24.02.2020
 5 Minuten

Was ist der Graumarkt und wie funktioniert er?

Von Mathias Kunz
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Was ist der Graumarkt und wie funktioniert er?

20 bis 30 Prozent unter dem Listenpreis – viele Luxusuhren bekommen Sie auf dem Graumarkt deutlich günstiger. Selbst die berühmte Omega Speedmaster Professional Moonwatch kostet dort rund 13 Prozent weniger als der Hersteller offiziell verlangt. Seltene und gefragte Modelle können aber auch mehr als das Dreifache des offiziellen Verkaufspreises kosten. Woran das liegt, was der Graumarkt überhaupt ist und welche Uhren besonders begehrt sind, erklären wir Ihnen in diesem Artikel.

Weder weiß noch schwarz, sondern grau

Auf dem Graumarkt gehandelte Uhren umgehen die offiziellen Vertriebswege. Vor allem im Luxussegment wollen Marken einen möglichst großen Einfluss auf den Vertrieb ihrer Produkte ausüben. In der Uhrenindustrie beliefern Hersteller traditionell ihre Konzessionäre, also lizensierte Händler und Juweliere. Nur diese dürfen die Uhren offiziell in ihren Ladengeschäften oder Online Shops verkaufen.

Konzessionäre müssen oft große Mengen an Uhren von den Herstellern abnehmen und sind zudem dazu verpflichtet, auch weniger beliebte Uhrenmodelle in ihren Bestand aufzunehmen. Das hat regelmäßig zur Folge, dass lizensierte Händler auf ihren Lagerbeständen sitzen bleiben. Also verkaufen sie die überschüssigen Uhren an andere Händler, die keine Konzession besitzen. Diese bieten die ungetragenen Uhren schließlich auf ihren eigenen Vertriebskanälen mit deutlichen Rabatten an – zum Beispiel im eigenen Geschäft oder auf Online-Plattformen wie Chrono24.

Diese sogenannten Graumarkthändler beziehen ihre Waren aus mehreren Gründen häufig im Ausland: Zum einen sind bestimmte Modelle in manchen Ländern weniger nachgefragt als im eigenen Land. Zum anderen gelten in manchen Ländern niedrigere Mehrwertsteuersätze, sodass sich der Ankauf und Import lohnen kann.

Der Handel mit Gebrauchtuhren findet ebenfalls auf dem Graumarkt statt und ist kaum bis gar nicht reguliert. Seit einigen Jahren kaufen Marken wie Audemars Piguet deshalb gebrauchte Uhren an, um sie serviciert und als Certified Pre-owned mit Herstellergarantie an den Endverbraucher zu verkaufen. Dieses Geschäftsmodell lässt sich mit dem Gebrauchtwagenmarkt vergleichen, da auch hier Autohäuser der großen Marken gebrauchte Fahrzeuge ankaufen, aufbereiten und schließlich weiterverkaufen.

Im Unterschied zum Schwarzmarkthandel erwerben Sie jede auf dem Graumarkt gehandelte Uhr auf legalem Wege: Die Uhren sind echt und kommen oft mit original Papieren sowie Boxen. Bei Gebrauchtuhren kann es jedoch vorkommen, dass Einzelteile, Papiere oder Boxen im Laufe der Jahre ausgetauscht wurden oder nicht mehr vorhanden sind. Deshalb ist es im Vintage-Segment besonders wichtig, vor dem Kauf gründlich zu recherchieren und bei Unklarheiten Kontakt mit dem Händler aufzunehmen. Auf dem Schwarzmarkt gehandelte Uhren sind hingegen illegal, meistens gefälscht oder sogar Diebesgut. Hiervon sollten Sie lieber die Finger lassen.

Günstiger als beim Juwelier

Viele Uhren sind auf dem Graumarkt deutlich günstiger als beim Konzessionär. Bei weniger nachgefragten Modellen sind Rabatte von 20 bis 30 Prozent keine Seltenheit. Taucher- und Fliegeruhren des Schweizer Herstellers Glycine sind oft sogar zwischen 45 und 57 Prozent günstiger als im offiziellen Handel.

Sicherlich sind das Extrembeispiele, die den Graumarkt keinesfalls in Gänze repräsentieren. Anders sieht es bei Marken wie TAG Heuer aus: So kostet der Kultchronograph Carrera von TAG Heuer mit Calibre 16 (Valjoux 7750) offiziell 4.300 EUR. Der Graumarktpreis für diese Referenz CV2A1R.BA0799 liegt hingegen knapp 26 Prozent unter dem Listenpreis. Eine TAG Heuer Autavia mit Manufakturkaliber Heuer 02 bekommen Sie auf dem Graumarkt bereits für gut 3.500 EUR. Verglichen mit dem offiziellen Verkaufspreis sparen Sie ca. 1.200 EUR.

Seamaster 300M 210.30.42.20.01.001
Seamaster 300M 210.30.42.20.01.001

Nicht limitierte Standardmodelle von Omega sind ebenfalls oft günstiger. So können Sie die Taucheruhr Seamaster 300M Referenz 210.30.42.20.01.001 auf dem Graumarkt bereits für knapp 3.900 EUR erstehen. Beim lizensierten Händler sollten Sie etwa 900 EUR mehr einplanen. Selbst Rolex-Uhren, die vielerorts ausverkauft sind, kosten bei Graumarkthändlern manchmal etwas weniger. Eine Bicolor-Datejust 41 aus Edelstahl sowie Gold und mit Jubilé-Band kostet offiziell 12.250 EUR. Online finden Sie dieses Modell bereits für etwa 11.000 EUR. Allerdings sind in der Regel nur die Bicolor-, Gold- und Platinuhren von Rolex auf dem Graumarkt günstiger. Ganz anders sieht es bei den Edelstahluhren aus.

Teurer als beim „Konzi“

Die Sportmodelle von Rolex sind bereits seit Jahren so begehrt, dass ihre Graumarktpreise kontinuierlich ansteigen. Vor allem die Edelstahlvarianten der Daytona, GMT-Master II und Submariner stehen bei Uhrenliebhabern hoch im Kurs. Diese enorme Nachfrage hat dazu geführt, dass verwaiste Schaufenster bei Konzessionären zum Alltag gehören. Wer eine Rolex möchte, bekommt entweder ein weniger nachgefragtes Goldmodell angeboten oder darf sich auf mehrere Jahre Wartezeit einstellen. Wer nicht warten kann oder will, muss einen ordentlichen Aufpreis in Kauf nehmen. Die 2016 vorgestellte Edelstahl-Daytona mit Keramiklünette kostet offiziell 12.250 EUR. Auf dem Graumarkt stieg ihr Preis deutlich auf zuletzt fast 24.000 EUR. Das Schwesternmodell aus Weißgold ist nur etwa 6.000 EUR teurer.

Die Taucheruhrenikone Submariner kostet in der No-Date-Version offiziell 7.350 EUR. Anfang 2020 liegt der Graumarktpreis für ein neuwertiges Exemplar etwa 25 Prozent über dem Listenpreis. Bemerkenswert ist auch die Preisentwicklung der GMT-Master II mit blau-schwarzer Lünette, liebevoll Batman genannt. Die 2019 vorgestellte Variante mit Jubilé-Band kostet beim Konzessionär 9.000 EUR. Graumarkthändler verkaufen diese Referenz 126710BLNR mit einem Aufschlag von gut 65 Prozent.

Noch extremer ist die Preisentwicklung der Patek Philippe Nautilus aus Edelstahl. Wenn Sie sich für diese Luxussportuhr interessieren, müssen Sie mit einem verhörartigen Gespräch im Konzessionärs-Separee rechnen. Hier dürfen Sie dann Rede und Antwort stehen, warum Sie eine Patek Philippe Nautilus kaufen möchten. Mit etwas Glück und Wohlwollen des Interviewers gelangen Sie schließlich auf die Warteliste, um dann viele Jahre auf Ihre Nautilus zu warten. Der Listenpreis für die Drei-Zeiger-Referenz 5711 beträgt derzeit 27.550 EUR. Auf dem Graumarkt finden Sie oft Angebote jenseits von 60.000 EUR.

Was unternehmen Hersteller gegen den Graumarkt?

In der Luxusindustrie behalten Hersteller und Markeninhaber gern die Kontrolle. Preisschwankungen nach oben oder unten widersprechen diesem Kontrollbedürfnis, weshalb der Graumarkt generell ein Dorn im Auge der Produzenten ist. Allerdings ist er ein selbstverschuldetes Phänomen, das aufgrund der zahlreich verfügbaren Uhren entsteht. Einige Hersteller wie Rolex, Patek Philippe und Audemars Piguet haben in der Vergangenheit Strategien entwickelt, um gegen den Graumarkt vorzugehen und ihn auszutrocknen.

Die familiengeführte Manufaktur Audemars Piguet – unter anderem für die legendäre Royal Oak bekannt – hat in den letzten Jahren eigene Boutiquen eröffnet, um die klassischen Vertriebswege aufzubrechen. Auf diese Weise gelangen weniger ungetragene Uhren auf den Graumarkt. Zudem sollen einige Unternehmen schwarze Listen führen, auf die sie Kunden setzen, die ihre frisch erworbenen, seltenen Luxuszeitmesser sofort weiterverkaufen. Wer es einmal auf eine solche Blacklist geschafft hat, rutscht auf den Wartelisten ganz weit nach unten. Einige Konzessionäre warten sogar einige Monate, bis sie die Garantiekarte der Uhr herausgeben. Damit wollen Sie einem schnellen Weiterverkauf ebenfalls entgegenwirken.

Kann ich auf dem Graumarkt kaufen?

Die gute Nachricht ist: Ja, Sie können bedenkenlos zugreifen. Auf dem Graumarkt gehandelte Uhren sind Originale und legal. Bei Vintage- und Gebrauchtuhren sollten Sie sich jedoch vor dem Kauf umfassend informieren. Sind Gehäuse, Kaliber, Armband, Zifferblatt, Zeiger und Glas noch im Originalzustand? Bei alten Vintage-Uhren kommt es besonders häufig vor, dass Teile wie das Armband oder das Plexiglas bereits ausgetauscht wurden. Außerdem wechseln Manufakturen wie Rolex bei der Revision – die alle fünf bis sieben Jahre ansteht – beschädigte Teile aus oder polieren Kratzer aus dem Gehäuse hinaus. Für manch Uhrenfan ist das schon ein Verfälschen des Originalzustands.

Sie sollten auch wissen, dass einige Hersteller keine Garantieleistungen bei Graumarktuhren gewähren. Jede Marke kann genau nachvollziehen, aus welchem Land eine Uhr stammt und damit Rückschlüsse auf den Erwerb ziehen. Die Marken wissen also ziemlich sicher, ob Sie Ihre Uhren beim Konzessionär oder auf dem Graumarkt erworben haben. Eine kostenpflichtige Reparatur sollte aber in jedem Fall möglich sein.

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Mathias Kunz

Ich arbeite seit 2015 als Redakteur für Chrono24 und beschäftige mich tagtäglich mit Uhren. Am meisten fasziniert mich dabei die feine Mechanik, die zum einen für Tradition und zum anderen für …

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