23.11.2022
 6 Minuten

Warum ist Tudor bei jungen Leuten so beliebt?

Von Jorg Weppelink
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Fragen Sie nach den beliebtesten Uhrenmarken, dann bekommen Sie wahrscheinlich folgende Namen zu hören: Rolex, Omega, Audemars Piguet, Patek Philippe. Es kann aber auch gut sein, dass jemand Tudor ins Spiel bringt. Dieser Uhrenhersteller, der vor allem als Schwesterunternehmen von Rolex bekannt ist, hat sich im Preissegment zwischen 2.000 und 5.000 EUR – von vielen Uhrenliebhabern als „erschwingliche Luxusklasse“ bezeichnet – als führende Marke etabliert. Wie hat Tudor das geschafft? Wie konnte diese Marke, die als günstigere Alternative zu Rolex konzipiert war, zu einer eigenständigen Kraft werden und die Verbindung zur großen Schwester zu ihrem Vorteil nutzen, anstatt von ihr behindert zu werden? Wir gehen dem Erfolgsgeheimnis von Tudor auf den Grund. 

 

Wie die Marke Tudor ihren Anfang nahm 

Bevor wir uns mit Tudor in seiner heutigen Form beschäftigen, sollten wir zunächst einen Blick zurück auf die Anfänge der Marke werfen. Der Name „Tudor“ wurde bereits 1926 eingetragen, aber es dauerte noch einige Jahrzehnte, bis sich die Konturen der Marke, wie wir sie heute kennen, herausbildeten. Im Jahr 1952 brachte Tudor die Oyster Prince auf den Markt. Hans Wilsdorf, der Gründer von Tudor und Rolex, verwendete für dieses Modell das berühmte Rolex-Oyster-Gehäuse und den von Rolex entwickelten Perpetual-Rotor mit Selbstaufzugsmechanismus. Damit beabsichtigte er, den Wert der erschwinglichen Tudor-Uhren zu steigern und so das Vertrauen in die Marke zu stärken. Wie verlässlich die Oyster Prince tatsächlich war, stellte sie während ihres Einsatzes bei der britischen Grönland-Expedition 1952 unter Beweis, für die Wilsdorf 26 Exemplare der Uhr zur Verfügung stellte.  

1954 stellte Tudor die Oyster Prince Submariner vor und ging bald darauf eine Zusammenarbeit mit der französischen Marine ein. Diese Zusammenarbeit dauerte bis in die 1980er Jahre hinein und brachte viele bekannte Submariner-Modelle hervor, mit denen Tudor die Marine Nationale ausstattete. In dieser Zeit änderte Tudor auch das Design seiner Zifferblätter: Der berühmte Schneeflockenzeiger und die charakteristische große Krone hielten in die Taucheruhrenlinie Einzug. In den 1970er Jahren nahm Tudor seine ersten Chronographen ins Programm auf, die heute bei Fans der Vintage-Uhren von Tudor zu den Favoriten gehören. Dies ist ein sehr kompakter Überblick über die Geschichte der Marke. Wenn Sie gerne tiefer einsteigen möchten, empfehle ich Ihnen, sich ein paar Vintage-Modelle von Tudor anzusehen – es warten erstaunliche Uhren auf Sie. 

 

Tudor is known for its vintage-inspired timepieces.  
Tudor ist für Uhren mit Vintage-Charme bekannt.  

 

Historische Altlasten: als das Besondere noch fehlte 

Sie werden feststellen, dass viele Tudor-Uhren wie Rolex-Uhren aussehen. Bei den Gehäusen handelt es sich natürlich um Rolex-Gehäuse, und viele Designs schaute sich Tudor direkt bei den ikonischen Rolex-Modellen ab. Im Inneren der Gehäuse allerdings ticken die günstigeren Standard-Uhrwerke von ETA, wie man sie auch in vielen Uhren anderer Marken findet. Das hat Tudor nicht gerade einen guten Ruf eingebracht. Bei den meisten Uhrenfans konnte Tudor mit seinen Uhren in den 80er, 90er und frühen 2000er Jahren keinen Blumentopf gewinnen, vor allem weil sie als billigere Alternative zu Rolex galten und die Marke es nicht mit dem Charisma und der technischen Exzellenz von Rolex aufnehmen konnte. Anfang der 2000er Jahre hatte Tudor am Uhrenmarkt fast jegliche Bedeutung verloren.  

 

Die Einführung der „Black Bay“-Reihe 

Das änderte sich, als Tudor 2009 mit der Einführung der Tudor Grantour Chronograph und der Kollektion Tudor Glamour einen Neustart wagte. Ein Jahr später folgte die Heritage Chrono, die von der inzwischen legendären Tudor Montecarlo aus den 70er Jahren inspiriert war. Es handelte sich dabei um die erste Neuveröffentlichung von Tudor, die sich an einem historischen Modell aus eigenem Hause orientierte. Nach positiven Kritiken lancierte Tudor im Jahr 2012 die Heritage Black Bay. Diese Uhr ist von den Submariner-Taucheruhren von Tudor inspiriert und kombiniert ihren Vintage-Look mit einer modernen Ausführung. Und genau diese Kombination sollte sich in den folgenden zehn Jahren für Tudor als der Königsweg erweisen. 

Mit Uhren, die Bezug auf das reiche Erbe von Tudor und Rolex nehmen, verbucht Tudor heute große Erfolge. Rolex verfolgt bekanntlich die Strategie, seine Kultmodelle durch neue Materialien und Uhrwerke stetig zu verbessern und die Designs durch clevere kleine Eingriffe zu aktualisieren. Das verschafft Tudor wiederum Raum, aus seinem eigenen Archiv und dem von Rolex zu schöpfen. Vor allem Letzteres kommt bei älteren Uhrenfans nicht immer gut an. Hans Wilsdorf hatte Tudor als erschwingliche Alternative zu Rolex konzipiert, die einfach Designs von der großen Schwester übernahm und mit technisch unspektakulären Uhrwerken kombinierte. So wurde Tudor oft als eine passive Marke wahrgenommen, die außer günstigen und wenig raffinierten Rolex-Nachahmungen nichts Besonderes zu bieten hatte.  

 

Die aktuelle Kollektion 

Mit einer neuen Positionierung, einem neuen Ansatz bei der Uhrenkonzeption und einer neuen Zielgruppe ist es Tudor jedoch gelungen, die Herzen vieler Uhrenliebhaber zu erobern. Der Hersteller hat außerdem bewiesen, dass mehr in ihm steckt, als nur Uhren zu produzieren, die sich an historischen Vorbildern anlehnen. Im Jahr 2012 stellte Tudor die Pelagos vor, eine moderne Taucheruhr aus Titan, die viele Puristen als die eigenständigste aller Tudor-Uhren bezeichnen. Drei Jahre später folgte die North Flag – ein weiterer fabelhafter Zeitmesser mit einem eigenen, einzigartigen Design. Diese beiden Modelle stattete Tudor 2015 mit selbst entwickelten Uhrwerken aus. Die Umstellung auf Manufakturwerke ist ein weiterer kluger Schritt, welcher der Marke auch im Hinblick auf ihre uhrmacherrischen Fähigkeiten noch mehr Glaubwürdigkeit verleiht.  

 

Im Laufe der Zeit hat Tudor seine Kollektion um eine Vielzahl verschiedener Modelle erweitert. Wenn Sie den Vintage-Charme lieben, sollten Sie sich an die Black-Bay-Reihe mit Modellen wie der Black Bay Fifty-Eight, der Black Bay GMT, der Black Bay Chrono und der neuen Black Bay Pro halten. Sind Sie dagegen auf der Suche nach dem echten Tudor-Flair, dann empfehle ich Ihnen die Pelagos-Kollektion mit der Pelagos, der Pelagos FXD und der kürzlich vorgestellten Pelagos 39. Interessant sind auch die Kollektionen Heritage Chrono und Ranger. Wenn Sie es etwas eleganter mögen, sind die Tudor Royal sowie die klassisch gestalteten Kollektionen 1926 und Style das Richtige für Sie. Diese Mischung aus Stilen und Einflüssen macht Tudor zu einer vielseitigen Marke, die für jeden das Passende bereithält. 

 

The Tudor Black Bay Pro: the hit watch of 2022?  
Tudor Black Bay Pro – Der Uhrenhit des Jahres 2022?  

 

Was macht Tudor so attraktiv? 

Wichtiger als alles, was wir bis jetzt besprochen haben, ist jedoch, dass Tudor es geschafft hat, sein Markenimage grundlegend zu verändern. Während die Verbindung zu Rolex früher eher zu Passivität bei Tudor führte und sich zumeist negativ auf die Marke auswirkte, gelingt es Tudor heute, diese Verbindung zum eigenen Vorteil zu nutzen. Dies ist zum Teil auf den enormen Popularitätszuwachs von Rolex zurückzuführen, zum großen Teil aber auch darauf, dass Tudor eine sehr erfolgreiche Strategie verfolgt. Jüngere Uhrenliebhaber sind mit der Geschichte von Tudor nicht vertraut und lieben die Verbindung zu Rolex. Tudor bietet ihnen Uhren, die erschwinglicher sind als Rolex, aber dennoch einen Bezug zu dem Uhrengiganten aufweisen. Dank der niedrigeren Preise stellen diese Uhren außerdem eine großartige Möglichkeit dar, sich der Welt von Rolex zu nähern. Auch die Werbekampagnen und Markenbotschafter von Tudor sprechen ein jüngeres Zielpublikum an. So positioniert sich Tudor als eine interessante Marke für die junge Generation und hebt sich von dem oft sehr klassischen Image vieler anderer Luxusuhrenmarken ab.  

 

Aber auch viele ältere Uhrenliebhaber haben die Neuausrichtung der Marke mit Interesse verfolgt und sind begeistert von dem, was Tudor heute anbietet. Mit seinen vielfältigen Designs, den hauseigenen Uhrwerken und den günstigen Preisen hat Tudor es geschafft, auch Skeptiker zu überzeugen, welche die Marke früher lediglich als einen Ableger betrachteten, mit dem Rolex auch das untere Marktsegment bedienen konnte. Heute ist Tudor der führende Hersteller im Bereich der Luxusuhren bis 5.000 EUR.     

 

Ausblick 

Wohin geht die Reise für Tudor? Kann das Unternehmen seinen Erfolgskurs fortsetzen? Diese Frage lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Tudor hat mit der Einführung der Black Bay Pro, der Ranger und der Pelagos 39 ein tolles Jahr hinter sich. Darüber hinaus hat die Marke die Kollektionen Black Bay GMT, Black Bay Chrono und die reguläre Black-Bay-Kollektion um eine Reihe von Bicolor-Modellen in Edelstahl und Gold erweitert. Auch klassische Modelle wie die Montecarlo und die Submariner werden immer beliebter, sodass der Gebrauchtmarkt einen Preisanstieg für diese Modelle verzeichnet. So hat sich die Tudor Submariner zu einer begehrten und erschwinglichen Alternative zur Rolex Submariner entwickelt. Wenn Tudor weiterhin fantastische Zeitmesser auf den Markt bringt und dabei die Preise in einem erschwinglichen Rahmen hält, habe ich persönlich keine Zweifel, dass der Uhrenhersteller noch viele erfolgreiche Jahre vor sich hat. Nach einem unglaublichen Jahr 2022 bin ich schon ganz gespannt aufs nächste Jahr. Mal schauen, was Tudor für 2023 in petto hat! 


Über den Autor

Jorg Weppelink

Hallo, ich bin Jorg und schreibe seit 2016 Artikel für Chrono24. Meine Beziehung zu Chrono24 reicht jedoch deutlich weiter zurück, denn meine Liebe zu Uhren erwachte …

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