Aufbau dem bekannten ETA 2824-2 entspricht. 

 

Ronda 

Ronda, bekannt für zuverlässige Schweizer Quarzwerke, ist nach der Ankündigung 2016 nun wieder mit einem mechanischen Werk am Markt präsent, welches auf einer kompletten Neukonstruktion basiert. Das Ronda Mecano R150 ist bisher noch selten in freier Wildbahn zu sichten, man darf aber gespannt sein, ob es sich einen Platz neben den etablierten Bestsellern von Schweizern und Japanern erobern kann. 

 

Ein paar allgemeine Tipps zur Werksidentifikation 

Manchmal ist es gar nicht so einfach zu ermitteln, was für ein Werk in einem Zeitmesser nun wirklich steckt. Mit verwirrenden Eigennamen, hinter denen sich oft zugekaufte Werke der üblichen Verdächtigen verbergen, suggerieren viele Marken Exklusivität. Manchmal nur um den Anschein einer Manufaktur zu erwecken, manchmal aber auch zurecht, denn nicht wenige Marken nehmen eigene Modifikationen an Werken vor, verbauen weitere Module oder veredeln das Werk anderweitig. In diesen Fällen ist ein höherer Preis sicher verständlich und gerechtfertigt. Als Käufer sollte man genau hinschauen und klären, was einem da genau angepriesen wird. 

Bei unklaren Fällen können Fotos des Werks oder Fotos durch den Glasboden, Foren oder Werksdatenbanken im Internet weiterhelfen. Nicht selten sind dort auch Alternativnamen oder Marken, die ein bestimmtes Werk in bestimmten Modellen verbauen, hinterlegt. Hat man nur ein Bild zur Verfügung, kann man auf besonders markante Details achten und Fotos der hier vorgestellten „Klassiker“ zum Vergleich heranziehen. 

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Was ist ein Inhouse-Werk?

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Über den Autor

Tim Breining

Etwa 2014, während meines Ingenieurstudiums, begann ich mich für Uhren zu interessieren. Mit der Zeit wurde aus der anfänglichen Neugier eine Leidenschaft. Da …

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