17.03.2022
 5 Minuten

Zenith Defy Skyline – wie viel El Primero steckt in der Neuheit?

Von Tim Breining
Zenith-Defy-Skyline-2-1

Der Nachschub an Sportuhren aus Edelstahl mit integriertem Armband reißt nicht ab. Zenith wirft mit der Defy Skyline den nächsten Wettbewerber in den Ring. Was auf den ersten Blick wie die fünfzigste Royal-Oak-Hommage aussieht, entpuppt sich auf den zweiten Blick als historisch wie technisch eigenständige Uhr. Aber reicht das, um in einem Segment zu bestehen, das in jeglicher Preisklasse von Woche zu Woche an Modellen reicher wird? Oder wird die Zenith Defy Skyline irgendwo zwischen Tissot PRX und Audemars Piguet Royal Oak zerquetscht? Schauen wir uns Zeniths Neuheit etwas genauer an und klären, wie viel El Primero in der Skyline steckt und woher der Name Defy kommt. 

Was steckt hinter „Defy“ der Zenith Defy Skyline?

Grundsätzlich ist zwischen den Zenith Defys von damals und heute zu unterscheiden. Wer „Zenith Defy“ hört und sich in jüngerer Vergangenheit mit der Marke beschäftigt hat, denkt zuallererst an die 50 Hertz-Chronographen, die dank zwei separater Hemmungen eine zeitgemäße Gangreserve mit der Fähigkeit kombinieren, gemessene Intervalle auf die Hundertstelsekunde genau anzuzeigen. Das dort verbaute Uhrwerk El Primero 21 ist eigentlich gar kein El Primero – es basiert auf der Technologie des Tag Heuer Mikrograph, der schon länger vom Markt verschwunden ist, aber dessen Technologie innerhalb der LVMH-Gruppe nun wiederverwertet wird. 

Vielleicht denken Sie beim Stichwort Zenith „Defy“ auch an die 2017 vorgestellte Defy Lab, in der Zenith ein neuartiges Schwingsystem vorstellte. Ohne Unruh oder Spiralfeder, dafür aber mit einem monolithischen Oszillator aus Silizium mit beeindruckenden Gangwerten. 2019 folgte das Serienmodell unter der Bezeichnung Zenith Defy Inventor. Dass beide Uhren mit dem El Primero zwar den Namen, nicht jedoch das eigentliche Uhrwerk teilen, versteht sich von selbst. 

Die Zenith Defy Classic: keine Royal-Oak-Hommage, sondern eine eigenständige Uhr
Die Zenith Defy Classic: keine Royal-Oak-Hommage, sondern eine eigenständige Uhr

Die Pionierleistung der Ur-Defy

Alle Defy-Modelle der jüngeren Vergangenheit haben mit der Defy Skyline praktisch nichts zu tun. Um dem Erbe der Skyline auf die Schliche zu kommen, müssen wir etwas weiter zurückblicken als 2017 – und zwar fast ein halbes Jahrhundert früher, ins Jahr 1969. In diesem Jahr stellte Zenith eine Uhr vor, die aus heutiger Sicht ihrer Zeit so sehr voraus war, dass sie sogar als erste Uhr ihrer Art am Stuhlbein des Mythos der Audemars Piguet Royal Oak sägt.   

Richtig gehört: Zeniths Ur-Defy A3642 erschien gleich mehrere Jahre vor der Audemars Piguet Royal Oak und nahm einige Designmerkmale der Uhrengattung, die man primär mit Royal Oak und Patek Philippe Nautilus verbindet, vorweg. Vom markanten, polygonalen Gehäuse über das Stahlarmband und den sportlichen Auftritt ist alles vorhanden. Nur ein vielleicht entscheidendes Kriterium des ungeschriebenen Anforderungskatalogs der Edelstahl-Sportuhren wurde von der Defy nicht ganz erfüllt: Das Armband ist nicht „integriert“, weist also keine Taillierung und keinen nahtlosen Übergang in das Gehäuse auf. Ungewöhnlich war es dennoch, da es sich um ein sogenanntes Leiterarmband handelt, dessen Name sich beim Hinsehen selbst erklärt: Es sieht aus wie ein Leiter mit Sprossen, inklusive der Aussparungen. Beigesteuert wurde das markante Armband vom renommierten Genfer Hersteller Gay Frères, dessen Kollektion so manches kreative Design vorweisen konnte. Wohl auch, weil der Hersteller noch vor der Jahrtausendwende von Rolex einverleibt wurde, um die vertikale Integration der Fertigung voranzutreiben, erzielen Vintage-Bänder von Gay Frères beachtliche Preise. Davon kann man sich hier auf Chrono24 überzeugen. 

Was die inneren Werte der A3642 von 1969 anbelangt, haben wir es mit einem Zenith 2552PC zu tun, einem Automatikwerk mit einer moderaten Frequenz von 3 Hertz. Eine detailverliebte Neuauflage in Form der Defy A3642 Revival ging der Ankündigung der Defy Skyline voraus. Abgesehen von den gestalterischen Unterschieden setzt die Revival auf ein Zenith Elite 670, ein schlankes Automatikwerk aus den 1990er-Jahren. Nicht so bei der Skyline, der wir noch auf den Zahn fühlen wollen. Doch zunächst ein paar Worte zur Historie und der Signifikanz des El Primero bei Zenith.    

Die Zenith A3642: innovatives Design, das auch ohne Edelstahlarmband zu überzeugen weiß
Die Zenith A3642: innovatives Design, das auch ohne Edelstahlarmband zu überzeugen weiß

Zenith und das El Primero – eine kurze Auffrischung

Zeniths ganze Markenidentität dreht sich um das El Primero, ein Werk, das wie kaum ein anderes mit dem Niedergang und der Renaissance mechanischer Uhren verbunden ist. Weil der vorausschauende Mitarbeiter Charles Vermot die Produktionsmittel vor der Verschrottung durch den damaligen Zenith-Eigner bewahrte, treibt die grundlegende Architektur des Hochfrequenzchronographen bis heute einen Großteil der Modellpalette der Marke an. Aus dem Wettbewerberkreis des „Rennens“ um den ersten Automatikchronographen sind die Werke der Konkurrenten lange vom Markt verschwunden. Einzig das El Primero konnte durch die Quarzkrise und über die folgenden Jahre hindurch bestehen, auch weil es externe Abnehmer fand, etwa bei Ebel, Daniel Roth, und nicht zuletzt bei Rolex. 

Eine modifizierte Version des El Primero (die unter anderem eine geringere Taktfrequenz aufweist) löste in der Rolex-Daytona-Kollektion Werke von Valjoux ab. Die Daytona beherbergt heute längst ein Manufakturwerk von Rolex, während Zenith zahlreiche evolutionäre Entwicklungsstufen des El Primero in den eigenen Modellen verbaut.  

Wie viel El Primero steckt in der Defy Skyline?

Wie viel von diesem reichen Erbe findet sich in der Skyline wieder? Kurz gesagt: Alles im Inneren der Defy Skyline ist El Primero. Doch im Chronographenwerk El Primero 3600 finden sich weitaus mehr Komponenten, als wir im 3620 genannten Kaliber der Zenith Defy Skyline vorfinden. Denn anders als die Namensgebung suggeriert, ist das 3620 keine erweiterte Variante des 3600, sondern eine zum Dreizeigerwerk degradierte Form der aktuellen Iteration des El Primero-Chronographen. Hierfür wurden sämtliche Komponenten entfernt, die normalerweise für die Zeitmessung verantwortlich sind. Konkret heißt das: kein Schaltrad, keine Kupplung, keine Schneckenscheiben und Zähler, und natürlich keine entsprechenden Totalisatoren auf dem Zifferblatt.  

Ein Klassiker: das El Primero Werk verbaut im gleichnamigen Chronographen von 1969
Ein Klassiker: das El Primero Werk verbaut im gleichnamigen Chronographen von 1969

Wir haben es also nicht mit einem von Grund auf neu entwickelten 5-Hertz-Werk zu tun, sondern mit einem Derivat des „echten“ El Primero, das seine hohe Frequenz mit der ungewöhnlichen und gleichzeitig wenig sinnhaften Komplikation des Zehnsekunden-Totalisators zur Schau stellt. Mancher findet dieses Gimmick charmant, während Mechanik-Fans und Puristen den Kopf schütteln. Dazu haben sie durchaus Gründe, denn ein Werk, das ursprünglich für einen Chronographen gefertigt wurde, kann seine Stärken als Drei-Zeiger-Werk nicht optimal ausspielen. So bietet das 3620 der Zenith Defy Skyline – genau wie das 3600 in den Zenith-Chronographen – 60 Stunden Gangreserve. Man könnte erwarten, dass die hohen Drehmomente, die ein Chronograph vom Werk verlangt, um auch bei dessen Zuschaltung eine stabile Amplitude zu gewährleisten, in einer Drei-Zeiger-Version entsprechend anderweitig verwertet werden. Dies würde jedoch eine umfangreichere Anpassung der Konstruktion bedingen, und so entschied sich Zenith mutmaßlich, bei der bisherigen Auslegung zu bleiben.  

Klar ist, dass die Zenith Defy Skyline das Lager der Enthusiasten teilen wird. Diejenigen, die Uhrmacherei nicht mit der sprichwörtlichen Lupe betrachten und sich an skurrilen Gimmicks wie dem Zehn Sekunden-Totalisator erfreuen können, werden mit dieser Uhr glücklich werden. Die Detailversessenen wiederum, die auf die Sinnhaftigkeit von Konstruktion des Uhrwerks und der Funktionen besonderen Wert legen, werden ihre Nasen rümpfen und auf bewährte Chronographen aus dem Hause Zenith setzen. 


Über den Autor

Tim Breining

Etwa 2014, während meines Ingenieurstudiums, begann ich mich für Uhren zu interessieren. Mit der Zeit wurde aus der anfänglichen Neugier eine Leidenschaft. Da …

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