29.05.2020
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Verborgene Schätze: Vintage-Uhren aus den 1960er-Jahren

Von Tom Mulraney
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Verborgene Schätze: Vintage-Uhren aus den 1960er-Jahren

Die 1960er-Jahre waren eine spannende Ära für die mechanische Uhrmacherei. Viele bedeutende Ereignisse prägten die Zeit und hatten noch Jahre später enormen Einfluss auf die Branche. Ein Großteil des Jahrzehnts wurde damit zugebracht, die im vorhergehenden Jahrzehnt eingeführten Modelle zu etablieren und zu verbessern. Die 1950er-Jahre waren, speziell im Blick auf Tool-Watches wie beispielsweise Taucher- und Fliegeruhren, eine von großen Innovationen geprägte Zeit. In diesem Artikel können Sie mehr über die verborgenen Schätze dieser Zeit lesen. Der Fokus auf Verfeinerung ist der Grund dafür, dass viele sagen die 1960er-Jahre seien die goldene Ära des Uhrendesigns. Das soll nicht heißen, dass damals nicht auch diverse neue und bemerkenswerte Modelle auf den Markt kamen; das war definitiv der Fall und wir werden auch diese gleich betrachten.

Rolex leitete das Jahrzehnt ein, indem das Unternehmen einen speziell entworfenen Rolex-Oyster-Prototypen an den Bug von Professor Auguste Piccards Tiefseekapsel „Trieste“ befestigte. Zusammen mit diesem Prototypen tauchte die  Trieste in den Mariannengraben bis auf 10.916 m (35.800 Fuß) ab. Dieser erfolgreiche, rekordbrechende Test ebnete den Weg für die spätere Markteinführung der Rolex Sea-Dweller im Jahr 1967. Zwei Jahre später, 1969, begleitete eine Omega Speedmaster Neil Armstrong bei seinen historischen ersten Schritten auf dem Mond. Eine neue Uhren-Ikone war erschaffen, die unzählige neue Varianten hervorbrachte.

Rolex Sea-Dweller ref. 1665, 1967
Rolex Sea-Dweller Referenznummer 1665, 1967

Im selben Jahr kamen die ersten Armband-Chronographen mit Automatikaufzug auf den Markt. Dazu gehörten Modelle von Heuer (Monaco), Breitling (Chrono-Matic), Zenith (El Primero) und Seiko (6139). Dies war wohl eine der wichtigsten Entwicklungen in der modernen Uhrmachergeschichte. Unglaublicherweise folgte kurz darauf eine weitere bedeutende Entwicklung – eine, die letztlich die Branche für das nächste Jahrzehnt lahm legen sollte. In der letzten Woche des Jahres 1969, am 25. Dezember, enthüllte Seiko die Astron, die erste Quarzuhr der Welt. Dies war ein bedeutender Sieg für den japanischen Uhrenhersteller im Rennen um die Entwicklung der ersten Quarz-Armbanduhr. Dieser Wettbewerb mit einem Konsortium Schweizer Spitzenmarken hatte einen Großteil des Jahrzehnts eingenommen. Zu diesem Konsortium gehörten Giganten wie Patek Philippe, Piaget und Omega. Die Schweizer Version, die Beta 21, debütierte im folgenden Jahr auf der Basler Messe.

Wie Sie sehen können, war in den 1960er-Jahren einiges los. Wenn wir uns jedoch vom Rampenlicht, den großen Geschichten und Veröffentlichungen wegbewegen, gab es auch einige tolle Uhren, die in diesem Jahrzehnt auf den Markt kamen. Einige waren komplett neu, während andere neue Variationen bereits existierender Modelle waren. Interessanterweise gelten einige der letzteren heute als begehrenswerter – und wertvoller für Sammler – als die Originale, aus denen sie hervorgingen. Werfen wir einen Blick auf einige Beispiele.

Jaeger-LeCoultre Memovox Polaris 1968 Edition

Jaeger-LeCoutlre stellte in den frühen 1950er-Jahren die Memovox-Serie vor. Fragt man jedoch fachkundige Sammler nach der einen Uhr der Serie, die sie gerne besitzen würden, dann lautet deren Antwort sicherlich die 1968 Memovox Polaris. Die 1965 vorgestellte Polaris-Serie baut auf dem Erfolg der Memovox Deep Sea – der ersten Taucheruhr mit einem mechanischen Alarm – auf. Mit der Memovox Polaris wurde ein patentiertes Gehäuse eingeführt, das über einen Dreifachboden verfügte, um die Unterwasser-Schallübertragung zu optimieren. Die meisten Sammler scheinen sich einig darüber zu sein, dass JLC einige Jahre brauchte, um diese damals noch neue Technologie richtig umzusetzen. Darin begründet sich die heutige Obsession mit der 1968er-Ausgabe. Berichten zufolge wurden nur 1.714 dieser Uhren gefertigt, wodurch sie nur noch begehrter wurde. Im Jahre 2018, 50 Jahre nach der Markteinführung des Originals, verwendete Jaeger-LeCoultre die 1968er Ausgabe der Memovox Polaris als Inspiration für eine neue Polaris-Kollektion.

Jaeger-LeCoultre Memovox Polaris 1968 Re-Edition
Jaeger-LeCoultre Memovox Polaris 1968 Re-Edition

Glashütte Original Spezimatic

Ein weiteres, weniger bekanntes ikonisches Modell der 1960er-Jahre ist die Glashütte Original Spezimatic. Während der sowjetischen Besetzung Ostdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg wurden alle verbliebenen Uhrenunternehmen in Glashütte verstaatlicht und im staatseigenen VEB Glashütter Uhrenbetriebe fusioniert. Ohne Zugang zu Zulieferern in der BRD und der Schweiz waren die Mitglieder des VEB gezwungen, alle Teile selbst zu entwickeln und zu fertigen, auch relativ einfache Komponenten wie Steinlager und Unruhfedern. Da dies zeitaufwendiger war, blieb die Produktionsrate hinter der des Westens zurück. Die Spezimatic stellte daher einen umso wichtigeren Meilenstein dar, da sie das erste automatische Uhrwerk der Glashütter Uhrenbetriebe beinhaltete, das GUB 74. Mit einer Höhe von nur 4,4 mm ermöglichte es ein schlankes Gehäuseprofil und galt als robuster und verlässlicher Zeitmesser für den täglichen Gebrauch. Es gab auch eine Version mit Datumsanzeige, das GUB 75. Glashütte Original hat diese Modelle seither in ihrer Sixties-Kollektion wiederbelebt, die den damals beliebten Retro-Stil aufgreift.

Glashütte Original Sixties, ref. 39-52-01-01-04
Glashütte Original Sixties, Referenznummer 39-52-01-01-04

Grand Seiko „Diashock“

Ende der 1960er-Jahre stellte der japanische Uhrenhersteller Seiko die Welt der mechanischen Uhrmacherei mit der Vorstellung der ersten Quarz-Armbanduhr auf den Kopf. Das war allerdings nur die Krönung eines äußerst geschäftigen und erfolgreichen Jahrzehnts. Alles begann mit der Enthüllung der ersten Grand Seiko, die 1960 exklusiv auf dem japanischen Markt erschien. Das war ein mutiger Schritt von Seiko, da es sie in direkten Wettbewerb mit Schweizer Luxusuhren-Marken brachte. Qualität, Verarbeitung und Präzision: Die Uhr hatte alles was es brauchte, um auf ein neues Level aufzusteigen. Die zentrale Zeitanzeige mit drei Zeigern und die Stabindizes für die Stunden waren typisch für die damalige Zeit – eine Zeit, in der man eine Uhr wollte, die man zu jedem Anlass tragen konnte. Etwas oberhalb von 6 Uhr sind die Worte „Diashock, 24 Jewels“ eingraviert, die auf das firmeneigene Stoßdämpfungssystem hinweisen. 60 Jahre später ist Grand Seiko eine eigene Marke geworden, die von Uhrenliebhabern auf der ganzen Welt verehrt wird. Es überrascht daher nicht, dass das Unternehmen seither mehrere beliebte Neuauflagen des allerersten Grand-Seiko-Modells vorstellte.

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Favre-Leuba Bivouac

Ein weiteres Unternehmen, das in den 1950er- und 60er-Jahren sehr aktiv war, ist Favre-Leuba. Wie viele andere Schweizer Uhrenmarken damals, handelte es sich dabei um ein kleines Familienunternehmen. Man hatte sich dort einen guten Ruf für robuste und widerstandsfähige Tool-Watches erarbeitet. Im Jahre 1963 veröffentlichte Favre-Leuba die Bivouac, die weltweit erste mechanische Armbanduhr mit einem Aneroidbarometer zur Messung von Höhe und Luftdruck. Das ermöglichte professionellen Bergsteigern nicht nur, deren aktuelle Höhe, sondern außerdem rechtzeitig Indikatoren für sich verändernde Wetterbedingungen zu ermitteln – essentielle Informationen, wenn man an einer Bergwand ist und entscheiden muss, ob man weiterklettert oder nicht. Heute lebt dieses großartige Modell in der Favre-Leuba-Kollektion als die Bivouac 9000 weiter, die erste Uhr, die überall auf der Erde Höhenmessungen durchführen kann.

Favre-Leuba Bivouac Vintage, 1960s
Favre-Leuba Bivouac Vintage, 1960er Jahre

Das sind nur vier der weniger bekannten „verborgenen Schätze“ der 1960er-Jahre, ein Jahrzehnt, das von Etablierung und Innovation geprägt war. Zwar wurden viele berühmte Legenden in dieser Zeit geschaffen, wie der Heuer Carrera Chronograph und die Omega Seamster 300, dennoch erhalten aus irgendeinem Grund andere Vintage-Uhren aus den 1960ern nicht die Aufmerksamkeit und den Respekt, den sie verdienen. Das liegt möglicherweise daran, dass viele der kleinen Familienunternehmen, die diese erschufen, das darauf folgende Jahrzehnt als Opfer der Quarzkrise nicht überlebten. Außerdem waren viele der in dieser Zeit vorgestellten Uhren Weiterentwicklungen existierender Modelle oder Ideen. Ich bin der Meinung, dass sie dadurch nicht weniger interessant oder signifikant sind für die moderne Welt der Uhrmacherei. Wenn Sie bereit sind zu recherchieren und genau hinschauen, können Sie einige wirklich tolle verborgene Schätze finden, die Ihre Aufmerksamkeit verdienen – und manchmal für weniger Geld als Sie vielleicht dachten.

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Über den Autor

Tom Mulraney

Ich wuchs in den 1980er- und 90er-Jahren in Australien auf. In der Stadt, in der ich lebte, gab es keine nennenswerte Uhren-Szene. Lediglich ein Händler hatte …

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