28.12.2023
 7 Minuten

Der Wechsel der Jahreszeiten: 2023 in Uhren

Von Sharmila Bertin
2023: Eine Uhr zu jeder Jahreszeit
2023: Eine Uhr zu jeder Jahreszeit

In unserer Beziehung zu bestimmten Uhren, wie auch in unserem täglichen Leben, gibt es ebenso viele Visionen vom Leben wie von der Zeit. Das zu schreiben ist seltsam und liest sich wahrscheinlich auch seltsam. Obwohl unser Biorhythmus streng nach Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen, Wochen, Monaten und Jahren getaktet ist, sind wir keine Maschinen, sondern Individuen voller Emotionen, Bedürfnisse und Träume, die sich sowohl individuell als auch kollektiv entwickeln. Einige von uns leben nach einem sehr strikten Zeitplan, während andere – wie ich selbst auch – einen eher… wie soll ich sagen… lockereren Lebensstil pflegen?

Ich für meinen Teil folge nicht dem von der Gesellschaft vorgegebenen Zeitplan, sondern meinen eigenen Zielen. Ich plane alle meine Aufgaben und ich hebe alle Grenzen zwischen meiner Arbeit und meinem Privatleben auf, zwischen Morgen, Mittag und Abend, zwischen trüben Regentagen und Tagen in strahlendem Sonnenschein, sodass meine Wünsche und Pflichten ein stimmiges Ganzes bilden – das heißt stimmig für mich, jedoch nicht notwendigerweise für andere. Das bedeutet: Ich lasse mich von Impulsen leiten und nicht von den sogenannten „Standards“. Ich folge Farben, Jahreszeiten und kreativen Sehnsüchte. Mein bescheidenes Leben ist geprägt von Synästhesie – einer Störung der Sinneswahrnehmung, die auf der Verbindung von Eindrücken aus verschiedenen Bereichen beruht. Jeder Moment meines Tages entspricht einer Stimmung, die wiederum ihren Widerhall in einer Farbe findet. Monate spielen für mich keine Rolle, denn ich orientiere mich an den Jahreszeiten und der Natur um mich herum.

Oyster Perpetual 31 © Rolex
Oyster Perpetual 31 ©Rolex

Als ich gebeten wurde, eine Bilanz dieses Uhrenjahres zu ziehen und die Uhren auszuwählen, die das Jahr 2023 maßgeblich geprägt haben, konnte ich meine Auswahl nicht einfach schematisch-chronologisch nach dem Datum ihrer Markteinführung sortieren. Ich wollte auch meine Persönlichkeit einbringen, meine eigene Sicht der Zeit finden und dieser treu bleiben. Außerdem sehe ich innerhalb eines Jahres so viele Uhren (vor allem auf Messen), dass mein Gehirn sie zugegebenermaßen nicht alle nach festen Kriterien katalogisieren kann, sondern sie einfach nach einer eigenen Hierarchie einordnet. Und da sind wir wieder bei der Synästhesie, der „internen“ Zusammenstellung eines saisonalen Farbdiagramms. Und ich muss zugeben, dass dieses neue System, durch welches die Uhrenmarken viel regelmäßiger neue Meisterwerke präsentieren können, ohne ausschließlich auf die großen jährlich oder sogar zweijährlich stattfindenden Veranstaltungen (LVMH Watch Week, Watches and Wonders, Dubai Watch Week usw.) angewiesen zu sein, den Job als Uhrenjournalistin um einiges spannender macht. Wenn ich eine Uhr entdecke, stelle ich mir unweigerlich sofort vor, wie sie an meinem Handgelenk aussieht. Was mich zu einem potenziellen Kauf verlockt, verdient eine Erwähnung in diesem Artikel.

Farbe ist stärker als ein Vitamin-Cocktail

Die Uhren-Saison beginnt heute nicht mehr im Frühling, wie es einst die recht spät im Jahr stattfindende Baselworld vorschrieb, sondern bereits im Januar, wenn die ersten Schneeglöckchen blühen. Die kalte Jahreszeit ist in der Schweiz, wo ich lebe, nicht immer angenehm, und Wintersport interessiert mich nicht. Also zähle ich ab Weihnachten buchstäblich die Tage bis der Frühling kommt und bin schon quasi im Modus der „grünen Wiedergeburt“. Obwohl es immer noch kalt ist und ich in meine warme Steppjacke eingepackt bin, meine Nase in meinem Schal vergraben, denke ich nur an eines: Farbe!

Meine erste Liebe des Jahres passt perfekt zu diesem Bedürfnis, etwas anderes zu sehen als das triste Grau der Genfer Bürgersteige, denn unter den ersten Stücken, die TAG Heuer anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Carrera präsentierte, war eine Kollektion von Drei-Zeiger-Modellen. Eines davon besitzt ein fuchsiafarbenes Zifferblatt. In Sachen Mechanik ist diese Uhr noch weit von den zur selben Zeit präsentierten Chronographen (mit oder ohne Tourbillon) entfernt, doch mit ihrem hellen, fröhlichen Farbton hat sie mich sofort angesprochen. Ich gehöre zu den Glücklichen, die eine solche Uhr besitzen und trage sie regelmäßig. Die einfachen, aber unverzichtbaren Anzeigen passen perfekt zu mir, denn auch wenn ich als Journalistin technische Spielereien bewundere, lege ich als Kundin doch mehr Wert auf die Alltagstauglichkeit. Mein einziger Kritikpunkt ist der Durchmesser von nur 36 mm, den ich im Vergleich zu meinen ansonsten 40-mm-Uhren recht klein finde.

TAG Heuer Carrera Date © TAG Heuer
TAG Heuer Carrera Date ©TAG Heuer

Die Oris ProPilot X Kermit Edition (39 mm) hingegen trage ich seit dem Tag, an dem ich sie bekommen habe. Ich liebe sie wegen ihres herrlich leichten Titangehäuses. Ihr erfrischend grünes Gesicht ersetzt die Vitaminkapseln, die ich sonst jeden Morgen beim Frühstück einnehme, und einmal im Monat muss ich schmunzeln, wenn um 6 Uhr der berühmte Frosch aus der Muppet Show im Datumsfenster grinst.

Eine weitere Wohlfühl-Uhr, in die ich mich total verliebt habe, ist die Oyster Perpetual 41 mm mit ihrem edlen türkisfarbenen Zifferblatt und vielen gelb, rot, grün und rosa gefärbten Blubberblasen. Kurz gesagt: Ich bin verrückt nach dieser Uhr.

Meine Kindheitserinnerungen sind wie ein Motor, der mir hilft, durch die Höhen und Tiefen des Alltags zu navigieren, und diese drei Referenzen voller kompromissloser, direkter Anspielungen, unterbrochen von Sprechblasen oder einer Figur aus den TV-Sendungen meiner Kindheit, lassen mein inneres Kind strahlen. Wie ich oft sage: Das Leben ist zu kurz für langweiliges Schwarz. Außerdem macht man es sich mit Schwarz zu einfach. Farbe dagegen ist eine Frage des Stils.

Eine vielschichtige Persönlichkeit für einen heiteren Sommer

Ich kaufe Uhren nicht, um sie in einem Bankschließfach zu verstecken, sondern damit sie mich auf meinen Abenteuern begleiten. Sie müssen also Kratzer, Meerwasser und eine ordentliche Schlammpackung während der Gartenarbeit aushalten. Geselligkeit bedeutet mir sehr viel, und wenn der Sommer kommt, greife ich zu robusten Stücken, denn dann bin ich eine hochaktive Working Mum. Nichts darf mich in meiner Bewegungsfreiheit einschränken, meinen Arm beschweren oder mich ins Schwitzen bringen – und das Konzept, eine Uhr abzulegen, bevor ich mich in die blauen Wellen des Mittelmeers stürze, existiert in meiner persönlichen Philosophie nicht.

Kurz gesagt, alle Tudor-Uhren sind perfekt für den Sommer, aber dieses Jahr kann ich mich kaum für eine entscheiden. Mein Herz schwankt zwischen der Black Bay GMT, die mich begeistert hat, obwohl ich eigentlich kein Fan von weißen Zifferblättern bin, der Pelagos FXD mit ihrer Titan- und Carbon-Lünette und der „klassischen“ Black Bay in 39 oder 41 mm. Bei letzterer stört mich lediglich das Jubilee-Armband. Ich liebe zwar Metallglieder, aber dieses Design mag ich nicht wirklich, ich bevorzuge die anderen Referenzen der Kollektion – oder das NATO-Textilband, zweifellos das schönste, bequemste und robusteste Armband der gesamten Uhrenwelt.

Doxa Army Bronze Bezel © Balazs Ferenczi
Doxa Army Bronze Lünette ©Balazs Ferenczi

Um (nochmals) auf das Thema Farben zurückzukommen: Ich finde die in Grün, Blau, Gelb und Orange erhältliche Hermès H08 sehr gelungen. Neben der auffälligen geometrischen Silhouette und der feinen Maserung auf der anthrazitfarbenen Oberfläche des Zifferblatts hat diese Uhr dank ihres sportlich-eleganten Charakters den Vorteil ihrer großen Vielseitigkeit – alles, was ich von einer Uhr erwarte.

Die Tissot Sideral spielt auch mit Farben, Materialien sowie Formen und erstrahlt in verschiedensten Umgebungen. Dank ihres tonneauförmigen Gehäuses aus Stahl und geschmiedetem Karbon ist sie relativ leicht, dank des Kalibers Powermatic 80 effizient und dank der mehrfarbigen Kreisskalen auf ihrem dunklen Zifferblatt — wunderschön. Im Katalog der Marke aus Le Locle gefallen mir auch die neuen Versionen der automatischen PRX sehr gut, vor allem die Variante in Himmelblau, die ein sommerliches Gefühl vermittelt, und die goldene Version mit Digitalanzeige, die mich an meine allererste Uhr erinnert, als ich sieben war.

Andere Alternativen für einen ruhigen Sommer ohne Sorgen um die Wasserdichtigkeit und Robustheit Ihrer dennoch eleganten Uhr sind die SUB-Referenzen von Doxa, die Alpiner Extreme Automatic von Alpina (für etwas stärkere Handgelenke als meine) sowie die Ocean Star Decompression Worldtimer Special Edition von Mido.

Entspannt zurück in die Schule

Mit dem Ende des Sommers kommen das Ende der Ferien und der Beginn eines neuen Schuljahres. Das bedeutet Klassenzimmer für die Jüngeren und Großraumbüros für die Älteren. Ich freue mich zwar, dass ich nicht mehr in einem solchen Gemeinschaftsraum arbeiten muss, sondern meine Artikel in der Behaglichkeit meines eigenen Zuhauses schreiben kann, aber im September stehen wieder Uhren-Events, Pressereisen und Produktpräsentationen auf dem Terminplan. Nach ein paar Wochen Pause, vorzugsweise an einem sonnigen Strand, beruhigen sich mein Geist sowie Handgelenk und ich entscheide mich für klassischere Modelle, aber immer mit einem Hauch Kreativität und Anderssein, denn Konformismus ist meine Sache nicht. Ich habe eine Vorliebe für Ton-in-Ton-Uhren, bei denen sich das Metall des Gehäuses im Armband fortsetzt und die silbernen Farbtöne sich auch auf dem Zifferblatt wiederfinden.

Der neuen Tambour von Louis Vuitton, die nach zwanzig Jahren in ihr drittes Jahrzehnt startet und mit einer überarbeiteten, etwas diskreteren Ästhetik aufwartet, kann man nur schwer widerstehen. An diesem Stahlmodell, das mit Oberflächen in leuchtenden Grautönen jongliert, ist einfach alles makellos und sowohl ihre Ergonomie als auch ihr Antrieb sorgen dafür, dass Sie sie nicht so schnell wieder ablegen.

In Sachen Bvlgari gehöre ich zwar zu den bedingungslosen Bewunderern der Octo Finissimo, doch muss ich auch die Octo Roma erwähnen, eine Drei-Zeiger-Uhr mit Datumsanzeige, die sich durch eine elegante, moderne Konstruktion auszeichnet. Diese Uhr ist ideal für jüngere Generationen, die italienische Raffinesse mit Schweizer Präzision verbinden möchten.

Octo Roma © Bvlgari
Octo Roma ©Bvlgari

Allen Zenith-Referenzen aus den Reihen Chronomaster Sport, Defy Skyline und Revival wohnt ein besonderer Zauber inne, der im Verlauf der Jahre und mit steigender Anzahl an Varianten stärker wird. Der jüngste Neuzugang, die Skeleton Night Surfer El Primero macht mit ihrer mysteriösen bläulichen Aura die Augen neugierig.

Ein langer Wunschzettel

Die meisten der hier genannten Uhren sind momentan relativ einfach zu erwerben und können 365 Tage im Jahr von morgens bis abends getragen werden. Wie Sie vielleicht bemerkt haben, beinhaltet meine Liste keine Chronographen. Das liegt daran, dass ich persönlich keine Verwendung für diese wunderschöne Komplikation habe, obwohl ich ihre technische Raffinesse durchaus bewundere. Außerdem schätze ich schlichte, elegante Zifferblätter, die nur das Notwendige anzeigen, möglichst in intensiven Farben. Wenn ich jedoch in dieser Weihnachtszeit einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann schreiben müsste – vorausgesetzt, er existiert und hat ein unbegrenztes Budget – wäre dieser absolut fantastisch.

In vielen wunderbaren Uhren steckt hervorragende Handwerkskunst, die meine Kinderaugen zum Leuchten bringt. Das gilt z. B. für die Reverso Tribute Enamel Hokusai von Jaeger-LeCoultre (vor allem wegen meiner langjährigen Begeisterung für den großen japanischen Meister des Ukiyo-e), die Lady Féerie aus dem Hause Van Cleef & Arpels, die das Tor zum Reich der Träume öffnet, sowie für die vier Meisterwerke der Serie Hommage aux Naturalistes Explorateurs von Vacheron Constantin.

Fifty Fathoms 70th Anniversary Act III © Blancpain
Fifty Fathoms 70th Anniversary Act III ©Blancpain

Außerdem würde ich in meine imaginäre Schatzkammer auch gern innovative Editionen wie die Masse Mystérieuse von Cartier oder die J12 X-Ray Star von Chanel aufnehmen, deren Transparenz mich beruhigt; dazu die Blast Free Wheel Marquetry von Ulysse Nardin, deren blaues Design meinen Geist auf eine Reise ans azurblaue Mittelmeer schickt; die RM 07-04 von Richard Mille mit ihren beruhigenden Farben; die fabelhafte Code 11.59 Ultra-Complication Universelle RD#4 von Audemars Piguet sowie die Reverso Tribute Chronograph von Jaeger-LeCoultre, definitiv eines meiner Lieblingsstücke aus 2023.

Auf dieser bunt gemischten Liste, die ich für einen bestimmten weißbärtigen Herrn mit Wohnsitz am Nordpol erstellt habe, erfreuen jedoch vor allem zwei Uhren mein sentimentales Herz – denn ich bin leidenschaftlicher Geschichtsfan: das im Juni vorgestellte „Militär“-Modell Type 20 Chronographe 2057 von Breguet und die Fifty Fathoms 70th Anniversary Act III von Blancpain. Vielleicht werden meine Träume eines Tages Wirklichkeit – wer weiß?


Über den Autor

Sharmila Bertin

Als ich vor fast 20 Jahren in die Schweiz zog und im Omega-Hauptquartier zu arbeiten begann, wurde mir schon früh gesagt, dass man die Welt der Uhrmacherei, wenn man sie einmal betritt, nie wieder verlassen wird – und das hat sich für mich bewahrheitet.

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